40 Jahre Bildagentur Laif

Immer eine Gratwanderung

Von Ben Kuhlmann
17.06.2022
, 10:36
Michael Wolfs  Serie Tokyo Compression #09, 2010.
Die Kölner Fotoagentur feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Eine Schau im Kölner Museum für Angewandte Kunst zeigt zu diesem Anlass 40 Arbeiten dokumentarischer Fotografie.

Wie schafft man es, sich in einer immer größer werdenden Bilderflut als Fotoagentur zu etablieren? Seit nun 40 Jahren arbeiten die Fotografen der Agentur laif mit ihrem Sitz in Köln daran, die Qualität der dokumentarischen Fotografie zu erhalten und damit dem Abverkauf der Fotografie entgegenzuwirken. Mittlerweile sind es über 400 Mitglieder im In- und Ausland, die sich Geschichten und Ereignissen widmen, um diese mit einem anderen Blick festzuhalten.

Dafür braucht es Zeit. So bewegt sich das Genre von laif schon immer zwischen Fotojournalismus und Dokumentarfotografie. Nun feiert die Agentur ihr 40-jähriges Bestehen und zeigt zu diesem Anlass 40 Arbeiten aus unterschiedlichen Generationen.

Seit ihrem Bestehen gab es viele Umbrüche. Der größte war mit Sicherheit die Umstellung auf die digitale Fotografie. Nicht nur für die Fotografen, auch für das immer größer werdende Bildarchiv, in dem sich Reportagen aus der ganzen Welt wiederfinden. Die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst in Köln zeigt eine große Fülle dieser Arbeiten. So zum Beispiel die fotojournalistische Arbeit von Manfred Linke, der einer der Gründer der Bildagentur ist. Die Fotografin Katharina Bosse hingegen widmet sich in ihrer Arbeit Surface Tension eher künstlerisch einer menschlichen Fragilität, bei der sich ihre Arbeit zwischen dokumentarischer Fotografie, Porträts und Inszenierung bewegt.

Die Bandbreite der Arbeiten zeigt auch eine gedruckte Sonderedition, die über den MAKK-Shop bezogen werden kann. In unserem Fragebogen, untenstehend, beantworten Peter Bialobrzeski (Kurator der Ausstellung), Peter Bitzer (früherer Leiter der Agentur), Silke Frigge (Leitung der Agentur) und Manfred Linke (Gründungsmitglied der Agentur) Fragen rund um die Agentur laif und deren Geschichte.

Ein Kind spielt 1985 auf einer Straße in Duisburg Hochfeld.
Ein Kind spielt 1985 auf einer Straße in Duisburg Hochfeld. Bild: Dirk Kruell/laif
Fotograf Peter Granser schaut sich in der amerikanischen „Rentnerstadt“ Sun City um.
Fotograf Peter Granser schaut sich in der amerikanischen „Rentnerstadt“ Sun City um. Bild: Peter Granser/laif
Der Fotograf Kai Löffelbein zeigt in seiner „Ctrl-X“ genannten Arbeit wie Elektroschrott aus westlichen Ländern in Ghana auseinandergenommen wird, um an wertvolle Metalle wie Kupfer zu kommen.
Der Fotograf Kai Löffelbein zeigt in seiner „Ctrl-X“ genannten Arbeit wie Elektroschrott aus westlichen Ländern in Ghana auseinandergenommen wird, um an wertvolle Metalle wie Kupfer zu kommen. Bild: Kai Loeffelbein/laif
Reportage aus dem Niemandsland, Grenzstreifen der Berliner Mauer, 1990.
Reportage aus dem Niemandsland, Grenzstreifen der Berliner Mauer, 1990. Bild: Bettina Flitner/laif
In ihrer Arbeit „Surface Tension" bewegt sich Katharina Bosse zwischen realen und surrealen Bildelementen.
In ihrer Arbeit „Surface Tension" bewegt sich Katharina Bosse zwischen realen und surrealen Bildelementen. Bild: Katharina Bosse/laif
Die Fotografin Barbara Dombrowski hat in sich ihrer Serie „La Storia“ dem italienischen Mann gewidmet.
Die Fotografin Barbara Dombrowski hat in sich ihrer Serie „La Storia“ dem italienischen Mann gewidmet. Bild: Barbara Dombrowski/Laif
Der verhüllte Reichstag von Christo und Jeanne-Claude 1995.
Der verhüllte Reichstag von Christo und Jeanne-Claude 1995. Bild: Wolfgang Volz/laif
Hannes Jung hat über Jahre hinweg die Auftritte und Entwicklung der AfD fotografisch begleitet.
Hannes Jung hat über Jahre hinweg die Auftritte und Entwicklung der AfD fotografisch begleitet. Bild: Hannes Jung/laif
Manfred Linke dokumentiert 1986 die Proteste von Gegnern der geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage bei Wackersdorf. Es kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Manfred Linke dokumentiert 1986 die Proteste von Gegnern der geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage bei Wackersdorf. Es kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Bild: Manfred Linke/laif
Autodefensa-Gruppen kämpfen in Medellin gegen Jugendbanden.
Autodefensa-Gruppen kämpfen in Medellin gegen Jugendbanden. Bild: Axel Krause/laif
Angela Merkel schaut während einer Bahnfahrt von Bonn nach Berlin aus dem Fenster. Der Fotograf Andreas Herzau hat die frühere Kanzlerin auf vielen ihrer Wege begleitet.
Angela Merkel schaut während einer Bahnfahrt von Bonn nach Berlin aus dem Fenster. Der Fotograf Andreas Herzau hat die frühere Kanzlerin auf vielen ihrer Wege begleitet. Bild: Andreas Herzau/Laif
Gordon Welters hat die Zerstörung nach der Flut im Ahrtal dokumentiert.
Gordon Welters hat die Zerstörung nach der Flut im Ahrtal dokumentiert. Bild: Gordon Welters/laif

