Tschechiens Zentralbankchef

Aleš Michl und das Angstszenario

Von Andreas Mihm
03.07.2022
, 09:59
Aleš Michl
In Tschechiens Notenbank hatten bisher die Verfechter einer konservativen Geldpolitik das Sagen. Das soll sich mit dem Antritt eines neuen Gouverneurs nun ändern.
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Es war ein Misstrauensvotum. Wie anders sollte man die Reaktion des Devisenmarktes zur Ernennung von Aleš Michl zum neuen Gouverneur der tschechischen Notenbank (CNB) bezeichnen? Binnen Kurzem wertete die Krone um 3,7 Prozent ab. Zuerst ein wenig, als erste Gerüchte aufgekommen waren, dann umso mehr, als Staatspräsident Miloš Zeman sie bestätigte. Michl versprach zwar: „Ich kann Ihnen versichern, dass die CNB konservativ bleiben wird. Wir werden die Ziele der Währungs- und Finanzstabilität voll erfüllen, in den nächsten sechs Jahren wird sich nichts ändern.“ Doch das half nicht mehr viel.

Am nächsten Tag musste sich der Zen­tralbankrat, das oberste Gremium der No­tenbank, zu einer außerordentlichen Sitzung treffen. Nicht wegen der Ernennung Michls, sondern wegen der „beträchtlichen Abwertung der Krone“. Die Notenbank in­tervenierte, um den Kurs zu stabilisieren und dem Michl-Abschlag die Spitze zu nehmen. Seither müssen für den Euro wieder rund 24,70 Kronen bezahlt werden, nicht mehr mehr als 25,30 Kronen.

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Der Schock ist jetzt anderthalb Monate her, an diesem Freitag hat Michl sein neues Amt angetreten. Wer ist der Mann? Und warum löst er, wie Bankanalysten flott formulierten, ein „Angstszenario“ aus?

„Recht starker Meinungsaustausch“

Um das zu verstehen, muss man in die bisherige Geldpolitik der Česká národní banka eintauchen, die wegen ihrer konservativen, „falkenhaften“ Geldpolitik gern mit der Deutschen Bundesbank verglichen wird, als sie noch geldpolitisch souverän war. Eine Politik des billigen Geldes nach dem Beispiel der Europäischen Zentralbank ist den Pragern Notenbankern ein Gräuel. Sie gehörten mit zu den Ersten, die im vorigen Frühjahr die Zinsen anhoben, um die Nach-Covid-Inflation in die Schranken zu weisen. Und mit Ausnahme der Un­garn hat keine Notenbank in Europa seither so beherzt die Leitzinsen erhöht.

In neun Schritten schleuste sie wegen der zuletzt auf über 14 Prozent gestiegenen Jahresinflation den Zins von 0,25 Prozent auf nun 7 Prozent hinauf, zuletzt vorige Wo­che mit einem unerwartet ausladenden Schritt von 1,25 Prozent.

Auch das geschah, wie so oft zuvor, mit einer satten Mehrheit von fünf gegen zwei Stimmen. Deutet man die Zeichen richtig, hat es dabei noch einmal richtig geknallt. „Aber ja, wir haben ein wenig gestritten“, ordnete der scheidende Vorsitzende Jiří Rusnok anschließend den „recht starken Meinungsaustausch“ im tschechischen Fernsehen ein. Ein „letztes Hurra“ der geldpolitischen Falken im Vorstand machten die professionellen Beobachter der ING-Bank aus.

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Geldpolitische Taube kommandiert Prager Falken

Denn nun ist einer derjenigen, der die Zinsschritte der Vergangenheit abgelehnt hat, Vorsitzender geworden. Oder, um es in der Sprache der Devisenhändler zu be­schreiben: Eine geldpolitische Taube kommandiert ab jetzt die Prager Falken. Wobei der Zentralbankrat nach drei weiteren plan­mäßigen Neubesetzungen durch Ze­man nicht nur erstmals zwei Frauen an Bord hat, sondern insgesamt weniger „falkenhaft“ sein dürfte. Der Auftrag Zemans ist klar: „Ich erwarte keinen scharfen Einschnitt bei den Zinsen, aber ich glaube, es gibt auch keinen Grund für weitere Erhöhungen.“ Das hatte der gebrechliche Staatschef allerdings vor der letzten, außergewöhnlich starken Anhebung wissen lassen. Der Streit im Bankrat geht vor der Hand darum, wie stark die inländische In­flation durch nationale oder durch importierte Faktoren wie steigende Energiepreise bestimmt wird. Michl vertritt die Meinung, zwei Drittel seien importiert. Da­gegen könne man auch mit höheren Zinsen kaum etwas unternehmen – wohl aber mit der Verteuerung der Kredite durch hohe Zinsen die heimische Konjunktur vollends abwürgen.

