Afghanischer Fotograf

Meine Flucht aus Kabul

Von Ishaq Ali Anis
03.09.2021
, 11:30
Es ist 4 Uhr morgens und wir werden aufgefordert, zum Terminal zu gehen. Die Militärflugzeuge landeten und starteten alle zehn bis 20 Minuten.
Ein junger afghanischer Fotograf erlebt den Einmarsch der Taliban in Kabul. Dann bietet sich die Möglichkeit, mithilfe der französischen Armee aus dem Land zu fliehen. Auf FAZ.net dokumentiert er in Bildern, wie er seine Heimat verließ.

Mein Name ist Ishaq Ali Anis. Ich bin 28 Jahre alt und habe in Kabul als Fotograf, Filmemacher, Dolmetscher und Fixer gearbeitet. Seit kurzem war ich für eine der größten indischen Zeitungen tätig, Diniki Bahaskar. Als die Taliban am 15. August in die Stadt marschierten, beschloss ich, hinauszugehen und Fotos und Videos zu machen, obwohl ich große Angst hatte.

Doch dann erfuhr ich, dass einige Filmemacher aus Paris unsere Namen auf eine Liste geschrieben und an den Flughafen geschickt hatten. Wir bekamen einen Geheimcode, an dem uns das Sicherheitspersonal erkannte.

Unsere Reise vom Flughafen Kabul nach Paris dauerte fast drei Tage und zwei Nächte. Wir verbrachten eine Nacht im Flughafen von Kabul und eine weitere Nacht in Abu Dhabi. Ich kannte einige Leute aus dem Flugzeug, aber nicht alle. Ich schätze, es waren etwa 400 bis 450 Menschen, aber ich bin mir nicht sicher, weil es ein großes Militärflugzeug war.

Unsere Reise war völlig kostenlos. Wir haben weder für den Flug noch für das Essen, das Wasser oder die Unterkunft bezahlt. Alles wurde von den französischen Streitkräften zur Verfügung gestellt, die uns vom Flughafen Kabul nach Frankreich brachten. Nun lebe ich in Paris. Ich plane, auch hier weiterhin als Künstler zu arbeiten.

