Aktie im Blick

Unscheinbare MTU

Von Rüdiger Köhn
07.08.2021
, 10:14
Zwei Mitarbeiter überprüfen den Zustand einer Flugzeugturbine.
Der Flugzeugtriebwerk-Hersteller MTU führt seine Investoren und Anleger ruhig und ohne Aufregung in die Zukunft. Doch für rosigere Zukunftsaussichten ist etwas mehr Aufregung unvermeidlich.
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Nicht jeder Dax-Wert muss im Brennpunkt stehen; wie VW mit dem Dieselskandal, Bayer mit Monsanto-Klagen in Endlosschleife, Adidas mit Kommunikationspannen in den ersten Corona-Wochen oder Delivery Hero als neues digitales Aushängeschild im Börsenoberhaus, das noch nicht einen Eurocent Gewinn erwirtschaftet hat. Es geht auch MTU so, der Münchner Hersteller von Komponenten für Flugzeugtriebwerke mit wenig Esprit und Strahlkraft. Dabei ent­wickelt er Hochtechnologie feinster Güte, die anspruchsvolle Themen wie umweltfreundliche und sparsame Düsen oder alternative Antriebssysteme als große Zukunftsthemen hat. Nach außen wird nicht viel Aufhebens gemacht. Man bleibt unscheinbar. Vielleicht wissend, dass MTU-Produkte weniger Charme haben als die von BMW oder Adidas?

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Das ist auch nicht die Sache des Vorstandsvorsitzenden Reiner Winkler, der leise, unaufgeregt und konservativ Investoren und Analysten in die Zukunft weist. Selten gelingt es ihm, die Märkte zu verzücken. Ein lichter Moment war vor zwei Jahren: Überraschend wurde er Chef eines aus dem M-Dax in den Dax aufgestiegenen Konzerns, was den atemberaubenden Kursanstieg bis Anfang des Jahres 2020 noch beschleunigte. Dass MTU den traditionsreichen Dax-Gründer ThyssenKrupp ersetzt, war politischer Schützenhilfe zu verdanken. Denn die aufgekeimte Diskussion um die Mietpreisbremse versetzte der Aktie des eigentlichen Aufstiegsfavoriten Deutsche Wohnen einen schweren Schlag, die plötzlich die Dax-Kriterien nicht mehr erfüllte.

Anfangs musste sich der Münchner Neuling im Spitzensegment der Börse noch mühen, die Dauermitgliedschaft abzusichern. Doch weitere Kursgewinne haben den mit heute 11 Milliarden Euro bewerteten Konzern mit breitem Streubesitz zum festen Bestandteil werden lassen, gehört mit der auf 40 Mitglieder vergrößerten Dax-Familie erst recht zum Establishment.

Einer der großen Verlierer an der Börse

Die Taktik der Unscheinbarkeit und der Zurückhaltung greift. Oder Investoren wie Analysten geben sich mittlerweile einfach mit der Vorgehensweise zufrieden, wie sich nun mit der Bekanntgabe der Halbjahresergebnisse zeigte. Die wurden alles in allem gut aufgenommen, waren die Zahlen etwas besser als erwartet. MTU-Chef Winkler präzisierte den Ausblick mittels minimaler Feinjustierung: Der Konzernumsatz soll dieses Jahr auf 4,3 bis 4,5 Milliarden Euro (2020: 4 Milliarden Euro) steigen; bisher waren 4,2 bis 4,6 Milliarden Euro kommuniziert. Die bereinigte operative Umsatzrendite, bezogen auf das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit), soll mit 10,0 bis 10,5 (2020: 10,5) Prozent nun in der oberen Hälfte der bisher genannten Spanne von 9,5 bis 10,5 Prozent liegen.

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Eine positive Kursreaktion Ende vergangener Woche blieb wegen eines insgesamt schwachen Aktienmarktes aus. Aber auch zu Wochenanfang hielt sich gute Stimmung in Grenzen – selbst wenn die Botschaft angekommen ist, dass die zweite Jahreshälfte nach dem Verlauf des zweiten Quartals weitere Besserung zeigen wird. Dennoch: Das Vorkrisenniveau wird die Ertragskraft bei Weitem nicht erreichen, immerhin aber der Umsatz. 2019 erreichte das Ebit 757 Millionen Euro, 2021 wird es bestenfalls 480 Millionen Euro erreichen.

MTU war mit Blick auf die Krise in der Luftfahrt vergangenes Jahr an der Börse einer der großen Verlierer. Nach dem Einbruch als Folge des zum Erliegen gekommenen Geschäfts- und Tourismusverkehrs gab es immer wieder Erholungstendenzen. Im November erreichte die Aktie ein neues Kursplateau. Die erratischen Schwankungen spiegeln jedoch das Auf und Ab in der Branche mit Öffnungen, Teilöffnungen bis hin zu neuerlichen Lockdowns. Als wichtiger Zulieferer von Flugzeughersteller Airbus sind ähnliche Kursverläufe mit deren Aktie kein Zufall.

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Mehr Überzeugungskraft vonnöten

Es werden wieder mehr Triebwerke und Ersatzteile verkauft, während sich Fluggesellschaften mit dem wesentlich einträglicheren Wartungs- und Servicegeschäft noch zurückhalten. Das drückt noch die Marge. Als Konsortialpartner der Triebwerkshersteller General Elec­tric und Pratt & Whitney ist Airbus der Hauptkunde und weniger stark im Geschäft mit dem amerikanischen Rivalen Boeing. Das Airbus-Mittelstreckenflugzeug der A320neo-Familie ist trotz Krise vergleichsweise gut gefragt. Nach Produktionskürzungen soll die Fertigung wieder vorsichtig hochgefahren werden. Für Boeing werden Antriebe der Großraumflugzeuge 777 und 787 Dreamliner produziert. Das Niveau aber ist nicht nur wegen der Corona-Krise niedrig. Wegen Qualitätsproblemen verzögern sich die Auslieferungen fertiger Dreamliner an die Fluggesellschaften. Daher müssen die Münchner auf die Zahlungen warten.

Das hindert Analysten nicht, alles in allem optimistisch zu bleiben. Vieles sei aber schon im Aktienkurs von rund 207 Euro berücksichtigt, heißt es fast unisono. Wolfgang Donie von der Nord LB hebt das Kursziel von 210 auf 225 Euro und rät zum Halten der Titel. So sieht es auch die Privatbank Berenberg. Für mehr Potential bedürfe es einer deutlicheren Belebung im Flugverkehr, wartet Andrew Gollan. UBS belässt sein Urteil bei „Neutral“ wie auch das Kursziel von 215 Euro. Die US-Bank J.P. Morgan bleibt ebenso neutral, hebt die Kurserwartung aber von 191 auf 225 Euro. Die britische Investmentbank Barclays sieht 218 Euro. „Neutral“ gibt sich ebenso die US-Investmentbank Goldman Sachs, bleibt indes mit 181 Euro deutlich unter der aktuellen Notiz. Wenig überzeugt scheint noch Christian Cohrs von Warburg Research zu sein: Er hat das Ziel von 160 auf 177 Euro erhöht, rät aber zum Verkauf. Um derlei skeptische Analysten zu überzeugen, müsste MTU-Chef Winkler schon forscher auftreten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhn, Rüdiger (kön.)
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
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