Spac-Börsengang

Tonies starten fulminant an der Börse

Von Daniel Mohr
29.11.2021
, 12:22
Der „magische Moment“, wenn die Figur auf die Box kommt: Die Tonies-Gründer Marcus Stahl (54, links) und Patric Faßbender (51)
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Das Geschäft mit den Hörspielfiguren wächst rasant. Nun können sich auch die Anleger in Frankfurt beteiligen. Der Auftakt ist viel versprechend.
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Asterix könnte der neue Star werden. Zumindest in vielen Büchereien in Bayern. „Die Vorfreude bei uns ist riesig, wenn im Dezember die neue Asterix-Toniefigur kommt“, sagt Stefanie Schregle, die für den Michaelsbund mehr als 1000 öffentliche Büchereien in Bayern mit Neuerscheinungen versorgt. Und da stehen die Tonies ganz oben auf der Wunschliste vieler Kunden. „Die Neuheiten sind immer heiß erwartet“, sagt Schregle. Im November war es die „Eiskönigin 2“, nun Asterix. „Die Zusammenarbeit mit Tonies ist super, auch der ganze Kundenservice“, sagt Schregle. „Die To­nies sind die neue CD.“

Genau das war der Gedanke, den Marcus Stahl und Patric Faßbender vor acht Jahren hatten: Abspielgeräte wie CD-Player oder MP3s sind nicht gerade kleinkindgerecht. Also haben sich die beiden Familienväter etwas anderes ausgedacht: eine robuste, weichummantelte, handliche Box, auf die Spielfiguren gestellt werden können. Die enthalten einen NFC-Chip, über den die Box weiß, welcher Inhalt abgespielt werden muss. Steht die Figur auf der Box, beginnt das Hörspiel. „Die Magie dieses Moments, wenn die Figur meines Helden auf die Box gestellt wird, der ist unschlagbar verzaubernd“, sagt Faßbender. Millionen Eltern in Deutschland können das bestätigen. Seit Tonies vor fünf Jahren die ersten Tonieboxen und Toniefiguren auf den Markt brachte, gingen allein in Deutschland mehr als zwei Millionen Boxen über die Ladentheke. Insgesamt 25 Millionen Toniefiguren wurden verkauft. Der Siegeszug durch die Kinderzimmer setzt sich längst in Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Irland und den Vereinigten Staaten fort, zuletzt kam Frankreich hinzu.

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Das mag Erwachsene erstaunen, die meinen, Musik und Hörbücher würden nur noch rein digital gestreamt, ohne eigenes Medium und erst recht ohne eine Box von 12 Zentimeter Kantenlänge. „Die Haptik, die Motorik sind wahnsinnig wichtig“, sagt Faßbender. Und so klopfen nicht selten Kinder seitlich auf einen CD-Player oder stellen eine Schleichfigur obendrauf, weil sie diese Handgriffe von der Toniebox gewöhnt sind.

Gewinnmarge von mehr als 30 Prozent geplant

Wie viel Geld sich damit verdienen lässt, wird dieser Tage deutlich. Der Name Tonies steht von diesem Montag an unter der Kennnummer A3CM2W auf dem Frankfurter Kurszettel. 172 Millionen Euro Umsatz sind für dieses Jahr geplant. Bis 2025 soll das Wachstum auf rund 700 Millionen Euro Umsatz führen, die Gewinnmarge auf dem Heimatmarkt auf mehr als 30 Prozent steigen und im Gesamtunternehmen 16 Prozent betragen.Die Börsianer empfangen das Unternehmen begeistert. In den ersten Handelsminuten als tonies SE schoss der Kurs im frühen Handel zeitweise um mehr als 20 Prozent nach oben, später lag er noch 15 Prozent im Plus.

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Tonies sind kein billiger Spaß. 80 Euro kostet etwa eine Box, 12 bis 15 Euro jede Figur. Wer eine weitere Folge zum Beispiel von Benjamin Blümchen auf eine Figur laden will, zahlt 5 bis 7 Euro. Dazu gibt es nun auch Steiff-Stofftiere mit Hörspielchip intus oder in Amerika auch Lern-Tonies aus Holz. Hier wird mit National Geographic zusammengearbeitet. Auch mit Zubehör wie Kopfhörern oder Regalen für die rund 20 Toniefiguren je Kind verdient das Düsseldorfer Unternehmen Geld. Alles in allem ist die Firma den Börsianern gut eine Milliarde Euro wert. Eine ganze Menge für ein junges Unternehmen, das derzeit noch nicht viel Geld verdient. Doch an der Börse zählt Wachstum, und dass es das liefert, hat das Unternehmen seit Gründungstagen unter Beweis gestellt. Und auch, dass dies am deutschen Heimatmarkt profitabel funktioniert, während der Marktstart in neuen Ländern erst einmal Geld verschlingt.

