Derivate

Zertifikate für viele Gelegenheiten

20.10.2005
, 17:15
Bei deutschen Privatanlegern stehen derivative Wertpapiere mit Kapitalschutz hoch im Kurs, doch mit den steigenden Aktienkursen bekommen auch risikoreichere Zertifikate immer mehr Zuspruch. Häufig entgehen ihnen Dividenden

Bei deutschen Privatanlegern stehen derivative Wertpapiere mit Kapitalschutz hoch im Kurs, doch mit den steigenden Aktienkursen bekommen auch risikoreichere Zertifikate immer mehr Zuspruch. Der Derivate-Pool der Banken ist reichlich gefüllt, die Möglichkeiten sind zahlreich. Neben den traditionellen Zertifikateformen gewinnen denn auch jüngere Spielarten in den Wertpapierdepots der Anleger an Gewicht. Doch der genaue Blick auf die Konditionen lohnt sich.

Für die richtige Zertifikateauswahl sind neben dem Basiswert - eine Aktie oder ein Index - zwei weitere Aspekte ausschlaggebend: die Markterwartung des Anlegers und seine Risikobereitschaft. Denn beide Kriterien zusammen entscheiden über die für ihn richtige Produktform und schließlich auch über die paßgenaue Ausstattung des Papiers. Ein Beispiel: Rechnen Anleger für absehbare Zeit mit sich kaum verändernden beziehungsweise allenfalls leicht steigenden oder fallenden Aktienkursen und legen gleichsam Wert auf einen gewissen Schutz des eingesetzten Kapitals, dann sind Discountzertifikate für sie geeignet. Diese Produkte ermöglichen den Kauf des Basiswertes mit einem Rabatt. Durch den Abschlag entsteht ein Risikopuffer, der Verluste bis zu einer bestimmten Grenze abfedert. "Unter allen Zertifikaten bieten sie die höchste Rendite in seitwärts gerichteten Märkten", sagt Stefan Armbruster von der Deutschen Bank. Der Preis dieser Sicherheit: Für die Anleger ist die Chance auf Kursgewinne begrenzt.

Beliebtheit der Discounter leidet unter tiefer Volatilität

Die Discounter gibt es schon lange. "Die ersten Papiere wurden 1991 vom Schweizer Bankverein emittiert", erläutert Armbruster. Ihr Boom begann im Jahr 2000 nach dem Platzen der Spekulationsblase an den Aktienmärkten. Mittlerweile sind die Discountpapiere in vielen Depots zu Hause. Sie gelten neben den klassischen Indexzertifikaten, die die Entwicklung eines Index in der Regel eins zu eins nachzeichnen, als die etablierteste Zertifikateform. Zur Zeit gibt es fast 20 000 Discounter - rund ein Drittel der in Deutschland insgesamt begebenen derivativen Wertpapiere. Doch ihre Beliebtheit hat angesichts der seit geraumer Zeit historisch niedrigen Kursschwankungen (Volatilitäten) am Aktienmarkt gelitten. Denn je weniger sich die Kurse bewegen, desto geringer ist der mögliche Abschlag. Diese niedrigeren Volatilitäten haben allerdings nicht nur bei den Discountern, sondern auch bei anderen Zertifikateformen die Risikopuffer im Vergleich zu früheren Emissionen schrumpfen lassen.

Ebenfalls ganz oben auf der Beliebtheitsskala der an Aktien interessierten Investoren rangieren derzeit Bonusprodukte und zunehmend auch Expresszertifikate. Jüngsten Marktstatistiken zufolge liegt der Anteil der Bonuszertifikate an den in derivativen Wertpapieren insgesamt angelegten Geldern inzwischen bei knapp 10 Prozent. "Mit beiden Zertifikaten können Investoren höhere Renditen erzielen als mit Discountern und sind trotzdem bis zu einem gewissen Maß vor Verlusten geschützt", erklärt Wolfgang Gerhardt, Derivateexperte von Sal. Oppenheim, den Erfolg der beiden jüngeren Zertifikateformen. Das große Interesse für Bonuspapiere führt er darauf zurück, daß sie aus Anlegersicht positive Erträge in nahezu allen Marktphasen ermöglichen: von stärker fallenden Kursen über seitwärts tendierende Märkte bis hin zu deutlichen Kursanstiegen. Denn fällt der Basiswert während der Laufzeit des Finanzproduktes niemals unter eine vereinbarte Schwelle, dann bekommt der Investor mindestens seinen Einsatz plus den Bonus zurück. Die Stellschrauben des Anlegers im Hinblick auf die Markterwartung und die Risikobereitschaft sind die Höhe von Risikoschwelle und Bonus. "Sicherheitsbewußte Anleger sollten die Schwelle nicht zu hoch ansetzen, denn sonst verfällt der Bonus bei Kursrückschlägen allzu leicht", rät Gerhardt. Finanziert wird der Mix aus Schutz und Bonus durch die Dividenden. Bonusprodukte beziehen sich daher in der Regel auf dividendenstarke Aktien oder Kursindizes wie den Euro-Stoxx-50, der keine Dividendenzahlungen erfaßt.

