Nahverkehr in Nairobi

Gefährlich schön

Von Martin Franke, Nairobi
17.09.2022
, 07:30
Einsteigen beim Fahren: Sie sind schön, laut, schmutzig – die Matatu-Busse aus Kenia.
Ohne sie geht gar nichts in der kenianischen Hauptstadt: die berüchtigten Matatu-Fahrer von Nairobi. Die Einrichtung der Busse ist einzigartig, ihr Fahrstil oft halsbrecherisch.

Sie sind laut, schmutzig, einzigartig: die Matatus aus Nairobi, bunte Busse mit vielfältigen Motiven, statt nur einfarbigem Lack. Unzählige Themen sind verarbeitet, vor allem Fußballvereine, Bibelzitate und Filme finden hier ihren Platz. Das Konterfei von Cristiano Ronaldo gibt es gleich mehrfach, auch ein Borussia Dortmund-Bus mit den Worten „Echte Liebe“ fährt in der Metropole herum. Als Matatu zählen sowohl die größeren, als auch kleinen Busse mit 14 Sitzen. Der Name bedeutet auf Suaheli „drei“ und steht wahrscheinlich für die drei Münzen, die eine Fahrt in den 1970er Jahren kostete, als Matatus aufkamen. In Kenia ist es das wichtigste Transportmittel – es verbindet auch die Hauptstadt mit dem Rest des Landes.

Hinter den Bussen steckt ein Netzwerk aus meist wohlhabenden Personen und Unternehmen, die viel Einfluss haben. Streiken die Fahrer, steht ganz Kenia still. Früher einmal betrieb der Staat selbst den Nahverkehr, scheiterte jedoch. Damit wurde der Weg den privatwirtschaftlichen Matatus geebnet, die auch andernorts fahren. Nirgends aber sind sie mit so viel Kreativität hergerichtet wie in Nairobi.

Die Person, die die Graffiti-Kunst an den Bussen in Kenia nach eigenen Angaben erfunden hat, ist Mohamed Kartarchand, mit Künstlernamen auch Moha Grafix genannt. In den 90er Jahren habe er mit Begeisterung die Graffiti aus Europa und Nordamerika gesehen. Daraufhin beschloss er: „Wir machen es auf die Autos.“ Seitdem ist er berühmt in Nairobi. Aktuell steht ein Mini-Van auf seinem Werkstatt-Gelände, das der kenianische Musiker Willy Pozze bei ihm in Auftrag gegeben hat. Damit wolle der Musiker ins Matatu-Geschäft einsteigen. Das Motiv: Willy Pozze selbst. „Der Van trägt nun seine Marke. Weil Willy eine Marke ist“, sagt Kartarchand. Zwei Tage hat er noch Zeit, dann muss das Auto fertig sein, sagt er. Noch müssen eine Soundanlage, Flachbildschirme und eine Innen-Beleuchtung eingebaut werden.

Kartarchand ist aber nicht allein. Mehr als 200 Personen habe er angelernt, erzählt er. Um ihn herum schrauben, lackieren und schleifen mehr als ein Dutzend junger Männer an Fahrzeugen. Er selbst nimmt nur noch „spezielle“ Aufträge an, etwa von Prominenten, die seine persönliche Handschrift bezahlen. Ein kleines Matatu benötigt drei Wochen, ein größerer Kleinbus etwa einen Monat, bis er auf die Straßen kann. Bis zu 20 Busse machen sie in einem Monat betriebsbereit.

Schwarze Wolken aus dem Auspuff – gefährliche Fahrer

Die Matatus haben Rost, Löcher im Unterboden und weitere Mängel, aber dafür auch die besten Bässe und ohrenbetäubende Musik. Auf einer einfachen Fahrt vom Stadtteil Westlands in den Central Business District, dem pulsierenden Zentrum Nairobis, kann der Montagmorgen schnell zur Disko auf vier Rädern werden. Je schriller und lauter der Bus, desto besser.

Zwischen den Matatu-Betreibern besteht ein harter Wettbewerb um die Fahrgäste. Die Geschäftswerber rufen nach Kunden, nennen die Fahrtrichtung und schieben die Passanten fast in die Busse hinein. Kassiert wird während der Fahrt. Danach hängen die meist jungen Männer an der offenen Seitentür, klopfen oder schlagen auf das Blech, um dem Fahrer zu signalisieren, dass er anhalten soll. Steigen Passanten aus oder zu, klopft es wieder: Bitte weiterfahren. Eine Fahrt innerhalb der Stadt oder in einen Außenbezirk kostet meist weniger als umgerechnet einen Euro.

Tatsächlich tragen die Busse deutlich zur Luftverschmutzung bei: Die Motoren starten die Fahrer schon etliche Minuten vor Abfahrt. Wenn die Busse einmal rollen, schlucken sie viel Sprit. In Deutschland würden wohl die wenigsten dieser Gefährte eine Zulassung bekommen. In Kenia müssen sie offiziell bestimmte Standards erfüllen. Aus ihren Auspuffen schießt trotzdem meist eine schwarze Wolke heraus. Wenn die Polizei das bemängelt, fließt nicht selten ein Schmiergeld, heißt es. Auch wenn sie zu schnell fahren: Matatu-Fahrer gelten als halsbrecherische und gefürchtete Raser. Für sie zählt, schnell ans Ziel zu kommen.

