Fotos für die Pressefreiheit

Weiße Kleider gegen staatliche Willkür

Von Jana Voigt
30.04.2021
, 16:22
Bewegende Bilder von Protesten in Belarus, von einem innigen Wiedersehenskuss vor einem Istanbuler Gefängnis und von entschlossenen Nordkoreanern, denen die Flucht geglückt ist. Die 27. Edition des Buches von Reporter ohne Grenzen erscheint am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit.

Politische Krisen und Konflikte sowie die weltweite Verbreitung des Coronavirus haben das vergangene Jahr geprägt. Die Presse- und Meinungsfreiheit ist im Zuge der Pandemie in vielen Teilen der Welt neuen Angriffen ausgesetzt gewesen.

Der aktuelle Band „Fotos für die Pressefreiheit“ setzt den Fokus auf die Proteste in Belarus, wo zehntausende Menschen nach der offenkundig gefälschten Präsidentenwahl von Alexander Lukaschenka im Sommer 2020 monatelang auf die Straße gegangen sind. Journalistinnen und Journalisten setzten sich für die Berichterstattung der Gefahr aus, Opfer der massenhaften Verhaftungen zu werden oder Schläge der berüchtigten Spezialeinheiten zu erleiden.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Dokumentation der dramatischen Auswirkungen der Corona-Pandemie in Brasilien und Südafrika und das zunehmende Elend von Geflüchteten an den Grenzen der Europäischen Union.

Seit 1994 stellen renommierte Fotografen jährlich Reporter ohne Grenzen ihre Arbeiten unentgeltlich zur Verfügung. Die Erlöse aus dem Verkauf der Bände fließen in Pressearbeit und Nothilfe, wie Anwaltskosten und medizinische Hilfe für verfolgte Journalistinnen und Journalisten.

Die belarussische Fotografin Violetta Savchits hat 2020 in ihrem Heimatland dokumentiert, wie Tausende friedlich gegen Machthaber Alexander Lukaschenka protestierten. Obwohl Lukaschenka die Demonstrationen regelmäßig niederschlagen ließ, zogen die Menschen weiter zu Protesten auf die Straßen und Plätze. Viele Teilnehmerinnen kleideten sich im Sommer 2020 bewusst in weiß. Die Fotografin Violetta Savchits sagt, mit ihren schönen, weißen Kleidern hätten die Frauen einen starken Kontrast zu dieser Willkür des Staates gesetzt. Ihre Bilder dokumentieren die Ohnmacht gegenüber dem martialischen Aufgebot an Sicherheitskräften, aber auch die kreativen Protestformen der neuen Freiheitsbewegung im Land.

Unabhängige Journalistinnen und Journalisten geraten in der Türkei immer mehr unter Druck. Die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan geht mit Hilfe der Justiz hart gegen sie vor. Auch der Cumhuriyet-Journalist Kadri Gürsel wurde wegen seiner journalistischen Arbeit strafrechtlich verfolgt und zu einer Haftstrafe verurteilt. Bei seiner Haftentlassung entstand ein besonderes Bild, das viele Menschen in der Türkei berührte: Seine Frau empfing ihn am Gefängnistor und beide küssten sich innig. Der Fotograf Yasin Akgül erzählt: „Seitdem werden Häftlinge nicht mehr vor dem Gefängnistor freigelassen, (...) sondern auf einer abgelegenen Autobahnraststätte. Das ist die Kehrseite dieses erfolgreichen Bildes.“ Der Fotograf Yasin Akgül lotet die verbliebenen Spielräume in seiner Arbeit täglich neu aus. Er begleitet Gerichtsprozesse gegen Kollegen ebenso wie Proteste von Frauen in Istanbul, die dort mutig für ihre Rechte eintreten – trotz eines massiven Aufgebots an Sicherheitskräften.

Im Vorwahlkampf zur Präsidentschaftswahl 2020 in den Vereinigten Staaten bereiste der deutsche Fotograf Jens Schwarz die amerikanische Provinz. Dort traf er sich mit politisch engagierten Anhängern der Demokraten und der Republikaner. An der Basis der beiden Parteien fand er eine Gesellschaft vor, die sich ihm weit weniger gespalten darstellte, als sie oft in der Trump-Ära beschrieben wurde.

Die Bilder des Fotografen Lalo de Almeida aus Brasilien zeigen eindringlich, dass die Corona-Pandemie auch eine globale soziale Krise ist. Lalo de Almeida: „Die Lage armer Menschen wurde nicht nur hinsichtlich ausbleibender Löhne noch prekärer. Für Jobs, die viele von ihnen informell bestreiten. Auch die Gesundheitsangebote waren kaum zugänglich.“ In Sao Paulo fotografierte er Menschen, die für ihre Kinder nicht genügend zu essen hatten. An ausreichende Hygiene und angemessene Mundschutzmasken gegen das Coronavirus war für sie nicht zu denken. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ergriff so gut wie keine landesweiten Maßnahmen, um die Seuche einzudämmen. Brasilien hat weltweit die drittmeisten Todesfälle durch Covid-19 zu beklagen.

Nur wenigen Menschen gelingt es, der Diktatur in Nordkorea zu entfliehen. Wer weg will, muss das nötige Geld aufbringen, aber auch den Mut, um die streng bewachte Grenze zu überwinden. Selbst wer es bereits nach China geschafft hat, kann jederzeit aufgegriffen und zurückgebracht werden. Viele landen in den berüchtigten politischen Lagern. Der Fotograf Tim Franco hat Menschen porträtiert, denen es nach jahrelanger Flucht trotzdem gelungen war, ins südkoreanische Seoul zu gelangen.

Auf der griechischen Insel Lesbos waren tausende Flüchtlinge lange Zeit notdürftig in der Zeltstadt von Moria untergebracht, dem bis dato größten Flüchtlingscamp der Europäischen Union. Im September 2020 wurde es durch ein Großfeuer zerstört. So verloren die Geflüchteten ihre letzten verbliebenen Habseligkeiten und mussten auf der Straße kampieren. Zurück blieben Menschen ohne Perspektive, mit nur geringen Chancen auf Asyl oder Weiterreise in andere EU-Länder. Die Fotografin dokumentierte das Leben der Flüchtlinge und will sich mit dem verbreiteten Desinteresse in Europa nicht abfinden: „Wenn keiner mehr hinsehen will, treibt es mich erst recht an, weiter zu fotografieren.“

Als der irische Fotojournalist Ivor Prickett im Jahr 2011 das erste Mal in Libyen war, hatte der Arabische Frühling gerade den einstigen Diktator Muammar al-Gaddafi hinweggefegt. Prickett: „Wie viele Kollegen damals hatte ich Anfang 2011 etwas blauäugig gehofft, dass auf die Revolution ein demokratischer Übergangsprozess folgen würde.“ Doch es schlossen sich neun Jahre Bürgerkrieg an. Heute sucht eine international anerkannte Einheitsregierung ihren schwachen Einfluss im ganzen Land auszubauen, während der Warlord General Haftar den Osten für sich beansprucht. Bei seiner zweiten Reise traf Prickett mit seiner Kamera in Bengasi auf viele Menschen, deren Hoffnungen zerstoben sind.

In Südafrika hat die Corona-Pandemie bestehende Ungleichheiten verschärft und vertieft. Der südafrikanische Fotograf Lindokuhle Sobekwa zeigt in seinen Bildern die Nöte der Menschen in seiner Gemeinde Thokoza bei Johannesburg: Wassermangel, marode Infrastruktur und schlechte Hygienebedingungen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Voigt. Jana
Jana Voigt
Bildredakteurin.
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