Finanzmärkte

Angebot an Unternehmensanleihen schrumpft stark

20.09.2021
, 15:23
Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) tragen zum stark rückläufigen Angebot an Unternehmensanleihen bei.
Der europäische Markt für Unternehmensanleihen steht aufgrund mangelnder Liquidität unter Druck. Das könnte im folgenden Jahr zu Problemen führen.

Die Menge der handelbaren Unternehmensanleihen in Europa schrumpft zum ersten Mal seit 2005, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Trotz einer Vielzahl von Emissionen hochwertiger Unternehmen abseits des Finanzsektors, berechnet Bloomberg eine effektive Abnahme der Summe auf Euro lautender handelbarer Anleihen von 21 Milliarden Euro. Begründet ist der Rückgang in Zahlungsforderungen, Rückkäufen, anstehenden Rückzahlungen und den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank (EZB).

Ein nachlassendes Angebot begrenzt typischerweise Liquidität auf Kreditmärkten, was die Bepreisung von Risiken erschwert. Dieser Zustand herrscht schon auf dem europäischen Markt für Staatsanleihen. Die Dominanz der EZB hat Volatilität eingegrenzt, Handelsvolumina verringert und Anleger vertrieben. Ein solcher Prozess wird auch „Japanisierung“ genannt.

Zentralbankankäufe verringern Angebot

„Wir nähern uns einem Zustand, in dem der Kreditmarkt beinahe zum erliegen kommt“, kommentiert James Vokins, Leiter für Kredite mit hoher Bonität bei Aviva Investors. „Unter dem derzeitigen Liquiditätsbedarf wird er nicht funktionieren und das könnte ein Problem für das folgende Jahr darstellen, falls der Trend sich fortsetzt.“

Das rückläufige Angebot abzüglich aller ersichtlichen Faktoren ist das Resultat der fortlaufenden Zentralbankhilfen in Zeiten, in denen Unternehmen wenig Kapital benötigen, nachdem sie 2020 verstärkt Schulden aufgenommen hatten und nun über Kontostände in Rekordhöhe verfügen. Das Bruttoangebot auf Euro lautender Anleihen abseits des Finanzsektors fiel um 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die EZB entschied zwar in der vergangenen Woche die Geschwindigkeit ihrer Anleihekäufe unter dem Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP) zurückzufahren. Aber der Großteil der Ankäufe läuft unter dem Programm zum Ankauf von Wertpapieren des Unternehmenssektors (CSPP), welches 2016 begann.

Es wird erwartet, dass die reelle Emissionsmenge in der Eurozone für den Großteil des Herbstes im negativen Bereich bleibt. Die Barclays-Strategen Zoso Davies und Jenny Avdoi sagen für drei von vier verbleibenden Monaten 2021 ein rückläufiges Netto-Angebot abzüglich der EZB-Ankäufe voraus. Selbst nach einem erwarteten Angebot von 32 Milliarden Euro im September. Die Ausnahme bildet der November.

Beispiel Japan

Der japanische Markt für Staatsanleihen steht exemplarisch für ein weiteres Fortschreiten dieses Zustands. Dort ist die Liquidität auf einem so niedrigen Niveau, dass selbst während einer Anleiheauktion im vergangenen Monat kein Handel mit 10-Jahres-Anleihen stattfand.

Das Angebot könnte sich normalisieren, sollten Verkäufe auf lange Sicht wieder zunehmen, sobald Unternehmen ihre angesparten Mittel verringern. Im Moment ermöglicht das rückläufige Angebot Anlegern reich an flüssigen Mitteln neue Emissionen aufzunehmen und Risikoaufschläge für Unternehmensschulden auf historischen Tiefständen zu halten. Basierend auf Indexdaten von Bloomberg halten sich Zinsaufschläge seit Mitte April bei 83 Basispunkten.

Angesichts des intensiven Wettbewerbs am Anleihemarkt sehen sich Portfolioverwalter gezwungen, entweder alles Vorhandene aufzukaufen oder zu riskieren Ressourcen ungenutzt zu lassen. „Die Situation am Neuemissionsmarkt erschwert es, Papiere mit akzeptablen Zinsen zu bekommen“, kommentiert Thomas Neuhold, Portfolioverwalter bei Gutmann Kapitalanlage. „Beim Versuch, Zinsaufschläge zu begrenzen, bleibt man letztlich auf seinem Geld sitzen.“

Quelle: F.A.Z./Bloomberg
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