Die Proteste in Belarus

Träume von der Zukunft

Aktualisiert am 15.10.2020
 - 21:42
Aus dem Traum erwacht: Ein offensichtlich unpolitischer Jugendlicher vor dem abgesperrten Museum.zur Bildergalerie
Der belarussische Fotograf Dmitri Wainowski hat lange auf das gewartet, was in diesem Sommer in seinem Land geschah. Für ihn befindet sich die Gesellschaft in einem Traumzustand mit erhöhter Hirntätigkeit. Das dokumentiert er auf analogem Schwarzweißfilm.

Der belarussische Fotograf Dmitri Wainowski (Zmicer Waynowski) hat lange auf das gewartet, was in diesem Sommer in seiner Heimat passierte, sagt er, dieses Erwachen seiner manchmal für ihre Duldsamkeit belächelten Landsleute, die eine Revolution der Würde auf die Beine stellten und trotz polizeilicher Strafaktionen über viele Wochen zu Zehntausenden zu friedlichen Protesten auf die Straßen gingen. Zugleich erscheint es Wainowski, als befände sich die Gesellschaft in einer Art Traumzustand, und zwar in der REM-Schlafphase, die mit erhöhter Gehirntätigkeit und heftigen Bewegungen der Augäpfel verbunden ist. Umso wichtiger war es ihm, den historischen Augenblick mit noch ungewissen Folgen in seiner Substanz zu dokumentieren, ohne Ablenkung durch Farbe, wozu ihm ein altmodisches Weitwinkelobjektiv mit Schwarzweißfilm als das beste Medium erschien.

Das Unerhörte der Situation vergegenwärtigt das Rückenbild der Oppositionsführerin Marija Kolesnikowa mit ihrer charakteristischen Kurzhaarfrisur, die, als sie mit Mikrofon vor dem KGB-Gebäude steht, die Ordnungshüter zum Dialog auffordert. Auf der gewöhnlich leeren Prachtstraße namens Prospekt der Unabhängigkeit, vor dem stalinistischen Gebäude, drängen sich die Demonstranten für den Neuanfang als tiefenscharfes Wimmelbild von Individualitäten. Den achtsamen „belarussischen Charakter“, der bei den Protesten legendär wurde, dokumentiert das Bild des Paares, das, bevor es auf eine Parkbank stieg, die Schuhe ausgezogen hat.

Die selbstbewusst gewordene Zivilgesellschaft fand Ausdruck in spontanen Straßenkonzerten. Wainowski zeigt aber auch einen älteren Mann, der mit temperamentvoller Geste und nacktem Oberkörper auf geharnirschte junge Ordnungskräfte einredet, die vor ihm regelrecht zu erschrecken scheinen. Archetypisch schlägt sich das Aufbruchsgefühl, aber auch der Traumzustand dieses Sommers, in dem Foto einer Frau nieder, die beide Arme wie zum Sonnengruß empor reckt, die sich hinter der weiß-rot-weißen Fahne aber auch in einen Schattenriss verwandelt.

Dass die Staatsmacht den Demonstranten und zumal Demonstrantinnen, die sich weiß kleideten und weiße Blumen mitbrachten, in der Gestalt schwarz maskierter Schlägertrupps entgegentrat, kommt Wainowskis Ästhetik entgegen. Symbolisch ist die Aufnahme von Teilnehmerinnen eines sonntäglichen Frauenmarsches, die einen Polizeiwagen, worin eine verhaftete Kameradin sitzt, aufzuhalten versuchen. Man sieht, wie ein athletischer Sonderpolizist die 73 Jahre alte Nina Badinskaja, die Grande Dame der Proteste, mit hartem Griff festnimmt. Ein anderer reißt eine junge Frau an den Haaren. Das Regime mobilisierte aber auch Rekruten, die, ebenfalls maskiert, das mit Stacheldraht abgeriegelte Museum des Zweiten Weltkriegs gegen die Demonstranten „bewachten“. Einer von ihnen hat einen Blumenstrauß auf den Stacheldraht geworfen. Hinter den Plexiglasschilden, mit denen eine Sonderpolizistenphalanx gegen die Bürgerproteste vorrückte, wirken diese Regimestützen im Gegenlicht aber schon selbst wie Wesen aus dem Schattenreich.

Zmicier Wainowski hat mit uns über seine Arbeit gesprochen:

What made you pick your theme, what did you experience during the protests?
The choice of the topic is not accidental for me. I am not just a photographer here; I am an observer as well as a person being observed, a participant in processes taking place in Belarusian society now and for which I have been waiting a long time. I was simply following the advice of the legendary Robert Capa: I took a camera in my hands and approached the object as closely as possible.

When and where were you born and educated, what have been the stages of your professional career?
I was born in 1973 in Minsk when it was still part of the USSR. My first degree was in Education. However the degree that allows me to not have to engage in commercial photography full time is Marketing.

What is your standard camera equipment? Do you have any special or favorite gear ?
All "collective bodies" of protests are similar to each other, and I really did not want to fall into any genre or to get carried away by the "dominant" color or form, because my interest was not in the initial state of the object, but in the tendency hidden in this state; already the first black-and-white roll of film showed that the old wide-angle Pentax lens from the 80’s perfectly copes with the task I set for myself.

How do you process/edit your images, which darkroom technique, software or apps do you use?
The film together with “field conditions” creates a result that requires almost no further processing.

Do you have photographic role models ?
Josef Koudelka, Garry Winogrand, Robert Frank, Eugene Smith.

Is there a portfolio or photo album that inspired you ?
"The Americans", "Pictures from Home", "The Decisive Moment".

Where can one find more of your photographic work?

On Instagram

https://www.instagram.com/zmicer_waynowski/

Quelle: kho./raut./F.A.Z.
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