Teuerung während Corona

Warum die Bundesbank 3 Prozent Inflation erwartet

Von Christian Siedenbiedel
28.02.2021
, 13:36
In der Pandemie ist die Sache mit der Inflation besonders „tricky“. Und zwar nicht nur, weil Preisveränderungen schwieriger zu messen sind.

Ganz schön kräftig sind die Verbraucherpreise zum Jahresbeginn in Deutschland gestiegen – das hat selbst viele Ökonomen überrascht. Von minus 0,7 Prozent auf plus 1,6 Prozent legte die Inflationsrate in Deutschland nach dem Harmonisiertem Verbraucherpreis-Index zu. Das sind also immerhin 2,3 Prozentpunkte von einem Monat zum nächsten und ist schon außergewöhnlich viel. Grund genug für die Ökonomen der Bundesbank, sich genauer damit zu befassen. Mit einer spürbar höheren Inflationsrate sei wegen der Rücknahme der zeitweiligen Absenkung der Mehrwertsteuersätze und der Einführung der Maßnahmen des Klimapakets zwar im Vorfeld gerechnet worden, schreiben die Bundesbank-Ökonomen: „Der Anstieg fiel aber weit stärker aus als in unserer Dezember-Projektion und von den Marktteilnehmern erwartet.“

Es geht um ein interessantes Phänomen: Offenbar ist die Sache mit der Inflation in Pandemie-Zeiten „tricky“ – und zwar nicht nur, weil Preisveränderungen für die Behörden schwieriger zu messen sind, wenn etwa viele Geschäfte geschlossen sind. Es ist auch die Inflation selbst, die anders ist als sonst, wenn die Waren und Dienstleistungen, für die Menschen Geld ausgeben, nicht mehr dieselben sind.

Unterschiedliche Berechnungsweisen

Die Bundesbank zeigt das am Beispiel zweier unterschiedlicher Berechnungsweisen der Inflationsrate. Während nach der europäischen Berechnungsweise des Harmonisierten Verbraucherpreis-Index (HVPI) die Inflation von Dezember auf Januar wie beschrieben um stolze 2,3 Prozentpunkte zunahm, stieg sie nach der nationalen Berechnungsweise, dem Verbraucherpreisindex (VPI), nur um 1,3 Prozentpunkte – von minus 0,3 auf 1 Prozent. Die beiden Berechnungsweisen unterscheiden sich in vielen Punkten: Ein wichtiger Aspekt aber war dieses Mal, dass bei der europäischen Berechnungsweise die Gewichte, mit denen unterschiedliche Waren und Dienstleistungen in die Inflationsrate einfließen, jedes Jahr überarbeitet werden, bei der nationalen Berechnungsweise hingegen nur alle fünf Jahre.

Der große Unterschied kommt also dadurch zustande, dass der HVPI schon gleichsam auf Corona-Verhältnisse angepasst wurde – der VPI dagegen mit Gewichten für die einzelnen Warengruppe aus der Vor-Corona-Zeit arbeitet.

Das klingt zunächst vielleicht nach einer statistischen Spitzfindigkeit. Es hat aber erhebliche Auswirkungen auch für das weitere Jahr 2021, was die monatlichen Inflationsraten betrifft. Mit den neuen Gewichten dürfte die Inflation monatsweise sogar auf mehr als 3 Prozent ansteigen. Davor hatte Bundesbankpräsident Jens Weidmann unlängst gewarnt.

Mieten und Nahrungsmittel fallen stärker ins Gewicht

Mit den alten Gewichten wäre das, zumindest nach bisherigem Stand der Prognosen, nicht passiert. Darum lohnt sich ein Blick darauf, was sich denn bei den Gewichtungen im Index als Folge der Pandemie verschoben hat. Schließlich fielen die Anpassungen im Wägungsschema des HVPI diesmal umfangreicher aus als gewöhnlich, wie die Bundesbank eigens hervorhebt. Diese Gewichtungen orientieren sich an der Struktur der Konsumausgaben, die aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung abgelesen wird.

Im HVPI wurden also, anders als im VPI, solche Waren höher gewichtet, die in der Krise viel gekauft und die teurer wurden, während bestimmte Dienstleistungen, die man eh nicht nutzen kann, weniger stark gewichtet wurden.

Die Ausgabenanteile von Nahrungsmitteln etwa seien innerhalb eines Jahres um fast 2 Prozentpunkte gestiegen, während das Gewicht der Dienstleistungen um fast 3 Prozentpunkte zurückgegangen sei, schreibt die Bundesbank. Die Notenbank nennt einige besonders drastische Beispiele. Aus nachvollziehbaren Gründen wurden Pauschalreisen im Gewicht herabgestuft, um mehr als 2 Prozentpunkte auf 1 Prozent. Allein das würde reichen, um den Unterschied zwischen HVPI und VPI zu erklären, sagt Bundesbank-Chefvolkswirt Jens Ulbrich. Auch der Ausgabenanteil von Bekleidung ging spürbar zurück, genauso wie der für Restaurantbesuche, Beherbergungsdienstleistungen und Kraftstoffe. Erhöht wurden die Anteile vor allem für Mieten, die jetzt relativ deutlich stärker ins Gewicht fallen (plus 1 Prozentpunkt) sowie für verschiedene Nahrungsmittel des Grundbedarfs.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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