Krieg und Inflation

Harte Zeiten für Zentraleuropa

Von Andreas Mihm
31.07.2022
, 17:26
Prag bleibt beliebt – aber Anleger sollten sich trotzdem vor Aktien von Tschechien und seinen Nachbarn in Acht nehmen.
Nicht nur der Krieg in der Ukraine auch hausgemachte Fehler trüben die wirtschaftlichen Aussichten in Mittel-Ost-Europa. Nicht nur die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine lassen Analysten zurückhaltend sein. Das hat auch Folgen für Anleger.
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Gezeichnet von den Kriegsfolgen in der Ukraine, steuern die Länder Zentral- und Südosteuropas (CEE) in eine wirtschaftlich schwierige Phase. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine werde vermutlich länger anhalten und langfristig wirtschaftliche und politische Folgen für sie haben, schreibt die italienische Bank Unicredit in ihrer neuesten Regionalstudie. Sie steht damit nicht allein.

Analysten erwarten auch ohne das Kappen der Gasflüsse in Ländern wie Tschechien, Polen und Ungarn eine „technische Rezession“, also den Rückgang des Wachstums in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen unter das Vorjahresniveau. Die Wiener Raiffeisenbank International (RBI) sieht die lokalen Währungen daher in einem eher „schwierigen Umfeld“.

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2023 moderateres Wachstum erwartet

Die Gefahren für die Region seien „vielfältig und reichen von höherem und anhaltendem Inflationsdruck über ein langsameres Wirtschaftswachstum bis hin zur Ausweitung der Außenhandels- und Haushaltsdefizite sowie der Unterbrechungen der Lieferketten und der russischen Energieversorgung“, lautet die Schreckensliste der Ratingagentur Scope .

Darüber hinaus macht sie „Herausforderungen für die Kreditwürdigkeit der CEE-Länder im Jahr 2022 und darüber hinaus“ aus. Denn 2023 könnte das Wachstum moderater ausfallen. Sollte die Wachstumsdelle aber tiefer sein und sich länger hinziehen als heute erwartet, könnte sich das nachteilig auf die Kreditqualität der mittel- und osteuropäischen EU-Mitglieder auswirken.

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Höhepunkt der Preissteigerungen im Herbst

Der Internationale Währungsfonds sieht ganz Europas Wirtschaft leiden unter den Folgen des Krieges und einer strafferen Geldpolitik. Während die geldpolitischen Folgen in der Eurozone wegen der verhaltenen Politik der EZB erst jetzt spürbar werden, sind die nicht zur Eurozone gehörenden EU-Länder Tschechien, Ungarn und Polen schon länger mit steigenden Zinsen vertraut.

Höhere Zinsen sind wiederum eine Folge der Angebotsschocks, die die Inflation im zweiten Quartal angeheizt haben. Viele Beobachter rechnen mit einem Höhepunkt der Preissteigerungen im Herbst. Dan Bucsa, Chef der Osteuropa-Beobachter der Unicredit, ist sich da nicht so sicher. Er erwartet eine Fortsetzung der Teuerung „wahrscheinlich auch in den Jahren 2022 und 2023 durch steigende Lebensmittel- und Energiepreise“.

Wie groß der Inflationsschock ist, zeigt dieser Tage die ungarische Notenbank. Gleich um 100 Basispunkte schraubte sie den Zinssatz auf 10,75 Prozent nach oben. Zusammen waren das 485 Punkte Zinserhöhung in den vergangenen drei Sitzungen. Weitere Zinsschritte dürften angesichts einer zum Herbst erwarteten Inflationsrate von 17 Prozent bevorstehen. Experten der ING-Bank sehen nun „eine allmähliche Verlangsamung des Straffungszyklus mit einem Wert von 14 Prozent“ zum Ende des Jahres.

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In Tschechien ist zweifelhaft, ob die Notenbank nach der Umbesetzung von vier der sieben Posten im Bankrat den bisherigen Kurs von Zinserhöhungen über das aktuelle Maß von 7 Prozent hinaus fortsetzen wird. Eine Inflationsrate von zuletzt 17,2 Prozent spräche auf der Sitzung am kommenden Donnerstag nach klassischer Auffassung dafür. Doch versucht man in Prag mit anhaltenden Interventionen am Devisenmarkt den Druck auf die Krone nehmen.

