Universal Music

Ein neuer Superhit für die Börse

Von Christian Schubert und Benjamin Fischer
20.09.2021
, 17:16
Auch Shooting-Star Olivia Rodrigo arbeitet mit Universal zusammen.
Am Dienstag bringt Vivendi seine Tochtergesellschaft Universal Music an die Börse. Der Musikriese wird fast so hoch bewertet wie Vivendi – und das dürfte noch zu wenig sein.

Ein Börsengang der besonderen Art bereichert von diesem Dienstag an die Angebote für die Investoren. Der französische Unterhaltungs- und Medienkonzern Vivendi bringt seine Tochtergesellschaft Universal Music an den Markt. Mehr denn je kann die Börse nun sagen, dass „da Musik drin ist“, denn zuvor war Universal Music nur als Teil des breit aufgestellten Vivendi-Konzerns zu haben. Künftig aber ist der größte Musikkonzern der Welt ein eigenständiger Wert für die Investoren.

Universal Music ist die Nummer eins unter den drei führenden Musikunternehmen, den sogenannten Majors, zu denen noch Sony Music und Warner Music gehören. Der Fachseite Music & Copyright zufolge lag der Universal-Anteil auf dem globalen Markt für Musikaufnahmen im vergangenen Jahr bei 32,1 Prozent. Nummer zwei Sony kam mit seiner Labelsparte auf 20,8 Prozent. Die Tochtergesellschaft des japanischen Elektronikkonzerns behauptete zwar im Verlagsbereich mit 24,5 Prozent zu 23 Prozent knapp ihre Führung vor Universal. Doch ist der Markt für Musikaufnahmen nicht nur mit Blick auf sein Volumen erheblich größer, auch die Margen sind es. Allen voran durch den Streaming-Boom ist dieser Markt 2020 das sechste Jahr in Folge auf nunmehr 21,6 Milliarden Dollar gewachsen. 2014 waren es noch rund 14 Milliarden Dollar.

Bolloré hat geduldig gewartet

Vivendi rechnet so mit einer Marktbewertung für Universal von 33 Milliarden Euro, doch Schätzungen wie die der Bank of America reichen sogar bis knapp 50 Milliarden Euro. Wer die Marktbewertung der Muttergesellschaft Vivendi von derzeit rund 35 Milliarden Euro ansieht, erkennt das Dilemma der französischen Gruppe: Alle Geschäftsbereiche neben Universal sind in den Augen der Anleger so gut wie nichts wert, darunter der Fernseh- und Filmbereich von Canal Plus und Studiocanal, die Werbeagentur Havas, der Computerspiele-Anbieter Gameloft, der Buchverlag Editis und das Zeitschriftengeschäft mit Prisma Media und beispielsweise den französischen Ausgaben von Geo und Capital. Die Anleger drängen seit Jahren darauf, Vivendi von dem an der Börse üblichen Konglomerats-Abschlag zu befreien und Universal abzutrennen, um so auch dem Musikunternehmen ein schärferes Börsenprofil zu geben.

Vivendi-Großaktionär Vincent Bolloré hat geduldig auf einen guten Zeitpunkt gewartet und den Börsengang geschickt vorbereitet, indem er Minderheitsanteile schon vorher abstieß. Im August gingen gut 7 Prozent an den Investmentfonds des Amerikaners William Ackman für 2,8 Milliarden Dollar, die er danach auf 10 Prozent aufstockte. Zuvor hatte Vivendi schon 20 Prozent für 6 Milliarden Euro an ein Konsortium abgegeben, das vom chinesischen Unternehmen Tencent angeführt wird. Zum Vergleich: 2013, ein Jahr bevor Bolloré bei Vivendi einstieg, hatte die Softbank-Gruppe ein Angebot für Universal von 6,5 Milliarden Euro abgegeben – heute liegt der Wert fünfmal so hoch.

54 Prozent der Umsätze stammen aus Katalog

Anders als damals ist die Universal Music Group (UMG) jetzt auch hochprofitabel. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen bei einem Umsatz von 7,4 Milliarden Euro einen Nettogewinn von 1,4 Milliarden Euro. Die operative Umsatzrendite, bezogen auf den Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda), betrug 20 Prozent. Universal und den anderen Majors kommt nicht zuletzt ihr riesiger Katalog an Werken zugute. Dem Börsenprospekt zufolge stammten 54 Prozent der Einnahmen auf der Labelseite aus Werken, die älter als drei Jahre sind. Im Vor-Streaming-Zeitalter war das Neugeschäft noch deutlich wichtiger. Heute sind Millionen an Werken über Spotify und Co. stets verfügbar und generieren permanent verlässliche Einnahmen anstatt nur einmalig durch den Plattenkauf, wofür auch noch eine teure Vertriebsstruktur nötig ist.

Universal hält beispielsweise die Rechte an Beatles- oder Abba-Aufnahmen oder Stevie Wonders Katalog. Die andere Seite läuft freilich ebenfalls gut: In der alljährlichen Liste des Label-Dachverbandes IFPI der zehn erfolgreichsten Acts 2020 arbeiteten neun der genannten – darunter etwa Drake oder Billie Eilish – mit Universal zusammen. Wobei laut den Börsenunterlagen die Top 50 der Künstler für lediglich 23 Prozent des Gesamtumsatzes mit Musikaufnahmen standen. Ein weiterer Beleg für die Breite des Universal-Repertoires. Gleichwohl haben Künstler aufgrund der Digitalisierung heute mehr Freiheiten denn je und können viel einfacher einst originäre Label-Aufgaben selbst übernehmen oder bei diversen Partnern einkaufen. Der Kampf um begehrte Stars wird folglich härter, was ein Grund dafür ist, dass Universal 2020 mehr als eine Milliarde Euro für Vorschüsse und Kataloge ausgegeben hat.

150 Millionen Dollar für Universal-Chef

An diesem Dienstag will nun Vivendi 60 Prozent von Universal Music an der Börse von Amsterdam an die Vivendi-Aktionäre abtreten. Wie viele diese dann am Markt weitergeben, bleibt abzuwarten. Vivendi behält 10 Prozent und wird sich mit dem zufließenden Geld unter anderem auf das Buchgeschäft konzentrieren. Der Konzern hat gerade ein Angebot abgegeben, um einen großen Teil der französischen Lagardère-Gruppe mit dem Verlag Hachette, dem drittgrößten der Welt, zu übernehmen. Vivendi muss beweisen, dass die verbleibenden Anteile ohne UMG ein kohärentes Ganzes bilden. „Ohne UMG ist Vivendi eine Holding, die nicht sehr interessant ist“, urteilten kürzlich die Analysten der französischen Beratungsgesellschaft AlphaValue. Doch die Milliarden aus dem Börsengang bieten Vivendi interessante Möglichkeiten für Zukäufe.

Universal derweil hat kürzlich für das laufende Jahr bei konstanten Wechselkursen ein Umsatzplus von mehr als 10 Prozent in Aussicht gestellt. Auch für Lucian Grainge, der das Unternehmen seit 2011 aus Santa Monica führt, zahlt sich der Börsengang aus. Der „letzte Mogul“ der Musikindustrie, wie ihn die Financial Times kürzlich nannte, soll einen Bonus in Höhe von rund 150 Millionen Dollar erhalten. Die neuen Anteilseigner indes dürften sich von Dienstag an unabhängig von musikalischen Vorlieben wohl erheblich mehr auf das neue Abba-Album oder die nächste Taylor-Swift-Veröffentlichung freuen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.
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Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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