Geldpolitik in der Krise

Wie reagiert die EZB auf die höhere Inflation?

Von Christian Siedenbiedel
14.05.2021
, 13:55
Lagarde
Erst in vier Wochen trifft sich der EZB-Rat zur Zinssitzung. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass es heiße Diskussionen geben wird. Einige Ratsmitglieder wollen zumindest das Tempo der Anleihekäufe langsam mal drosseln.

Die überraschend höhere Inflation in Amerika und die etwas höheren Inflationsraten auch hierzulande beschäftigen gerade Anleger und Verbraucher. Wie wird die Europäische Zentralbank (EZB) darauf reagieren? In rund vier Wochen, am 10. Juni, trifft sich der EZB-Rat das nächste Mal zur Zinssitzung. Und es ist schon abzusehen, dass es kein unwichtiges Treffen wird, sagen Ökonomen und Analysten. „Auf der Sitzung am 10. Juni ist eine hitzige Debatte zu erwarten“, schreibt Michael Schubert, EZB-Fachmann der Commerzbank. Die EZB hatte zuletzt das Tempo ihrer Anleihekäufe erhöht, um einem vorzeitigen Ansteigen der Anleiherenditen entgegenzuwirken. Das muss aber nicht so bleiben.

Anders als in den Vereinigten Staaten wird in der Eurozone noch nicht über die Möglichkeit und den Zeitpunkt einer Anhebung der Leitzinsen spekuliert. Die EZB hat klar gemacht, dass sie noch längere Zeit Anleihen zur Bekämpfung der Krise kaufen und vor dem Ende des Programms die Zinsen keinesfalls anheben will. Aber die deutlich höhere amerikanische Inflation und die etwas höheren monatlichen Inflationsraten hierzulande dürften auch den EZB-Rat nicht vollkommen unbeeindruckt lassen. Auf der Sitzung am 10. Juni will die Notenbank über das Tempo ihrer Anleihekäufe im nächsten Vierteljahr entscheiden, so viel ist über die Tagesordnung schon bekannt.

EZB könnte Tempo der Anleihekäufe drosseln

Im EZB-Rat ist das Tempo für die milliardenschweren Anleihekäufe umstritten. Der niederländische Notenbankgouverneur Klaas Knot hatte sogar ins Gespräch gebracht, schon im dritten Quartal mit dem Ausstieg aus dem Krisenprogramm PEPP zu beginnen. Andere Mitglieder des EZB-Rates, gerade die besonders von der Krise betroffenen südeuropäischen Länder wie Italien, wollen weiter Gas geben. EZB-Beobachter Schubert erwartet, dass die Notenbank am Ende das Tempo ihrer Anleihekäufe etwas drosseln wird, damit aber immer noch über dem Tempo vom Jahresbeginn liegen dürfte.

EZB-Präsidentin Christin Lagarde hat angekündigt, durch die höheren monatlichen Inflationsraten „hindurchschauen“ zu wollen. Die EZB verfolgt ein Inflationsziel von „unter, aber nahe zwei Prozent“ – allerdings mittelfristig, und für die gesamte Eurozone im Durchschnitt, nicht für einzelne Länder. Die Inflationsraten für die Eurozone lagen in den ersten vier Monaten dieses Jahres zwar wieder deutlich höher als in den letzten vier Monaten des vergangenen Jahres. Aber 2 Prozent wurden bislang noch nicht einmal monatsweise erreicht.

Das könnte sich allerdings im Jahresverlauf ändern. Im April betrug die Teuerung in der Eurozone 1,6 Prozent, mit einem weiteren Anstieg rechnet auch die EZB selbst. Im Mai ist nochmal ein weiterer Schub zu erwarten, weil die Energiepreise in dem Monat im vorigen Jahr sehr niedrig waren. Im Juli kommt nochmal eine technische Steigerung hinzu, weil im Vorjahr in dem Monat die Mehrwertsteuer in Deutschland herabgesetzt war. Dann werden Preise mit der höheren Mehrwertsteuer aus diesem Jahr mit denen mit der niedrigeren aus dem vorigen Jahr verglichen. Das treibt die Inflationsrate. Außerdem dürften steigende Rohstoffpreise und Lockerungsschritte für die Wirtschaft sich ebenso bemerkbar machen wie vorübergehende Engpässe auf der Angebotsseite.

