Anleihekaufprogramm

Der Turmbau zu Frankfurt

Von Gerald Braunberger
07.09.2017
, 19:13
Umstrittener Anleihenkauf: EZB berät über Zukunft des Programms
Die EZB will im Oktober über ihr Anleihekaufprogramm beraten. Die amerikanische Notenbank Fed ist schon einen Schritt weiter: Sie will ihre Bestände verringern. Das weckt Sorgen.

Die Europäische Zentralbank will auf der Sitzung ihres Zentralbankrats im Oktober Entscheidungen über die Zukunft ihres Anleihekaufprogramms bekanntgeben. Der Zentralbankrat habe auf seiner Sitzung am Donnerstag „sehr vorläufig verschiedene Szenarien“ diskutiert, sagte Präsident Mario Draghi nach der Sitzung. Gesprochen habe man unter anderem über die zeitliche Dauer des Anleihekaufprogramms sowie über seine Größe. Aber beschlossen wurde noch nichts. Zumindest bis Jahresende wird die EZB weiterhin Anleihen für 60 Milliarden Dollar im Monat kaufen.

Bemerkenswert ist die Reaktion der Finanzmärkte. Am Devisenmarkt stieg der Wechselkurs des Euros bis auf 1,2060 Dollar, während sich am Anleihemarkt die Renditen kaum bewegten. An beiden Märkten aber gilt eine Reduzierung der Anleihekäufe im kommenden Jahr als ziemlich sicher, zumal Draghi das über den Erwartungen liegende Wirtschaftswachstum in der Eurozone betonte.

Fed will weitreichenden Beschluss fällen

Eine ähnlich lässige Reaktion der Anleihemärkte lässt sich in den Vereinigten Staaten beobachten, wo die Notenbank Fed Ende 2014 aufgehört hatte, ihre Anleihebestände auszubauen, und seitdem nur noch fällig werdende Anleihen in ihren Beständen ersetzt. Seit dem vergangenen Frühjahr lässt die Fed deutlich erkennen, dass sie wohl noch im Herbst einen weitreichenden Beschluss fällen wird, nach dem die mehr als 4 Billionen Dollar umfassenden Anleihebestände allmählich kleiner werden sollen. Dabei denkt die Fed zumindest bis auf weiteres nicht an Verkäufe von Anleihen. Sie plant vorerst, fällig werdende Papiere nicht mehr vollständig durch neue Papiere zu ersetzen. Allein in den kommenden zwei Jahren werden Staatsanleihen über 782 Milliarden Dollar fällig. Daneben hält die Fed umfangreiche Bestände an Hypothekenpapieren.

Bild: Quelle: Bloomberg; F.A.Z.-Grafik Brocker

Seitdem die Fed über eine Reduzierung ihrer Bilanzsumme spricht, zeigen sich die Anleihemärkte unbeeindruckt. Doch mittlerweile mehren sich warnende Stimmen. Es gebe kein historisches Vorbild für das Volumen der Anleihekäufe der Fed, warnte der Vorstandsvorsitzende der Großbank J P Morgan Chase, Jamie Dimon. Daher wisse auch niemand, was geschehe, wenn die Fed beginne, ihre Bestände zu verringern.

Investmentbank Morgan Stanley äußert böse Vorahnungen

Böse Vorahnungen äußern Vertreter der Investmentbank Morgan Stanley. „Der Markt denkt bisher, dass alles gutgehen wird“, sagte die Chefökonomin für die Vereinigten Staaten, Ellen Zentner, auf einer Veranstaltung in Frankfurt. Aber wenn die Fed künftig weniger Staatsanleihen kaufen werde, müssten andere Anleger die Papiere erwerben. Zentner fürchtet, dass unter einer zunehmenden Nachfrage für Staatsanleihen durch private Anleger die Käufe amerikanischer Unternehmensanleihen leiden könnten, und das sei bedenklich, weil allein im kommenden Jahr Unternehmensanleihen über rund 400 Milliarden Dollar fertig würden. „Wenn die Renditeabstände zwischen Unternehmensanleihen und Staatsanleihen deutlich zunehmen, kann dies negative Rückwirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben“, warnte die Ökonomin. Auch aus Fondsgesellschaften ist zu hören, der Markt für amerikanische Unternehmensanleihen sei angesichts der viel zu hohen Preise für diese Papiere und der hohen Verschuldung vieler amerikanischer Unternehmen fragil.

Bild: Quelle: Bloomberg; F.A.Z.-Grafik Brocker

Die Fed ist sich der Risiken wohl bewusst und will daher nur mit einer sehr vorsichtigen Reduzierung ihrer Anleihebestände beginnen, die, wenn sie störungsfrei verläuft, 50 Milliarden Dollar im Monat erreichen könnte. Der Blick auf die historischen Erfahrungen mahnt zur Vorsicht. Die Fed hat in ihrer Geschichte schon sechsmal versucht, ihre Bilanzsumme zurückzufahren. Fünf dieser Versuche endeten in einer Rezession.

So weit wie die Fed ist die EZB noch lange nicht. Sie baut ihre Anleihebestände immer noch auf. Wie es weitergehen könnte, zeigt eine Schätzung von Berenberg. Demnach könnten die monatlichen Käufe im Januar 2018 auf 45 Milliarden Euro reduziert werden. Alle drei Monate dürfte das Volumen dann um jeweils 15 Milliarden Euro sinken.

Politik der EZB ähnelt Turmbau

Es gibt aber auch noch einen anderen wesentlichen Unterschied zwischen der EZB und der Fed. In den Vereinigten Staaten besteht die Aktivseite der Notenbankbilanz fast ausschließlich aus Anleihen; Kredite an Banken spielen für die amerikanische Geldpolitik nahezu keine Rolle. Dies ist in Europa traditionell anders. Dort befinden sich in vielen Ländern auf der Aktivseite der Notenbankbilanz sehr viele Kredite an Banken. Selbst nach gut zwei Jahren eines aggressiven Anleihekaufprogramms machen die im Besitz der EZB befindlichen Anleihen nur knapp die Hälfte der Bilanzsumme der EZB aus.

Dies trägt allerdings dazu bei, dass die Bilanzsumme der EZB rund 40 Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone ausmacht. Diese im internationalen Vergleich sehr hohe Zahl wird angesichts der Fortdauer des Anleihekaufprogramms weiter steigen. So ähnelt die auf Erhöhung der Bilanzsumme ausgerichtete Politik der EZB einem Turmbau zu Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
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