Manfred Linke

Wie ist die Fotoagentur laif entstanden?

Im Februar 1981 war ich mit meiner Kamera bei der Anti AKW Demo in Brokdorf, eine Demo mit dem bis dahin größten Polizeiaufgebot in der Geschichte der Bundesrepublik. Irgendwann schlug der friedliche Protest um, Wasserwerfer und Hubschrauber wurden eingesetzt. Aus Köln waren zufällig auch noch andere Kollegen dort, manche mit, manche ohne Kamera. Wir kamen aus Brokdorf zurück und waren entsetzt, was wir dort gesehen hatten, und ziemlich schnell der Meinung, dass wir selbständig unsere Sicht auf das gesellschaftliche Zeitgeschehen, ganz ohne Auftrag, publizieren wollten. Eine gemeinsame Broschüre mit subjektivem Blick auf die Ereignisse entstand. Wir editierten die Bilder, entwarfen ein Layout, schrieben Texte und ließen die Broschüre in einer befreundeten Druckerei printen, sogar den Vertrieb haben wir selbst in die Hand genommen.

Was waren die Beweggründe und die Idee dahinter?

Aus dieser positiven Erfahrung heraus entstand die Idee sich dauerhaft zusammenzuschließen, eine gemeinsame Infrastruktur und Vertrieb unserer Bilder aufzubauen und die Ressourcen zu teilen. Mit meinen damaligen Kollegen Günter Beer, Jürgen Bindrim und Guenay Ulutuncok gründete ich zuerst ein Fotografenbüro, aus dem dann kurze Zeit später die Fotografenagentur laif hervorging.

Peter Bitzer

Sie haben die Agentur in der Umbruchzeit von analoger zu digitaler Fotografie betreut: Welche Auswirkung hat diese Entwicklung auf den Fotojournalismus?

Für das fotojournalistische Agenturgeschäft bedeutete dies vor allem mehr Geschwindigkeit und deutlich höhere Bildmengen. Außerdem musste das analoge Archiv digitalisiert und alle Bilder für die digitale Archivsuche umfangreicher verschlagwortet werden. Marketing und Distribution mussten auf neue Weise durchgeführt werden. Das alles waren (auch ökonomisch) sehr große Herausforderungen. Ich bin sehr froh, dass laif als Agentur diesen Umbruch damals sehr gut hinbekommen hat. Für die Agentur, aber auch für die Fotografinnen und Fotografen von laif ist der ja bis heute anhaltende Umbruch, beziehungsweise seine Auswirkungen, Anlass sich mit den unterschiedlichsten Aspekten ihrer Arbeit immer wieder neu auseinanderzusetzen.

Was war früher besser oder schlechter und was heute?

