Vertrauen in die Notenbanken

Inflation fällt nicht vom Himmel

Von Gerald Braunberger
27.02.2021
, 17:18
Wovon hängt eigentlich ab, ob die Teuerungsraten stark steigen? Vertrauen in die Notenbank ist essentiell – aber nicht alles.

Seit Jahrzehnten ist unter Ökonomen die Ansicht weit verbreitet, das Vertrauen in das Stabilitätsversprechen der Notenbanken sei die entscheidende Größe im Kampf gegen Inflation. Diese Ansicht breitete sich aus, nachdem der Versuch, die Inflation anhand einfacher Größen wie der Geldmenge oder der Staatsverschuldung zu prognostizieren, gescheitert war.

Die Erfahrung zeigte, dass in nicht wenigen Episoden in der Wirtschaftsgeschichte einer kräftigen Ausbreitung der Geldmenge zwar Inflation gefolgt war. In nicht wenigen anderen Episoden folgte allerdings keineswegs Inflation auf ein Wachstum der Geldmenge.

Der Zusammenhang von Geldmenge und Inflation, von dem Monetaristen wie Milton Friedman einmal glaubten, er sei sehr stabil, hat sich als unzuverlässig erwiesen. Daher wurde von der Geldpolitik der Versuch, die Inflation vornehmlich über die Geldmenge zu steuern, längst aufgegeben.

Das Spiel mit der Angst

Auch der Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Inflation ist nicht eindeutig. Es ließen sich viele Beispiele etwa aus Lateinamerika anführen, in denen eine hohe Staatsverschuldung zur Inflation führte. Aber es existieren Gegenbeispiele wie das Großbritannien des 19. Jahrhunderts, das über lange Jahrzehnte eine hohe Staatsverschuldung mit sich trug. Dem Status des Pfund Sterling als führender Währung der Welt schadete dies nicht.

Entscheidend ist am Ende, ob die im Wirtschaftsleben stehenden Menschen, gleich ob sie für Unternehmen handeln oder als Mitglieder privater Haushalte, an die künftige Stabilität des Geldwertes glauben. Erwarten sie einen mit Inflation verbundenen deutlichen Verlust ihrer Kaufkraft in der Zukunft, können sie sich veranlasst sehen, Ausgaben für Konsum oder für Investitionen vorzuziehen.

Der durch diese Vorzieheffekte bedingte plötzliche Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage kann dann, wenn er auf ein wenig flexibles gesamtwirtschaftliches Güterangebot trifft, genau jene Inflation erzeugen, vor denen sich die Menschen gefürchtet hatten. Daher legen die Notenbanken seit Jahrzehnten großen Wert darauf, keine Furcht vor einer Zunahme der Inflationsrate aufkommen zu lassen.

Was soll das Inflationsziel?

Diesem Zweck dienen die Inflationsziele, die viele Notenbanken der Öffentlichkeit mitteilen. Rund 60 Notenbanken auf der Welt haben sich solche Ziele gegeben, zumeist liegt die Zielrate bei oder in der Nähe von 2 Prozent im Jahr. Mit Umfragen unter Konsumenten, Unternehmern und Teilnehmern an den Finanzmärkten überprüfen Notenbanken regelmäßig die Inflationserwartungen der Menschen. Halten sich die Erwartungen stabil in der Nähe des offiziellen Inflationsziels, sagt man, die Inflationserwartungen seien fest verankert.

Eine solche Geldpolitik versucht, durch Veränderungen des kurzfristigen Leitzinses die Wirtschaft so zu beeinflussen, dass sich die gewünschte Inflationsrate einstellt. Eine aktive Steuerung der Geldmenge unterbleibt; vielmehr wird unterstellt, dass sich die Geldmenge durch die Geld- und Kreditnachfrage der Teilnehmer am Wirtschaftsprozess an die Bedürfnisse der Wirtschaft anpasst.

Diese Konzeption, die in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern die Inflationsrate auf einem sehr niedrigen Niveau gehalten hat, war zweifellos sehr erfolgreich. Aber sie ist in den vergangenen Jahren auf eine Reihe von Herausforderungen gestoßen. Zunächst sind in vielen Ländern die Inflationsraten unter den Zielwerten geblieben, was unmittelbar keine Probleme aufwerfen muss, aber Zweifel an der Fähigkeit der Notenbanken geweckt hat, Inflationsraten auf Wunsch auch steigen zu lassen.

Die Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 zeigte, wie sehr Notenbanken durch die Notwendigkeit, sehr stark gewachsene, dynamische und krisenanfällige Finanzsysteme zu stabilisieren, absorbiert werden können, zumal in einem Umfeld strukturell niedriger Raten des Wirtschaftswachstums und geringen Vertrauens in die Effizienz expansiver Finanzpolitik. Mit außergewöhnlichen Instrumenten wie umfangreichen Ankaufprogrammen von Wertpapieren erleichterten Notenbanken die Finanzierung von Staaten und Unternehmen, die mit einer deutlichen Zunahme des Anteils der Schulden an der Wirtschaftsleistung in der Welt einherging.

Die Pandemie hat die Notwendigkeit einer expansiven Geldpolitik in schweren Krisen einmal mehr verdeutlicht, aber sie hat auch die Frage aufgeworfen, wie groß die Handlungsfreiheit von Notenbanken angesichts hochverschuldeter Staatshaushalte und fragiler Finanzmärkte ist, wenn sie gegen eine drohende Inflation mit einer Verschärfung ihrer Politik antworten müssten. Die dauerhafte Verankerung der Inflationserwartungen kann sich als eine geldpolitische Herausforderung herausstellen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
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