Taliban fahren auf einem früheren afghanischen Polizeifahrzeug durch ein beliebtes Viertel von Kabul. Wegen der vielen Restaurants und Cafés, der modischen Mädchen und Jungen nannten die Menschen die Gegend Pul-e Surkh „Klein-Paris“.
Taliban fahren auf einem früheren afghanischen Polizeifahrzeug durch ein beliebtes Viertel von Kabul. Wegen der vielen Restaurants und Cafés, der modischen Mädchen und Jungen nannten die Menschen die Gegend Pul-e Surkh „Klein-Paris“. Bild: Ishaq Ali Anis
Die ausländischen Streitkräfte errichteten eine Barriere aus Stacheldraht, um die Menschen vom Flughafen fernzuhalten. Auf der Seite der Einwohner halten Mitglieder der „Einheit 01“ (wie sie von den Leuten genannt wird) die Menschen auf ihren Plätzen, manchmal durch Schüsse in die Luft, manchmal mit einem Schlagstock.
Die ausländischen Streitkräfte errichteten eine Barriere aus Stacheldraht, um die Menschen vom Flughafen fernzuhalten. Auf der Seite der Einwohner halten Mitglieder der „Einheit 01“ (wie sie von den Leuten genannt wird) die Menschen auf ihren Plätzen, manchmal durch Schüsse in die Luft, manchmal mit einem Schlagstock. Bild: Ishaq Ali Anis
Während die Menschen vorwärts drängen, kommt ein Soldat näher und nimmt ein kleines Mädchen, um es vor dem Druck zu schützen. Zwei Stunden später schlossen die Streitkräfte das Tor.
Während die Menschen vorwärts drängen, kommt ein Soldat näher und nimmt ein kleines Mädchen, um es vor dem Druck zu schützen. Zwei Stunden später schlossen die Streitkräfte das Tor. Bild: Ishaq Ali Anis
Eine Gruppe von Journalisten hält ein Plakat und einen gelben Schal in die Höhe, um sich den Sicherheitskräften bemerkbar zu machen, die das nördliche Tor des Flughafens bewachen. Obwohl die Journalisten auf der Liste standen und von innen einen Code erhalten hatten, gelang es ihnen nicht, hineinzukommen. Die Nacht über blieben sie vor dem Flughafen.
Eine Gruppe von Journalisten hält ein Plakat und einen gelben Schal in die Höhe, um sich den Sicherheitskräften bemerkbar zu machen, die das nördliche Tor des Flughafens bewachen. Obwohl die Journalisten auf der Liste standen und von innen einen Code erhalten hatten, gelang es ihnen nicht, hineinzukommen. Die Nacht über blieben sie vor dem Flughafen. Bild: Ishaq Ali Anis
Es ist 2 Uhr morgens und die Menschen warten vor den Toren des Flughafens. Ein Gerücht war umgegangen, dass die ausländischen Streitkräfte die Tore mitten in der Nacht öffnen würden, wenn weniger Menschen dort seien, doch das geschah nie.
Es ist 2 Uhr morgens und die Menschen warten vor den Toren des Flughafens. Ein Gerücht war umgegangen, dass die ausländischen Streitkräfte die Tore mitten in der Nacht öffnen würden, wenn weniger Menschen dort seien, doch das geschah nie. Bild: Ishaq Ali Anis
Wir befinden uns in einem gepanzerten Fahrzeug und werden von den französischen Streitkräften zur Botschaft auf dem Flughafengelände transportiert. Als wir an den Hunderten von Menschen vorbeikommen, die an jeder Ecke sitzen, sagt der Dolmetscher (rechts), wir hätten Glück gehabt. All die Menschen seien seit mehreren Tage hier.
Wir befinden uns in einem gepanzerten Fahrzeug und werden von den französischen Streitkräften zur Botschaft auf dem Flughafengelände transportiert. Als wir an den Hunderten von Menschen vorbeikommen, die an jeder Ecke sitzen, sagt der Dolmetscher (rechts), wir hätten Glück gehabt. All die Menschen seien seit mehreren Tage hier. Bild: Ishaq Ali Anis
Das Flugzeug steht bereit, um uns von hier weg zu bringen. Als wir einsteigen, wissen wir nicht, wohin wir fliegen werden. Erst in Abu Dhabi erfahre ich, wo wir gelandet sind.
Das Flugzeug steht bereit, um uns von hier weg zu bringen. Als wir einsteigen, wissen wir nicht, wohin wir fliegen werden. Erst in Abu Dhabi erfahre ich, wo wir gelandet sind. Bild: Ishaq Ali Anis
Ich frage nach unserem nächsten Ziel, aber eines der Besatzungsmitglieder sagt, er dürfe solche Informationen nicht weitergeben. Im Flugzeug ist es kalt und ich habe nur wenig zum Anziehen.
Ich frage nach unserem nächsten Ziel, aber eines der Besatzungsmitglieder sagt, er dürfe solche Informationen nicht weitergeben. Im Flugzeug ist es kalt und ich habe nur wenig zum Anziehen. Bild: Ishaq Ali Anis
Unser Flugzeug nach Paris hebt um 2 Uhr morgens ab. Als ich aufwache, steht die Sonne schon fast am Himmel. Der Mond zeigt sich als glänzendes Objekt über den Wolken. Langsam wird mir bewusst, dass ich in Sicherheit bin und in eine der schönsten Städte der Welt fliege.
Unser Flugzeug nach Paris hebt um 2 Uhr morgens ab. Als ich aufwache, steht die Sonne schon fast am Himmel. Der Mond zeigt sich als glänzendes Objekt über den Wolken. Langsam wird mir bewusst, dass ich in Sicherheit bin und in eine der schönsten Städte der Welt fliege. Bild: Ishaq Ali Anis
Auf dem Weg zu unserem Gästehaus hält Younis Ashna, ein befreundeter Theaterkünstler, die traurigen Gesichter und müden Busreisenden mit seinen Witzen auf Trab.
Auf dem Weg zu unserem Gästehaus hält Younis Ashna, ein befreundeter Theaterkünstler, die traurigen Gesichter und müden Busreisenden mit seinen Witzen auf Trab. Bild: Ishaq Ali Anis
Auf dem Weg zu unserem Gästehaus versuche ich zu verstehen, wohin wir fahren, aber keines der Zeichen oder Straßenschilder ergibt für mich einen Sinn.
Auf dem Weg zu unserem Gästehaus versuche ich zu verstehen, wohin wir fahren, aber keines der Zeichen oder Straßenschilder ergibt für mich einen Sinn. Bild: Ishaq Ali Anis
Quelle: Ishaq Ali Anis
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