Prags Sparkurs geht nicht auf

Für die Notenbank bestehe ein Anreiz, die Krone zu stützen, „weil ein stärkerer Wechselkurs den Druck zu weiteren Zinserhöhungen etwas mildert“, schreibt David Vagenknecht von der RBI. Er ist allerdings skeptisch, dass diese Strategie angesichts der bestehenden Fundamentaldaten mittelfristig aufgehen könnte.

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Nicht mehr auf geht unterdessen der Sparkurs der Regierung in Prag. Nach einem Beschluss von Mittwoch soll der Staatshaushalt dieses Jahr nachträglich deutlich wachsen und das geplante Defizit auf umgerechnet 13,4 (statt 11,4) Milliarden Euro steigen. Das könnte die Notenbank in eine Zwickmühle bringen, steigt doch der Inflationsdruck auf dem Umweg über konsumtive Ausgaben.

Zloty zuletzt reichlich volatil

In Polen hatte sich Zentralbankchef Adam Glapiński zuletzt eher skeptisch über weitere Zinsschritte gezeigt. Doch trotz verhaltener Wirtschaftsdaten für das zweite Quartal, aber einer Inflationsrate von zuletzt 15,5 Prozent hält Dorota Strauch von der RBI eine weitere Leitzinsanhebung über das erreichte Niveau von 6,5 Prozent nicht für ausgeschlossen. Wie der Kursverlauf des Forint war auch der des Zloty zuletzt reichlich volatil, für umfangreiche Stabilisierungsmaßnahmen am Devisenmarkt nach Prager Art dürften in Warschau die Rücklagen auf Dauer nicht groß genug sein.

Sophia Oertmann, Analystin der Frankfurter DZ Bank, ist für Mittel-Osteuropa (MEO) eher skeptisch. Wegen der kritischen Wirtschaftslage würden viele Regierungen große Ausgabenprogramme auflegen, um die Auswirkungen der Krise auf Betriebe und Haushalte abzufedern. Damit dürfte zwar eine drohende Rezession verhindert werden, dennoch könnten stark industrialisierte Länder wegen der hohen Energiepreise und Engpässe in den Lieferketten ihr Wachstumspotential nicht ausschöpfen. „Darüber hinaus stehen die hohen Budgetdefizite ein weiteres Mal einem spürbaren Abbau der ohnehin in den letzten Jahren gestiegenen Staatsverschuldung im Weg.“

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Rechtsstaatlichkeitsdebatte bedroht Forint

Anlegern rät die Bank von „neuen Engagements in MOE-Staatsanleihen ab“. Bei den Nicht-Euro-Staaten Polen, Rumänien und Ungarn sei zudem zu beachten, dass sie kaum von Absicherungseffekten des von der EZB zur Diskussion gestellten Transmission Protection Mechanism profitieren dürften.

Es sind nicht die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine allein, die die Analysten zurückhaltend sein lassen. Politische Faktoren kommen hinzu. Zwar hätten in Ungarn Steueranhebungen und höhere Energiepreise die Wahrscheinlichkeit erhöht, „dass ein ernsthaftes Überschreiten des Haushaltsdefizites vermieden werden kann“, schreibt RBI-Mann Zoltán Török. Doch warnt die ING-Bank, „die größte Bedrohung für den ungarischen Forint bleibt die Rechtsstaatlichkeitsdebatte“. Noch blockiert die EU den Zugriff Ungarns auf die Gelder des Corona-Fonds. Mit seinem russlandfreundlichen Kurs macht sich Ministerpräsident Victor Orbán zudem wenig Freunde in den Hauptstädten der Gemeinschaft.

Reformpolitik auf dem Balkan stärker betreiben

Bucsa von der Unicredit sieht den sich hinziehenden Russland-Ukraine-Konflikt als einen Prüfstein für die harte gemeinsame Haltung in der EU gegenüber Russland. Er schließt mögliche faule Kompromisse in Fragen der Rechtsstaatlichkeit in der CEE-Region nicht aus. Polens Zugang zu Mitteln aus dem Next-Generation-Fonds seien ein gutes Beispiel dafür.

Die wichtigsten politischen Risiken seien die politische Instabilität und populistischere Politik in Polen, das Ausbleiben der Energiestrategie in Ungarn sowie stockende Reformen in Tschechien, Rumänien und der Slowakei. Der EU empfiehlt er, die Reformpolitik auf dem Balkan und in der Schwarzmeerregion aktiver zu betreiben und den Kandidatenländern eine Zollunion sowie eine gemeinsame Energiepolitik anzubieten.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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