Die Expresszertifikate gelten als ein vergleichsweise konservatives Investment, sind jedoch lediglich für ein freundliches Marktumfeld geeignet. Anleger, die in diese Produkte investierten, seien oftmals an jährlichen Ausschüttungen interessiert, sagt Gerhardt. Erklären läßt sich dieses Phänomen aus der Funktionsweise der Papiere. Jahr für Jahr wird zu einem bestimmten Termin überprüft, ob der Basiswert den Referenzstand (100 Prozent) überschritten hat. Wenn das der Fall ist, dann wird das Papier mit einer Ausschüttung von beispielsweise 5 Prozent zurückgezahlt. Falls nicht, dann hat der Anleger in jedem folgenden Jahr bis zum Ende der Laufzeit eine weitere Chance und bekommt gegebenenfalls den zweifachen oder mehrfachen Zusatzertrag. Beim letzten Termin entscheidet zudem eine Risikoschwelle über den Rückzahlungsbetrag. Der Nachteil: Der Anleger hat keinen festen Anlagehorizont. Viele Expresszertifikate sind aufgrund der steigenden Aktienkurse bereits im ersten Jahr der Laufzeit zurückgezahlt worden. Auch die Dividenden entgehen ihm. Gerade bei dieser Anlageform lohnt auch der Blick auf den ersten Zahlungstermin. Er sollte beim Kauf länger als zwölf Monate entfernt liegen, damit bei einer frühzeitigen Rückzahlung die Kursgewinne steuerfrei vereinnahmt werden können.

Kostenfaktoren nicht unterschätzen!

Eine besonders optimistische Marktmeinung liegt den sogenannten Outperformancezertifikaten zugrunde. Gehen die Aktienkurse zurück, dann entspricht das Risiko für den Anleger dem eines direkten Aktieninvestments. Steigen dagegen die Notierungen, dann nehmen Investoren überproportional (zum Beispiel mit einem Hebel von 1,75) und unbegrenzt an den Kursgewinnen teil. Die Anleger verzichten im Gegenzug auf die Dividenden. Sie sollten sich allerdings nicht von der Höhe des Hebels blenden lassen, empfiehlt Gerhardt. Der Startpunkt für den Hebel sollte vielmehr nahe dem aktuellen Kursniveau liegen, damit die Hebelwirkung schnell zum Tragen komme.

Der Dividendenverzicht ist längst nicht der einzige Kostenfaktor: Je komplexer die derivativen Produkte, desto größer der Unterschied zwischen dem An- und Verkaufskurs (Spread). Generell profitierten die Anleger jedoch von dem starken Wettbewerb zwischen den Banken, der zu günstigeren Preisen führe, meint Gerhardt. Investoren könnten generell bessere Konditionen erzielen, je länger die Papiere laufen. Zu beachten gilt zudem: Anleger können vielfach nur voll von den Auszahlungs- und Schutzmechanismen profitieren, wenn sie ihre Derivate bis zum Ende der Laufzeit behalten. Und sie sollten auch bedenken, daß Zertifikate und andere derivative Wertpapiere Schuldverschreibungen des jeweiligen Emittenten sind. Daher ist die Bonität der emittierenden Bank wichtig.

Ungeachtet aller Verlockungen des wieder positiven Aktienmarktumfelds: Sicherheit ist bei den Privatanlegern noch immer besonders gefragt. Nach den jüngsten Schätzungen des Derivate-Forums - einem Zusammenschluß von verschiedenen Banken - dürften in Deutschland inzwischen rund 70 Milliarden Euro in den vielfältigsten Finanzprodukten investiert sein. Und rund die Hälfte dieser Gelder schlummert in kapitalgarantierten Derivaten.

Quelle: kpa., F.A.Z., 21.10.2005, Nr. 245 / Seite 25
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