Geisha in Japan

Zerbrechliche Schönheit

Aktualisiert am 27.11.2020
 - 15:16
Ikuko wartet auf die anderen Geishas, bevor sie gemeinsam auf einer Feier arbeiten. zur Bildergalerie
Fast jede Branche war und ist wirtschaftlich von der Corona-Pandemie betroffen. Der Fotograf Kim Kyung-Hoon blickt während der Krise auf die ganz besonderen Dienste der Geisha in Japan.

Die Lage ist sehr schwierig, und die Hoffnungen schwinden jeden Tag ein bisschen mehr. Corona dreht nach wie vor seine Runden. Die Folgen sind verheerend. Die Menschen tragen zwar Mund- und Nasenschutz, halten Abstand und gehen auf Distanz. Wie die halbe Welt aber lebt Tokio seit Monaten schon am Rande des Abgrunds und Ikuko von ihrem Ersparten.

Sie sei jetzt über achtzig Jahre alt und habe über die vielen Jahrzehnte etwas Geld zur Seite legen können. Ihre jüngeren Kolleginnen aber seien in der wohl schwersten Krise ihrer Branche nahezu mittellos, sagt sie. Viele von ihnen ständen daher vor dem wirtschaftlichen Aus. Harte Zeiten für die Geishas in Tokios altem Akasaka-Viertel.

Der Gedanke an eine zweite Viren-Welle sei erschreckend, sagt ihre Kollegin Mayu. Die erste sei schon schlimm genug gewesen. Über Monate waren die Teehäuser, Cafés und Restaurants im Viertel dicht. Die Kunden blieben aus, die Auftritte waren rar, die Zahl der angestammten Patrone, die einer Geisha eine Lebensrente zahlen, gibt es kaum noch.

Geishas, das klassische Gesicht Japans

Nun sind einige Etablissements zwar wieder geöffnet, doch Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Solange kein Impfstoff gefunden ist, halten sich die Besucher zurück. Die Häuser und Kassen leer. Lokale Geisha-Vereinigungen versuchen, Internetmeetings zu organisieren. Der Staat gibt finanzielle Hilfen aus. Die aber ist kaum genug, um zu überleben.

Ikuko hat so eine Lage noch nie erlebt. Dabei sei sie schon mehr als ein halbes Jahrhundert in der Stadt und im Geschäft. Geishas sind das klassische Gesicht Japans und Künstlerinnen der gehobenen Unterhaltung – mit allem drum und dran: Tanz, Spiel und Gesang, Teezeremonie, gepflegte Gespräche über Literatur und Philosophie, alte Gesänge, symbolreiche Tänze. Sie tragen Künstlernamen, pflegen eine eigene Sprache, ein eigenes Aussehen und einen ganz eigenen Charme. Früher spielte auch Sex eine Rolle. Denn einst hatten Geishas auch erotische Phantasien ihrer gutbetuchten Förderer zu bedienen. Dem schob Japan Ende der fünfziger Jahre mit seinen Baishun-Boshi-Ho, den Gesetzen gegen Zwangs-Prostitution, einen Riegel vor.

Bis heute aber stecken die alten Stereotype in vielen Köpfen. „Mein Vater verstand nicht, was Geishas sind“, sagt Mayu. Er habe gedacht, das sei Prostitution. Es kam zum Streit, sie verließ das Elternhaus, und kam Jahre später wieder. Als ihr Vater einen ihrer Auftritte besuchte, „kam er danach hinter die Bühne, ging auf die Knie und verbeugte sich tief“. Wie alle Geishas tragen auch Mayu und Ikuko Perücken mit rabenschwarzen Haare und teure Seiden-Kimonos. Ihre Gesichter sind weiß geschminkt, die Lippen knallrot angemalt. Eine puppengleiche Maske, die jede Spur von Persönlichkeit verbietet und dem nur schwer durchschaubaren Schauspiel das immer gleiche Aussehen gibt – seit mehr als hundertfünfzig Jahren.

Die Ausbildung ist hart

Damals wie heute verkörpern Geishas eine träumerische Welt. Sie nähren mit ihren Erscheinungen Vorstellungen, von der sie heute selbst entscheiden können, wie weit sie sie bedienen. Ihre Ausbildung dazu ist hart. Sie startet in jungen Jahren und dauert sehr lang. Die Lehrlinge nennen sich Hangyoku, Oshaku oder Maiko, die Meisterinnen sind Geishas. Sie sind oft Freiberufler, werden durch Agenturen vertreten und von einer Schar Zulieferern bedient: Perückenmacher und Schneider, Ankleider, Make-up-Profis, Lehrer und Event-Manager. Die Krise hat sie alle getroffen. Jeder ihrer Aufträge sei während der ersten Monate der Krise abgesagt worden, sagt die Visagistin Mitsunaga Kanda. Die Lage ist ernst.

Denn Geishas dürften während ihrer Arbeit nur zu ganz bestimmten Zeiten in ganz bestimmten Häusern und vorgeschriebenen Vierteln unterwegs sein, den „Hanamachis“, den Blumenstädten. Das bekannteste dieser Viertel ist Gion in der alten Hauptstadt Kyoto. Doch es ist nicht das einzige. Allein in Tokio gibt sechs alte Hanamachis.

Sie reichen von Shimbashi und Hachioji bis Yoshicho und Mukojima. Das größte dieser Viertel liegt oben in Asakusa, gleich hinter dem alten Sensoji-Tempel. Das älteste ist unten in Akasaka, keine zwanzig Gehminuten vom Kaiserpalast. Der Stadtteil ist mehr als vierhundert Jahre alt, seit knapp zweihundert Jahren sind hier auch Geishas zu Hause.

Hier standen einst Dutzende ihrer Häuser; hier stiegen Branchenstars, wie die auch Manryu genannte Shizu Tamukai, um 1900 zu Ruhm und Reichtum auf; hier sind derzeit noch zwanzig von ihnen aktiv. Vor sechzig Jahren waren sie noch vierhundert, vor dreißig Jahren hundert, heute nehmen nur noch wenige Mädchen die harte und lange Lehrzeit auf sich. Sie seien auf eine eigene Weise schön, sagt die einstige Geisha Michiyo Yukawa. „Dies verschwinden zu lassen, wäre traurig.“ Wie Kelly Foreman in ihrem Buch „The Gei of Geisha: Music Identiy and Meaning“ schreibt, haben es Geishas „immer schon schwer gehabt, über die Runden zu kommen“. Mayu und Ikoku gehören zu den letzten ihrer Art.

Als Ikoku Anfang der sechziger Jahre nach Tokio kam, hatte sich die Stadt zum zweiten Mal daran gemacht, die Olympischen Spiele auszutragen. Zwanzig Jahre zuvor hatte Tokio sie zum ersten Mal austragen wollen, doch wegen des Krieges absagen müssen. 2020 sollten sie wieder in Tokio sein. Sie wurden nun aber erst mal verschoben und stehen wieder auf der Kippe – und mit ihnen die letzten Geishas von Akasaka.

Quelle: fib./ kuhl.
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