Türkische Gastarbeiter

Die Menschen, die Deutschland gerufen hatte

29.10.2021
, 08:27
Kinder mit Luftballons, Sudermanplatz, Köln-Agnesviertel. Neben dem Baum auf dem Wandbild der Brandmauer steht ein Gedicht des türkischen Lyrikers Nazim Hikmet . „Einzeln und frei wie ein Baum, und brüderlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht.“
Vor 60 Jahren schloss die Bundesrepublik mit der Türkei einen Vertrag über das Anwerben sogenannter Gastarbeiter. Eine Fotoausstellung in Essen gewährt nun Einblicke in das Leben türkischer Migranten in den Neunzigern.

Vor sechzig Jahren, am 30. Oktober 1961, schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei einen Vertrag über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen war das wichtigste in einer Reihe von internationalen Verträgen, die dringend benötigte Arbeitskräfte nach Deutschland brachten. Sogenannte Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen kamen seit den 1950er Jahren in die damalige Bundesrepublik. Anfangs als Arbeitskräfte auf Zeit angeworben, änderte sich ihr Blick auf Deutschland mit den Jahren. Aus der Fremde wurde für einige eine zweite Heimat.

Zum sechzigsten Jahrestag der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens mit der Türkei zeigt das Ruhr Museum auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein Fotografien des Istanbuler Fotografen Ergun Çağatay (1937 bis 2018). Seine Bilderwelten stellen nicht nur individuelle Migrationserfahrungen zweier Generationen in Deutschland in den Mittelpunkt, sondern thematisieren auch die Fragen der Gegenwart nach Integration, Identität und Teilhabe.

Bei der Arbeit, mit der Familie, in der Moschee

Die Sonderausstellung gibt Einblick in das Leben der ersten und zweiten Generation türkischer Migranten und Migrantinnen in Deutschland. Von Ende März bis Anfang Mai 1990 besuchte Ergun Çağatay Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg. Dabei entstanden 3500 Fotografien aus der Arbeitswelt, dem Gemeinschafts- und Familienleben. Ergun Çağatay fotografierte türkische Arbeitskräfte jeden Alters einzeln und in Gruppenporträts, bei der Arbeit und den Familien zu Hause, bei Festen, Kulturveranstaltungen und Versammlungen in den Moscheen. Er machte Aufnahmen von Jugendlichen oder begleitete eine Demonstration gegen das neue Ausländergesetz.

„Nie zuvor wurde das Thema des türkischen Lebens in Deutschland in solcher Breite und so facettenreich fotografisch dokumentiert“, sagt Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums und Mitglied des Vorstands der Stiftung Zollverein. Çağatay werfe einen interessierten Blick auf die Welt der türkischen Migrantinnen und zeige auch, „wie die türkische Einwanderung Deutschland verändert hat“.

Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl von 116 der eindrucksvollsten Bilder Çağatays. Außerdem gibt es acht eigens für die Ausstellung produzierte Videointerviews mit Zeitzeugen. Çağatays Fotografien zeigen eine Zeit, in der sich Deutschland in eine multikulturelle Gesellschaft verwandelte.