Sehr unterschiedliche Inflationsraten in Europa

Die EZB hatte zwar im März ihre Prognose für die Inflationsrate fürs gesamte Jahr bereits deutlich hochgesetzt, von 1 auf 1,5 Prozent. Das dürfte aber noch nicht reichen. Ein Problem dabei: Je nach Euroland ist die Inflation sehr unterschiedlich, abhängig von der Ausgangslage und der Bewältigung der Pandemie. In Deutschland lag die Inflationsrate im April schon bei 2 Prozent, für Heizöl und Benzin gab es dabei Preissteigerungen um mehr als 20 Prozent. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel und Bundesbankpräsident Jens Weidmann erwarten für einzelne Monate in Deutschland in diesem Jahr sogar mehr als 3 Prozent Inflation. So viel dürfte es aber für die Eurozone insgesamt, nach allem, was man bisher absehen kann, wohl nicht werden. Aber die überraschenden 4,2 Prozent in Amerika im April lehren auch noch einmal, dass Inflationsraten schwer zu prognostizieren sind.

Einzelne Länder der Eurozone, wie Griechenland und Portugal, haben nach wie vor negative Inflationsraten, dort sinken die Preise. In Italien lag die Inflation zuletzt nur bei 1 Prozent, das war also etwa die Hälfte der deutschen Inflation.

Das Entscheidende aber ist: Bislang rechnen die EZB und die von ihr befragten Volkswirte damit, dass die Inflation im nächsten Jahr wieder deutlich sinkt, auf 1,2 beziehungsweise 1,3 Prozent. Damit steht und fällt die bisherige Argumentation der Notenbank, der Preisanstieg sei nur „temporär“ und „idiosynkratisch“ - es seien also krisenbedingte Sondereffekte wie das starke Schwanken des Ölpreise mit der Nachfrage in der Pandemie. Sicher ist aber nicht, dass die Inflationsraten nach dem Anstieg mittelfristig wieder so niedrig werden wie vor der Krise.

DZ-Bank erwartet mittel- bis langfristig mehr Inflation

Die Ökonomen der DZ-Bank jedenfalls erwarten mittel- bis langfristig eher höhere Inflationsraten. Das schreiben sie in einer aktuellen Studie, die der F.A.Z. vorab vorlag. „Mit Blick auf die voraussichtliche demografische Entwicklung auf globaler Ebene und die internationale Handelspolitik gibt es die Sorge, dass sich die Inflationsraten in den USA und in der Europäischen Währungsunion permanent auf höherem Niveau als in den letzten Jahren festsetzen könnten.“ Die Alterung der Weltbevölkerung könnte dem schon fast verloren geglaubten Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktlage und Inflation zu einem Revival verhelfen, schreibt die DZ-Bank. Staatliche Mehrausgaben für die Finanzierung der Renten seien eine weitere mögliche Antriebskraft für den Preisdruck.

Zudem könnten eine Neuausrichtung der globalen Wertschöpfungsketten oder eine generelle Tendenz zur „De-Globalisierung“ die Güterströme verändern und dadurch die Verbraucherpreise erhöhen, meinen die Ökonomen. Schon vor Corona habe etwa der Handelsstreit zwischen Washington und Peking auf eine teilweise Abkehr vom liberalen Welthandelsgedanken hingewiesen. Lieferengpässe bei wichtigen medizinischen Gütern während der Pandemie hätten den Ruf nach mehr nationaler Produktion gestärkt. „Diese wäre wohl deutlich teurer“, meint die DZ-Bank. Allerdings dürfte es nur bei wenigen Gütern tatsächlich zu einer Renationalisierung der Produktion in die Industriestaaten kommen. Der Globalisierungsdruck habe zwar abgenommen, eine völlige Abkehr vom liberalen Welthandelssystem sei aber nicht zu erwarten.

„Insgesamt sprechen die zu erwartende globale demografische Entwicklung und die De-Globalisierungstendenzen zwar für stärker steigende Inflationsraten – allerdings nur auf lange Sicht“, meinen die Ökonomen. Mögliche Fortschritte bei der Automatisierung von Arbeitsschritten, die stärkere Nutzung von Produktionspotentialen in Afrika oder asiatischen Staaten wie Indien sowie letztlich Anpassungen der Rentensysteme in den Industriestaaten böten aber auch die Chance, stärker steigenden Inflationsraten entgegenzuwirken.

„Die angeführten Argumente bergen in der Summe das Risiko steigender Verbraucherpreise“, schreibt die DZ-Bank. Allerdings sei der Alterungsprozess eine sehr langsame Entwicklung und auch internationale Produktionsstrukturen und Lieferketten ließen sich nicht von heute auf morgen umbauen: „Daher dürfte der Inflationsdruck in den USA und der Europäischen Währungsunion – wenn überhaupt – nur schrittweise zunehmen.“ Wirklich zu spüren sein werde das wohl frühestens in fünf bis zehn Jahren. Wie stark die Teuerung dann zunehme, sei letztlich auch abhängig davon, ob die Produktionspotentiale in asiatischen Ländern wie Indien oder in Afrika stärker genutzt werden könnten: „Änderungen am Renteneintrittsalter in den Industriestaaten oder die Automatisierung von Arbeitsschritten sind weitere Wege, um den Inflationsdruck im Zaum zu halten.“

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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