Neue Aktien

Europas größte Laborkette geht an die Frankfurter Börse

Von Klaus-Max Smolka
07.04.2021
, 13:57
Die Laborkette Synlab strebt den Gang aufs Frankfurter Börsen-Parkett an. Zuletzt profitierte das Unternehmen auch von der Pandemie: ein Viertel des Umsatzes machte Synlab mit Corona-Tests.

Die Covid-Krise treibt einen der großen Börsengänge in Frankfurt an. Die Laborkette Synlab, die zuletzt ein Viertel des Umsatzes mit Corona-Geschäft erzielte, kündigte am Mittwoch den Gang aufs Parkett offiziell an. Wie von der F.A.Z. im September berichtet, hatten die Eigentümer unter Führung des Finanzinvestors Cinven im Herbst ihre Börsenpläne wiederaufgenommen und dafür die Beratungsgesellschaft Lilja mandatiert. Synlab sieht sich nach einer Reihe von Zukäufen der vergangenen Jahre als größte Laborkette Europas und erwartet nach eigenen Angaben, dass auch nach erfolgreichen Impfkampagnen noch lange Covid-Tests gebraucht werden.

Die Erstnotiz ist für das zweite Quartal geplant. Neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung allein sollen 400 Millionen Euro erbringen, wie Synlab-Vorstandsvorsitzender Mathieu Floreani auf einer Telefonkonferenz sagte. Wie viel Anteile die bisherigen Eigentümer aus dem Bestand dem Markt anbieten werden, ließ er offen. Der Gesamterlös dürfte jedenfalls viel höher ausfallen. Neben Cinven sind den Angaben zufolge der kanadische Pensionsfonds Ontario Teachers' Pension Plan und Novo Holdings an Synlab beteiligt – außerdem Mitglieder des Managements, den Usancen von Private Equity entsprechend. Synlab ist nach der üblichen Kalkulation auf Basis der operativen Erträge mehrere Milliarden Euro wert.

Synlab hatte seinen Börsengang wegen der Gesundheitskrise im vergangenen Jahr zunächst aufgeschoben. Inzwischen profitiert das Unternehmen stark vom Bedarf an PCR-Tests und anderen Tests auf das Coronavirus. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr um knapp zwei Fünftel (38 Prozent) auf 2,6 Milliarden Euro. 620 Millionen Euro davon entfielen auf das Covid-Geschäft. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) erhöhte sich binnen Jahresfrist um 71 Prozent auf 679 Millionen Euro.

„Wir erwarten einen höheren Covid-19-Beitrag“

In diesem Jahr soll das Corona-Geschäft noch zulegen. Die Preise für PCR-Tests fallen den Angaben zufolge, aber der Absatz steigt. „Wir erwarten einen höheren Covid-19-Beitrag“, sagte Finanzvorstand Sami Badarani. Auch nach flächendeckenden Impfungen wird der Effekt nach Einschätzung des Managements nicht verschwinden: „Bei jeder Infektionskrankheit haben wir einen Langzeitbedarf zur Überwachung gesehen“, sagte Floreani. Das erwarte man auch für Covid-19.

Die Eigentümer bestellten im Herbst Goldman Sachs und JP Morgan als Investmentbanken, die den Börsengang federführend organisieren sollen. Synlab ist ein besonders plastisches Beispiel für eine „Buy-and-Build“-Geschichte von Private Equity: Finanzinvestoren erwerben in diesem Konzept ein Unternehmen, das sie als Plattform für Zukäufe nutzen, idealerweise in einem fragmentierten Markt. Cinven kaufte 2015 erst für 1,2 Milliarden Euro dem Investor 3i die französische Labco ab, erwarb kurz darauf von BC Partners die damals in Augsburg ansässige Synlab – nach Angaben aus Finanzkreisen für 1,7 bis 1,8 Milliarden Euro – und schloss beide zusammen. Schon bald gab es Gespräche über eine Fusion mit einem weiteren großen Konkurrenten, die aber scheiterten.

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Im kleineren Stil hat die heute in München sitzende Gesellschaft aber immer weiter zugekauft. Im Vierjahreszeitraum 2016 bis 2019 habe Synlab durchschnittlich 200 Millionen Euro jährlich dafür ausgegeben, sagte Badarani in der Telefonkonferenz am Mittwoch. Mit solchen jährlichen Durchschnittsbeträgen soll es weitergehen. Akquisitionen werden den Angaben zufolge den Löwenanteil des Wachstums ausmachen: Synlab peilt 10 Prozent mehr Umsatz jährlich an, davon entfallen auf das organische Wachstum 3 Prozentpunkte. Man wolle Wettbewerbern Geschäft entreißen, also Marktanteil gewinnen, und außerdem Schwellenländer als Märkte erschließen, hieß es.

Erste Dividendenzahlung 2022

Beim Börsengang sollen Privataktionäre und institutionelle Investoren zum Zuge kommen. Sie können nach den Aussagen vom Mittwoch eine erste Dividendenzahlung im Jahr 2022 erhalten – als Gewinnausschüttung für das laufende Jahr. Die Quote soll 20 bis 30 Prozent des Nettogewinns betragen. Synlab will mit dem Erlös Schulden abtragen. Der Verschuldungsgrad – der Ende 2020 beim 3,3-Fachen des Ebitda und Ende 2019 doppelt so hoch lag – soll mittelfristig unter das Dreifache sinken.

Das Unternehmen beschäftigt 20.000 Mitarbeiter, betreibt 450 Labore und beinahe vier Mal so viele Probeentnahmestellen, liefert jährlich 500 Millionen Testergebnisse von 100 Millionen Patienten. Das geschätzte globale Marktvolumen gibt Synlab mit 200 Milliarden Euro an, wovon 90 Milliarden Euro auf Regionen entfielen, in denen das Unternehmen aktiv sei. Das Unternehmen führte im März vergangenen Jahres noch 100.000 Corona-Tests aus, im Dezember 2,6 Millionen.

Die Rekorde am deutschen Aktienmarkt locken derzeit eine Reihe von Firmen an die Börse. So schaffte die Vodafone-Funkturm-Tochter Vantage Towers im März mit einer Bewertung von mehr als 12 Milliarden Euro den in dieser Hinsicht größten Börsengang seit 2018. Der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 kam auf einen Börsenwert von 8 Milliarden Euro. Vor dem Sommer sind weitere Börsengänge zu erwarten, darunter jener des Online-Autohändlers MeinAuto, des Software-Unternehmens Suse und der Internet-Händler About You und Mr. Spex.

Quelle: FAZ.NET
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