Die Familie von Hasan Hüseyin Gül, Hamburg
Die Familie von Hasan Hüseyin Gül, Hamburg Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Porträt der Inhaber des Obst- und Gemüsegeschäfts >Mevsim<, Weidengasse, Köln-Eigelstein
Porträt der Inhaber des Obst- und Gemüsegeschäfts >Mevsim<, Weidengasse, Köln-Eigelstein Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Beschneidungsfeier im „Burcu“ am Oranienplatz, Berlin-Kreuzberg
Beschneidungsfeier im „Burcu“ am Oranienplatz, Berlin-Kreuzberg Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Gruppenbild mit neun Mitgliedern der ›36 Boys‹ vor ihrem Tag, Berlin-Kreuzberg. Stehend v.l.n.r.: Ender Aras, Taha Iraki, Semih, Hüseyin Bozkurt, Tuncay Karadeniz. Sitzend: Ercan Civelek, Muzzafer Tosun ›Muci‹, Erkan Usta, Erkan Ketenci
Gruppenbild mit neun Mitgliedern der ›36 Boys‹ vor ihrem Tag, Berlin-Kreuzberg. Stehend v.l.n.r.: Ender Aras, Taha Iraki, Semih, Hüseyin Bozkurt, Tuncay Karadeniz. Sitzend: Ercan Civelek, Muzzafer Tosun ›Muci‹, Erkan Usta, Erkan Ketenci Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Männer an Spielautomaten und beim Okey-Spiel in einem Männercafé, Duisburg-Walsum
Männer an Spielautomaten und beim Okey-Spiel in einem Männercafé, Duisburg-Walsum Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Schauspieler des Kölner Arkadaş Theaters in Aziz Nesins Stück Ob Yaşar lebt oder nicht (Yaşar Ne Yaşar Ne Yaşamaz); links im Vordergrund Regisseur Meray Ülgen, rechts Theaterdirektor Necati Şahin; 2. Reihe: Günay Köse, Figen Canatalay, Lilay Erincin; 3. Reihe: Haydar Zorlu, Hakan Korkut, Erdeniz Örüklü, Bülent Tezcanlı (mit Bağlama), Vedat Erincin; auf der Leiter: Emire
Schauspieler des Kölner Arkadaş Theaters in Aziz Nesins Stück Ob Yaşar lebt oder nicht (Yaşar Ne Yaşar Ne Yaşamaz); links im Vordergrund Regisseur Meray Ülgen, rechts Theaterdirektor Necati Şahin; 2. Reihe: Günay Köse, Figen Canatalay, Lilay Erincin; 3. Reihe: Haydar Zorlu, Hakan Korkut, Erdeniz Örüklü, Bülent Tezcanlı (mit Bağlama), Vedat Erincin; auf der Leiter: Emire Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Vater mit Sohn und drei Töchtern vor seinem Mercedes, Duisburg-Walsum 1990
Vater mit Sohn und drei Töchtern vor seinem Mercedes, Duisburg-Walsum 1990 Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Wartesaal in der Hamburger Ausländerbehörde im Bieber-Haus, Hamburg-St. Georg
Wartesaal in der Hamburger Ausländerbehörde im Bieber-Haus, Hamburg-St. Georg Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
In der Polsterfertigung bei Ford, Köln-Niehl
In der Polsterfertigung bei Ford, Köln-Niehl Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Demonstrantin auf der Kundgebung gegen den Entwurf des neuen Ausländergesetzes, Hamburg, 31.03.1990
Demonstrantin auf der Kundgebung gegen den Entwurf des neuen Ausländergesetzes, Hamburg, 31.03.1990 Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Zwei Bergleute kurz vor Schichtende in einem Personenwagen älterer Bauart, Bergwerk Walsum, Duisburg
Zwei Bergleute kurz vor Schichtende in einem Personenwagen älterer Bauart, Bergwerk Walsum, Duisburg Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Abstich in den von der türkischen Firma Metas übernommenen Berliner Stahlwerken, Borsig-Gelände, Berliner Straße, Berlin-Tegel
Abstich in den von der türkischen Firma Metas übernommenen Berliner Stahlwerken, Borsig-Gelände, Berliner Straße, Berlin-Tegel Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Die Zentralschachtanlage des Bergwerks Walsum mit der Werksbahn, Ansicht von Osten, Duisburg
Die Zentralschachtanlage des Bergwerks Walsum mit der Werksbahn, Ansicht von Osten, Duisburg Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Selbstbildnis des Fotojournalisten Ergun Çağatain Grubenkleidung vor Beginn der „Anfahrt“, Bergwerk Walsum, Duisburg
Selbstbildnis des Fotojournalisten Ergun Çağatain Grubenkleidung vor Beginn der „Anfahrt“, Bergwerk Walsum, Duisburg Bild: Ergun Çağatay/Fotoarchiv Ruhr Museum/Stadtmuseum Berlin/Stiftung Historische Museen Hamburg
Quelle: FAZ.NET
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