Von Beginn an setzt Tonies auf globale Lieferketten. Herz und Verstand sind mit 250 Mitarbeitern in Düsseldorf. Von hier aus wird das Unternehmen gesteuert und über das Design der Figuren und Ideen für Produkte entschieden. Bald aus neuen Räumlichkeiten in einer ehemaligen Druckerei, weil der bisherige Hinterhof für das rasant gewachsene Unternehmen zu klein wurde. Die Computerchips für die Tonies kommen aus Indien, die Boxen aus China, und die Figuren werden in Tunesien hergestellt und handbemalt. Um mehr Sicherheit in den Lieferketten zu haben, wurden in Corona-Zeiten jeweils Zweitproduktionen errichtet, in Malaysia, Ungarn und China. Auch für das Weihnachtsgeschäft, das fast die Hälfte des Jahresumsatzes ausmacht, sagen die Gründer eine hohe Lieferfähigkeit zu.

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Warum das Unternehmen an der Börse Erfolg haben könnte, zeigt der Marktstart in Amerika. Die Absatzzahlen steigen rasant. Bis 2025 sollen die Vereinigten Staaten zum wichtigsten Absatzmarkt werden. Auch ein Marktstart in China und zahlreichen anderen Ländern ist geplant. „Wir merken auf unseren Messen und Veranstaltungen, dass Kinder rund um die Welt gleichermaßen fasziniert sind von den Tonies“, sagt Marcus Stahl.

Viel Leidenschaft, aber kein Geld

Für den Marktstart in Amerika haben sich die Gründer erstmals einen namhaften größeren Investor ins Unternehmen geholt. Die Armira Holding ist seither größter Anteilseigner und bleibt es auch an der Frankfurter Börse. „Wir hatten die Leidenschaft und die Idee, aber kein Geld“, erzählen die Gründer. An einen Verkauf des Unternehmens haben sie nie gedacht. „Es ist unsere erste Unternehmensgründung, es waren unsere ersten Kapitalrunden, und es wird auch unser erster und einziger Börsengang sein. Es ist unser Baby, unser Geschenk“, sagt Stahl.

Den Weg an die Börse begeht das Unternehmen über einen Spac, also eine zunächst leere Börsenhülle, die dann mit einem Unternehmen gefüllt wird. In diesem Fall ist der „Spac 468“ im April in Frankfurt an die Börse gegangen und hatte 300 Millionen Euro zur Verfügung, um sich in ein Unternehmen einzukaufen. „Wir hatten sehr viel Auswahl an interessanten Unternehmen, aber die Tonies haben am stärksten überzeugt“, sagt Alexander Kudlich, Gründer des Spacs und zuvor schon über Armira an Tonies beteiligt. „Wir hatten den Vorteil, Tonies schon zwei Jahre als Investoren begleiten zu können und wussten daher um das Potential“, sagt der frühere Rocket-Internet-Vorstand. Dem Zielobjekt Tonies stimmten vergangene Woche 99,98 Prozent des investierten Kapitals zu. Seither hatte sich der Kurs des Spacs von rund 11 auf 12 Euro erhöht. Am Montag sprang der Kurs dann nach dem Tonies auch formal in die Spac-Hülle geschlüpft ist zeitweise auf 14,50 Euro. Neue Anteilseigner haben weitere gut 100 Millionen Euro investiert, darunter die legendären schottischen Technologie-Investoren von Baillie Gifford, die früh in Tesla und Amazon investiert haben. „Es ist ganz selten, dass wir aus Deutschland heraus ein digitalbasiertes Unternehmen haben, das weltweit eine neue Kategorie definiert, das ist zuletzt nur HelloFresh gelungen“, sagt Kudlich.

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Während der Berliner Kochboxenversender mittlerweile bis in den Dax aufgestiegen ist, fließen den Tonies aus der Spac-Transaktion nun immerhin gut 400 Millionen Euro zu; 210 Millionen Euro an die bisherigen Eigentümer und 190 Millionen an das Unternehmen direkt. Davon gehen 20 bis 25 Millionen für die Kosten der Transaktion drauf, 120 Millionen Euro sind für Investitionen vorgesehen. Das ist viel Geld, vor allem verglichen mit den 10 Millionen Euro Kapital, mit denen Tonies den Weg bisher beschritten hat.

Investiert werden soll das Geld in die weitere Internationalisierung, aber auch in viele weitere Tonie-Lizenzen. Hier arbeitet das Unternehmen mit allen großen Lizenzinhabern wie Disney, Warner oder Sony zusammen, aber auch mit den Erben von Astrid Lindgren und vielen anderen. Für jede Figur braucht es die Rechte an der Figur und an den Inhalten. Seit der Unternehmensgründung waren Patentrechtsanwälte eng involviert. Die technische Seite ist aber nur das eine: „Die Emotionalität kommt über den Formfaktor der wunderschönen Figuren, und es bleibt ein Gerät für Kinder mit der Zielgruppe Vor-Kita, Kita und Grundschule“, sagt Faßbender. Er deutet auch an, dass noch einige Innovationen in der Schublade schlummern, für die bisher keine Zeit war. Neue Updates wie beim Smartphone braucht die Box indes nicht. Aber immer wieder neuen Input, wie zuletzt mit der Eiskönigin und nun mit Asterix. Das könnte so manchem Börsianer gefallen.

Quelle: F.A.S.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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