Die Finanzkrise 2008, im Zusammenspiel mit dem durch die Digitalisierung nun zur Verfügung stehenden Überangebot an Bildern, hat zu einem deutlichen Preisverfall geführt. Die bildredaktionelle Betreuung von mehr Bildern und Bildquellen musste und muss mit weniger statt mehr Einnahmen gemanagt werden. Es war und ist eine große Herausforderung unter diesen Bedingungen die nötigen Qualitätsstandards durchzuhalten. Gleichzeitig hat der Zwang, Qualität statt Masse zu liefern, um weiter adäquate Honorare verlangen zu können, zu mehr Innovationen und neuen Angeboten bei laif, wie zum Beispiel die Erstellung von Ausstellungs- und Bildbandkonzepten zu den großen Themen wie Flucht, Klimawandel oder Globalisierung für Stiftungen, NGOs oder politische Organisationen geführt. Diese Arbeit bereichert auch den Agenturalltag.

Silke Frigge

Wir als Abnehmer von Bildern sind immer häufiger mit Bildern von staatlich gelenkten Agenturen oder Handoutbildern konfrontiert. Wie kann in Zukunft noch eine freie fotojournalistische Berichterstattung gewährleistet sein?

Indem Verlage unabhängige und kritische Berichterstattung auch der Fotojournalist:innen wertschätzen, denn Demokratie und Rechtsstaatlichkeit werden auch mit visuellen Mitteln bedroht. Wer aber zunehmend nur noch auf den Preis schaut, kann nicht gleichzeitig Qualität, Unabhängigkeit und Kreativität erwarten. Das ist unrealistisch und verhindert langfristig eine Diversität großer und kleiner Anbieter:innen am Bildermarkt. Ein beständiger Honorardruck auf die Urheber:innen und seit der Pandemie zunehmend gepoolte Pressetermine konterkarieren den Wunsch der Redaktionen nach unterschiedlichen Bildsprachen, Themen und Formaten. laif ist eine Vertreterin der Autor:innenfotografie. Uns sind Fotograf:innen, die in ihren freien und auch in ihren Auftrags-Arbeiten eine persönliche Haltung einnehmen, sehr wichtig.

Welche Rolle kann eine Agentur dabei spielen?

Wir bleiben unserem Qualitätsanspruch treu. In der Fotografie und im Kundenservice, denn unser Team kann im Zweifelsfall für die Redaktionen zusätzliche Informationen zum Urheber/zur Urheberin oder zu den Umständen der Entstehung eines Bildes liefern, denn wir pflegen zu unseren Fotograf:innen einen persönlichen Kontakt. Die Sprache der Bilder ist eine eigenständige. Sie verdient es nicht, allein die Inhalte des Textes zu illustrieren, sondern sollte als zweite narrative Ebene verstanden werden.

Peter Bialobrzeski

Wonach haben Sie die Fotografinnen und Fotografen für diese Ausstellung ausgewählt?

Wir wollten 40 Jahre laif anhand von 40 Fotoserien, die im weitesten Sinn als Autorenfotografie anzusehen sind, zeigen. Konzeptuell war uns schnell klar, dass jeweils eine Fotoserie ein Jahr in der Geschichte von laif repräsentieren soll. Die gezeigten Fotoarbeiten sind alle einem Jahr zwischen der Gründung von laif 1981 und heute zugeordnet. Sie sind entweder in dem jeweiligen Jahr entstanden, prominent veröffentlicht, ausgestellt worden, oder gewannen einen wichtigen Preis. Sie repräsentieren, wofür die Agentur steht und bilden gleichzeitig die Vielfalt und die Entwicklung dokumentarischer und journalistischer Fotografie von 1981-2021 ab.

Was unterscheidet die Agentur laif von anderen nachrichtlichen Fotoagenturen?

Dass laif keine wirklich „nachrichtliche“ Fotoagentur ist. Vielmehr legen die vertretenen FotografInnen Wert auf subaktuelle Reportagen die Hintergründe beleuchten, Themen erspüren, die hinter der eigentlichen Nachricht relevant werden. Viele der gezeigten Arbeiten sind Langzeitprojekte, in der Mehrzahl ohne Auftrag entstanden und beinhalten sowohl eine subjektive, als auch eine politisch-gesellschaftlich relevante Komponente.

40 Jahre laif – 40 Positionen dokumentarischer Fotografie
12. März bis 25. September 2022

MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln
An der Rechtschule 7
50667 Köln

Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag 10–18 Uhr
Montag geschlossen
1. Donnerstag im Monat (Langer Donnerstag) 10–22 Uhr
Eintritt:
6 € / ermäßigt 3 €

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kuhlmann, Ben
Ben Kuhlmann
Bildredakteur.
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