Auffällig viele Seitenwechsel

Warum es diese Banker gerade zu diesen Fintechs zieht

Von Hanno Mußler
21.02.2021
, 15:09
Die Liste ehemaliger Bankvorstände, die zu Finanztechnikunternehmen wechseln, wird länger. Wer sind diese Manager? Und welche Schwachstellen in den Banken entblößen sie? Eine Übersicht.

Die Wechsel von Bankvorständen zu jungen oder nicht mehr ganz so jungen Finanztechnikunternehmen (Fintechs) nehmen zu. Die jüngsten Beispiele dafür sind Markus Pertlwieser und Matthias Hach. Sie reihen sich ein in eine schon längere Liste nicht immer freiwilliger Abgänge aus Banken in die verwandte, noch kleinere, aber vielfach dynamischere Fintech-Branche. Sieht man sich das Geschäft der Fintechs, für die frühere Bankvorstände inzwischen arbeiten, genauer an, entdeckt man manche Schwachstelle der Banken. Eine kleine Gegenbewegung von Fintech-Gründern, die zuletzt in Bankkonzerne wechselten, zeigt aber auch: Wo reagieren Banken, wo wollen sie wegbrechendes Geschäft halten oder sogar zurückholen?

Der frühere Digital-Chef des Privatkundengeschäfts der Deutschen Bank Pertlwieser ist nach mehrmonatiger Auszeit seit 15.Februar Vorstandsvorsitzender der Penta GmbH, die Online-Konten und KfW-Kredite über Smartphone-Apps für bisher 25000 Geschäftskunden und kleine Unternehmen anbietet. Der langjährige Comdirect-Vertriebsvorstand Hach wechselt zum 1.März von der Commerzbank, die bekanntlich die Comdirect als eigenständiges Unternehmen im Herbst 2020 aufgegeben hat, als Vorstandsvorsitzender zur 200 Mitarbeiter beschäftigenden Wallstreet-Online-Gruppe. Beide Manager reizt dem Vernehmen nach, künftig außerhalb großer Bankkonzerne stärker unternehmerisch zu agieren.

Seit der Finanzkrise schrumpft die Bankenbranche. Zunächst reagierten manche Banker auf Arbeitsplatzabbau und auf als einengend empfundene neue Regeln der Bankenaufsicht, indem sie sich mit Hedgefonds oder Beteiligungskapital selbständig machten. Nun locken Fintechs, von denen viele (noch) keine Banklizenz haben und damit weniger Vorschriften erfüllen müssen.

Viele Bankvorstände sind frustriert darüber, wie langsam sich die Digitalisierung in Kreditkonzernen umsetzen lässt. Fintechs können Banken als Kooperationspartner helfen, darin schneller aufzuholen. Fintechs sind aber auch dabei, Banken digitalaffine Kunden ganz abzujagen. Wer wüsste das besser als frühere Bankvorstände?

Gerade die Wertpapierbrokerbranche, der Comdirect-Vorstand Hach mit seinem Wechsel zu Wallstreet Online treu bleibt, ist erkennbar in Bewegung. Nach dem Siegeszug der Direktbanken wie ING, DKB, Consors und Comdirect in den nuller Jahren ist nun eine neue Generation an Wertpapierbrokern entstanden, die kostengünstiger sind als die alten. Die Kunden bekommen meist nur eine Smartphone-App, über die sie ihr Depot einsehen und Wertpapierkäufe und -verkäufe ausführen. Auch Flatexdegiro, obwohl schon 1999 gegründet, wirkt inzwischen so modern und aggressiv, als gehörte es zur jungen Garde der Neobroker, die Robinhood und hierzulande Traderepublic anführen.

