Wirtschaft unter Druck

Inflation in der Ukraine steigt auf 8,5 Prozent

Von Andreas Mihm
16.04.2021
, 14:29
Das Land leidet unter Corona, dem aggressiven Nachbarn Russland und nun auch noch unter schlechtem Wetter für die Landwirtschaft. Die Lebenshaltungskosten schnellen mit hohen Inflationsraten in die Höhe – und die Notenbank versucht, das Schlimmste zu verhindern.

In der Ukraine hat die Notenbank die Leitzinsen angesichts steigender Lebenshaltungskosten um einen Punkt auf 7,5 Prozent angehoben. Im März stieg die Inflation auf 8,5 Prozent gegenüber 6,1 Prozent im Januar. Im Jahresschnitt könnte die Inflation nun auf 8 Prozent steigen. Deshalb zeigte die Zentralbank sich bereit, die Zinsen weiter anzuheben. 2021 solle die Inflationsrate den erwünschten Zielwert von 5 Prozent erreichen. Kiew folgt mit der Anhebung der Zentralbank im Nachbarland Belarus, die erstmals seit 6 Jahren den Leitzins erhöhte – auf nun 8,5 Prozent.

Die Verteuerung der Kredite trifft die ukrainische Wirtschaft in einer kritischen Lage. Der russische Militäraufmarsch an der Grenze hat nicht nur die internationale Diplomatie auf den Plan gerufen und Amerika mit dazu bewogen, neue Finanzsanktionen gegen Russland zu verhängen. Die Zuspitzung des Konfliktes um die von Russland annektierte Krim und die Besetzung des Donbass hat auch die ukrainische Währung unter Druck gesetzt. Am Freitag notierte sie bei knapp 28 Griwna je Dollar, der Euro wurde mit 33,50 Griwna bewertet. Aufs Jahr gesehen ist das ein Minus von knapp 3 Prozent zum Dollar und mehr als 13 Prozent zum Euro.

Dramatische Aufrüstung

„Russlands dramatische militärische Aufrüstung in den besetzten Gebieten und in der Nähe der ukrainischen Grenzen hat die Marktteilnehmer erschreckt“, urteilt Serhii Kolodii, Analyst der Raiffeisen Bank International. Wachsende Sorgen vor den Absichten Russlands und eine drastische Verschlechterung der Lage bedrohten die Wechselkursstabilität erheblich.

Andere Faktoren wie das kalte Wetter, das den Start der Frühjahrsaussaat verschleppe, kommen hinzu. Innenpolitisch stehen über allem Auswirkungen der Corona-Pandemie mit mehr als 16.000 Neuinfektionen und 300 Corona-Toten am Tag in dem Land, das hab so groß ist wie Deutschland. Voriges Jahr betrug der Handelsaustausch mit Deutschland 7,1 Milliarden Euro, ein Minus von 8 Prozent.

Die ukrainische Wirtschaft schrumpfte 2020 um 4 Prozent. Dieses Jahr erwarten Ökonomen ein Plus von 3,5 bis 4 Prozent. Als Treiber nennt der Wiener Osteuropa-Think-Tank WIIW den Privatkonsum und das Anspringen der Investitionen. Hohe Weltmarktpreise für Nahrungsmittel und Rohstoffe sollten helfen.

Jedoch blieben strukturelle Defizite wie mangelnde Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung. Das hat die neue amerikanische Regierung mit dem Vorgehen gegen ukrainische Oligarchen betont. Beide Themen sind neben einer strikten Fiskalpolitik und einem von Staatseingriffen unabhängigen Bankensystem wesentliche Gründe dafür, dass der Internationale Währungsfonds seine im Juni 2020 zugesagten Finanzhilfen in Höhe von 5 Milliarden Dollar nur zu weniger als der Hälfte ausgezahlt hat.

Der IWF moniert auch neuerliche Eingriffe der Regierung in die Marktpreise für die Versorgung der Haushalte mit Gas. Allerdings hatten EU, Weltbank und europäische Entwicklungsbanken dem Land noch Ende 2020 Kredite und Hilfen in dreistelliger Millionenhöhe gewährt. Die weltweit niedrigen Zinsen machten zudem die Kreditaufnahme an den Kapitalmärkten weiterhin leicht.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot