Warnung vor Krypto-Exzessen

Der neue Wilde Westen

Von Martin Hock
08.11.2021
, 08:29
Eine Sammlung unterschiedlicher Krypto-Währungen
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Das große Misstrauen gegen die Krypto-Szene ist so alt wie diese selbst. Das heißt jedoch nicht, dass die verbreitete Kritik nicht valide ist. Vor allem, wenn sie aus den Reihen der eigenen Fans und Unterstützer kommt.
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Die Entwicklungen im Bereich der Krypto-„Währungen“ werden von vielen mit Argwohn betrachtet. Kritisch werden etwa steigende Bewertungen gesehen, vor allem so mancher illustrer Kryptoanlage. In den beiden nicht wirklich ernst gemeinten Anlagen Dogecoin und Shiba Inu steckt mittlerweile genauso viel Geld, wie Porsche und Henkel zusammen wert sind. Sogenannte „Memecoins“, also Anlagen mit einem irgendetwas bedeutenden Namen, waren zuletzt sehr gefragt.

Dass das nicht immer eine gute Idee ist, zeigte sich an der Kurzlebigkeit von „Squid“, einem Memecoin basierend auf der Netflix-Produktion „Squid Game“, die gerade ihren Moment der Aufmerksamkeit im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit hat. Sie startete am Dienstag der Vorwoche mit einem Nennwert von einem amerikanischen Cent. Innerhalb von ein paar Tagen erreichte der Preis mehr als 2860 Dollar. Am Montag fiel dieser wieder auf 0,003161 Dollar zurück, aktuell handelt der Coin für 0,01441 Dollar. Die Internetseite squid.cash ist verschwunden und mit ihr wohl auch das Geld der Anleger.

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Nicht dass man das nicht hätte ahnen können, schreibt Neil Wilson, leitender Marktanalyst von Markets.com. Nicht nur weil der Coin mit Netflix nichts zu tun und die Internetseite einen zwielichtigen Eindruck gemacht habe, unter anderem mit einem gefälschten Zitat von Tesla-Chef und Kryptoguru Elon Musk. Sondern vielmehr, weil ein Verkauf von Squid von vornherein mehr oder weniger ausgeschlossen gewesen sei. Das hätten die Entwickler dann als „innovativen Anti-Dump-Mechanismus“ verkauft: Mit dem Kauf würden in einem Pool „Verkaufskredite“ kreiert, habe es da geheißen. Sei der Pool leer, könne nicht mehr verkauft werden. Wilsons Fazit: „Kann man es nicht verkaufen, ist es auch kein Markt.“

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Während bei Aktien in vielen Fällen einigermaßen klar sei, was ein Unternehmen tue und wie es Geld verdiene, sei das bei Krypto anders. Nur wenige könnten erklären, was „Kryptowährungen“ eigentlich seien und schon gar nicht, warum ein Token mehr wert sein sollte als das andere. Und während eine Aktie einen Anteil an einem Unternehmen darstelle und einen Anspruch auf zukünftige Mittelflüsse, sei das bei Kryptos schwerer zu definieren. Eine unzureichende Regulierung liege im System, immerhin solle dieses ja dezentral sein. Und so könne man bei keinem neuen Coin erkennen, ob damit alles in Ordnung sei. Kryptoland sei immer noch der Wilde Westen, in dem zwielichtige Coins immer noch wertvoller sein könnten als Projekte, die auf jahrelanger Planung aufbauten.

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Immer riskantere Wetten

Fast schon verzweifelt klingt John Hargrave, Herausgeber des Bitcoin Market Journal, der es jüngst so formulierte: „DeFi kann ihr Vermögen gefährden“, wobei „DeFi“ für „Decentralized Fi­nance“ und damit für die Kryptoszene steht. Er glaube daran, dass diese das globale Finanzsystem radikal verändern werde, und sei auch investiert. Doch im derzeitigen Zustand sei es gefährlich. Sie sei voller Spieler und Spekulanten, die immer riskantere Wetten abschlössen. Derzeit werde nicht die Zukunft des Finanzsystems aufgebaut, sondern eine parallele Version seiner riskantesten Teilbereiche. Die Transaktionspreise seien höher als Bankgebühren, und die Technik mache letztlich die Reichen reicher und die Armen ärmer.

Hargrave kritisiert spezifisch Kryptokreditplattformen wie Aave. So müsse man aufgenommene Kredite überbesichern, etwa für einen Kredit von 10.000 Dollar in Ethereum 15.000 Dollar in Ethereum hinterlegen. Aave begründe dies damit, dass Kredite für die Hebelung der eigenen Position, die Nutzung neuer Anlagemöglichkeiten oder unerwartete Ausgaben aufgenommen würden. Im Klartext bedeute dies, Kredite würden für immer riskantere Wetten aufgenommen oder um tägliche Ausgaben zu bezahlen. Das sei genau das Gleiche, was vor der Finanzkrise mit Hypothekenkrediten passiert sei. Verleihe man hingegen Geld über Aave und transferiere Coins in den dortigen Pool, fielen mitunter Gebühren an, die höher seien als die Zinsen von Kredithaien. Ein Grundproblem sieht Hargrave in einer alten Börsenweisheit: „Hin und her macht die Taschen leer“. Er nennt es das Langweile-Syndrom. Er glaube an „DeFi“, aber nur wenn man beharrlich sei.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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