Flatexdegiro wird von einem ehemaligen Bankvorstand geführt. Seit 2014 amtiert als Vorstandsvorsitzender Frank Niehage, der zuvor für Goldman Sachs tätig war und 2012 als Deutschland-Chef die Schweizer Bank Sarasin „wegen unterschiedlicher Auffassung bezüglich der zukünftigen strategischen Ausrichtung“ verließ. Flatexdegiro hat sei längerem eine Trading-App im Angebot – und ist an der Börse mit 2,5 Milliarden Euro mit gut einem Drittel der Commerzbank bewertet. Deren früherer Direktbank-Vertriebsvorstand Hach soll nun für das Internetfinanzportal Wallstreet Online die im Dezember 2019 gestartete Wertpapierhandelsplattform Smartbroker voranbringen. Hachs früherer Comdirect-Vorstandskollege Dietmar von Blücher wechselte schon im November 2020 als Finanzvorstand zur Baader Bank, die als Depotführer und Wertpapierabwickler für Fintechs und Neobroker vom gestiegenen Wertpapierinteresse vieler junger Leute profitiert.

Auch Vermögensverwalter werden digitaler, manche überlassen die Wertpapierauswahl schon weitgehend Automaten (Robotern) wie etwa Scalable. Passend dazu ist dort seit September 2020 Martin Krebs, zuvor zehn Jahre im Vorstand der ING Diba, nach einer Auszeit Finanzvorstand geworden. Scalable verfügt inzwischen auch über einen eigenen Broker. Krebs hatte seinerzeit für ING eine Kooperation mit Scalable eingefädelt, die aber hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist.

Seit März 2020 ist der frühere Consors-Chef Kai Friedrich Sprecher der Geschäftsführung des Depotdienstleisters Ebase, der von der Comdirect an das Fintech FNZ verkauft worden ist. Ebase arbeitet für Vermögensverwalter im Hintergrund – ähnlich wie die V-Bank.

Seit Sommer 2020 ist Lars Hille, dessen Vertrag nach zehn Jahren als Kapitalmarktvorstand der DZ Bank im Jahr 2017 nicht verlängert worden war, ihr Vorstandsvorsitzender. Ein weiteres Beispiel für einen Abgang aus einem Bankenkonzern ist Torsten Murke. Der Investmentbanker Murke war acht Jahre Firmenkundenvorstand der französischen Großbank BNP Paribas. 2020 hat Murke mit Finvia eine Vermögensverwaltung für Unternehmerfamilien (Family Office) gegründet, zu deren Kernkompetenz eine digitale Vermögensaufstellung gehören soll.

Fintechs und Neugründungen nutzen also gerade im Wertpapiergeschäft, dass traditionelle Banken dort noch zu wenig digital sind. Während etwa Flatex mit der Übernahme von Degiro im Jahr 2020 zunehmend europaweit agiert, ist großen amerikanischen Banken offenbar das Wertpapiergeschäft in Europa zu kleinteilig. Finanzaufsichtsbehörden setzen auch von EU-Land zu EU-Land die eine oder andere Regel unterschiedlich, was Automatisierung erschwert und die Kosten treibt. Das gilt als ein Grund, warum Fintechs und kleine Neobroker im Wertpapiergeschäft gerade (Direkt-)Banken das Wasser abgraben und nicht etwa ertragsstarke amerikanische Großbanken. Gleichwohl konzentrieren sich Fintechs noch auf Nischen wie etwa Auxmoney im Kredithandel und Exporo in der Immobilienprojektschwarm-Finanzierung – beide Fintechs berät übrigens der frühere Vorstandsvorsitzende der Immobilienbank Hypo Real Estate, Axel Wieandt.

An einer anderen Stelle der Wertschöpfungskette, die Fintechs mit als erste Banken abspenstig machten, ist zumindest personell dagegen eine Gegenbewegung zu beobachten: im Zahlungsverkehr. Die Deutsche Bank konnte für ihre Unternehmensparte im Jahr 2020 André Bajorat, den Gründer von Figo, und Rafael Otero, Gründer von Payleven, sowie Jochen Siegert, Finanzvorstand von Traxpay, gewinnen.

Damit unterstrich die Deutsche Bank, dass für sie Zahlungsverkehr mit Firmenkunden und dessen Digitalisierung zum Kerngeschäft mit Wachstumsaussichten gehören. Da aber in den Banken überwiegend nicht Wachstum, sondern Schrumpfen angesagt ist, bieten Fintechs für Banker oft die verlockendere Option.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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