Es ist nicht allein diese Auffassung des bärtigen 44 Jahre alten Pragers, die Reibungsenergie erzeugt. Seine Persönlichkeit polarisiert. Er wird von Weggefährten als unorthodox in Auffassungen und Taten be­schrieben. Er neige eigenbrötlerisch zu Al­leingängen, er sei kein geborener Teamarbeiter. Manche kritisieren an seiner fachlichen Qualifikation herum. Das wohl kaum, weil er Finanzwissenschaften an re­nommierten Hochschulen studiert hat – der Universität in Prag, der London School of Economics und der Wharton School der University of Philadelphia – und sich mit Spieltheorie und Portfoliomanagement befasst hat. Immer wieder hat Michl, der sich zeitweise als Wirtschaftsjournalist verdingte, in Zeitungskolumnen und Büchern versucht, Wirtschafts- und Finanzpolitik populärwissenschaftlich zu erklären. Social Media ist ihm kein Fremdwort, man muss nur seinen Twitter-Kanal anschauen.

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Was die einen die Nase rümpfen lässt, werten andere als Vorteil: Michl hat Er­fahrung in Privatwirtschaft und Politikberatung. Von 2006 bis 2014 war er Ökonom in der österreichischen Raiffeisenbank International (RBI). Später hat er, der parteipolitisch nicht gebunden ist, den früheren Ministerpräsidenten und Milliardär Andrej Babiš beraten und mit Michl Fund Management eine eigene Fondsgesellschaft aufgelegt – eine Tätigkeit, die er beim Eintritt in die Notenbank 2018 einstellte.

„Arbeiten und sparen“

Babiš, dem Interesse an einer Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten bei der Wahl im Januar 2023 nachgesagt wird, soll sich für Michls Ernennung bei Zeman stark gemacht haben. Über Michls Beziehung zu Babiš weiß man darüber hinaus wenig, wohl aber über seine Bewunderung für Alois Rašín, eines Finanzministers der damaligen Tschechoslowakei vor 100 Jahren. Michl machte sich nicht nur für ein Denkmal für den 1922 erschossenen Rašín stark, er zitiert auch gern dessen Motto „Arbeiten und sparen“.

Mit dem Sparen will er bei den Gehältern der Notenbankbeschäftigten anfangen, Forderungen nach einem Inflationsausgleich plus 2,5 Prozent Gehaltszuwachs seien „unangemessen“, sagte Michl im Interview mit der tschechischen Wirtschaftszeitung „Ekonom“. An anderer Stelle merkte er an, es sei für ein Land, für ein Unternehmen oder eine Familie doch „viel einfacher, die Folgen von Katastrophen zu lindern, wenn es in besseren Zeiten über Ersparnisse, Vermögen und nicht über ei­nen Haufen Schulden verfügt“. Klingt wie die tschechische Variante der „schwäbischen Hausfrau“.

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In „Econom“ ließ der nun fünfte Notenbankgouverneur seit 1989 auch wissen, dass er die von der Notenbank verwalteten Devisenvermögen von 161 Milliarden Euro effizienter verwalten, den Aktienanteil von heute 16 auf 20 Prozent erweitern und den Goldbestand von 11 auf 100 Tonnen erhöhen wolle. Gewinne könnten zur Deckung des defizitären staatlichen Rentensystems verwandt werden.

Ob es dazu kommen wird, bleibt abzuwarten. Offen ist auch, ob die Neubesetzungen im Bankrat nun zu einer scharfen Revision des bisherigen geldpolitischen Kurses führen wird. Michl hatte das de­mentiert. Auch professionelle Beobachter rechnen damit eher nicht. „Jetzt muss auch die Institution Stärke und Qualität zeigen. Die Fachleute in der zweiten und dritten Reihe sollten sich klar positionieren“, sagt etwa der Leiter der volkswirtschaftlichen Analyse der RBI, Gunter Deuber. Ein Präsident vertrete eine Institution zwar nach außen, bestimme aber deren Politik nie allein.

Die Leiterin des Zentralbanksekretariates und die Pressesprecherin der No­tenbank, beide arbeiten eng mit dem Gou­verneur zusammen, haben derweil ihre Ämter niedergelegt. Der Devisenmarkt verhält sich, eingehegt von den In­terventionsdrohungen und der großen Feuerkraft der Notenbank, einstweilen ruhig. Die nächste geldpolitische Sitzung des Bankvorstands, die erste unter Leitung von Aleš Michl, ist für den 4. August terminiert.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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