Im Nachbarland Uganda setzt der Präsident ganz auf E-Busse, einige in dem Land produzierte sind bereits im Dienst. „Selbst hier in Nairobi gibt es Elektro-Hybrid-Busse, ein paar zumindest“, sagt der Sprayer Kartarchand. Sie würden vermehrt auf den Markt kommen. „Aber die Arbeit an der Karosserie wird sich nicht ändern, selbst wenn die Busse mit Luft fahren“, glaubt Kartarchand. „Es ist eine Kultur, die weitergehen muss.“ Hoffentlich beherzigen die Fahrer einen Spruch, der in Kenia immer wieder auf Schildern zu lesen ist: „Drive safe, someone loves you“.

Der Bus rollt schon, der Kunden-Eintreiber springt noch hinterher.
Der Bus rollt schon, der Kunden-Eintreiber springt noch hinterher. Bild: Martin Franke
Bezahlt wird entweder mit Münzen, Scheinen oder dem digitalen Handy-Geld M-Pesa.
Bezahlt wird entweder mit Münzen, Scheinen oder dem digitalen Handy-Geld M-Pesa. Bild: Martin Franke
Fahrt im Batman-Mobil: Besonders während der Rushhour sind die Busse voll, ebenso wie die Straßen, was zu langen Staus führt.
Fahrt im Batman-Mobil: Besonders während der Rushhour sind die Busse voll, ebenso wie die Straßen, was zu langen Staus führt. Bild: EPA
Hör mal, wer da ruft: Ein junger Mann in Nairobi macht Werbung für die Fahrt mit dem Sammeltaxi auf der Route Nummer 23.
Hör mal, wer da ruft: Ein junger Mann in Nairobi macht Werbung für die Fahrt mit dem Sammeltaxi auf der Route Nummer 23. Bild: Martin Franke
Jürgen Klopp: Wenn Trainer ihre Jobs verlieren, spätestens dann sind die Busse veraltet. Zum Glück für diesen Matatu-Betreiber ist Klopp weiterhin Coach von Liverpool.
Jürgen Klopp: Wenn Trainer ihre Jobs verlieren, spätestens dann sind die Busse veraltet. Zum Glück für diesen Matatu-Betreiber ist Klopp weiterhin Coach von Liverpool. Bild: Martin Franke
Graffiti-Sprayer und Pionier in Nairobi: Moha Grafix (rechts) mit einem seiner Angestellten.
Graffiti-Sprayer und Pionier in Nairobi: Moha Grafix (rechts) mit einem seiner Angestellten. Bild: Martin Franke
In diesem Bus verlegen junge Mitarbeiter die Kabel für das Sound-System. Hinter Fahrer und Beifahrer wird später noch ein Fernseher eingebaut werden.
In diesem Bus verlegen junge Mitarbeiter die Kabel für das Sound-System. Hinter Fahrer und Beifahrer wird später noch ein Fernseher eingebaut werden. Bild: Martin Franke
Hatte Graffiti auf Mauern und Wänden in Europa und Amerika gesehen, startete sein Geschäft danach mit Autos: Mohamed Kartarchand beim Sprayen eines Busses.
Hatte Graffiti auf Mauern und Wänden in Europa und Amerika gesehen, startete sein Geschäft danach mit Autos: Mohamed Kartarchand beim Sprayen eines Busses. Bild: EPA
In zwei Tagen muss der Bus fertig sein: Blick vom Werkstattsgelände in Nairobi. Hier stehen auch ein paar andere Autoschätze herum.
In zwei Tagen muss der Bus fertig sein: Blick vom Werkstattsgelände in Nairobi. Hier stehen auch ein paar andere Autoschätze herum. Bild: Martin Franke
Auch ein häufiges Motiv: Rastakultur, die ihre Wurzeln nicht etwa in Jamaika hat, sondern im nördlichen Nachbarland Äthiopien.
Auch ein häufiges Motiv: Rastakultur, die ihre Wurzeln nicht etwa in Jamaika hat, sondern im nördlichen Nachbarland Äthiopien. Bild: Martin Franke
Dunkle Frontscheibe, kampfartige Sprüche, gruselige Motive: Nicht selten sitzen am Fahrersitz recht junge Burschen.
Dunkle Frontscheibe, kampfartige Sprüche, gruselige Motive: Nicht selten sitzen am Fahrersitz recht junge Burschen. Bild: Martin Franke
Im Fahrerhaus hat der Fahrer einen Bildschirm, der ihm den Busbereich zeigt. Auch für Mitfahrer ist vorne ein Bildschirm angebracht. Hier werden Musik und Videos aufgelegt.
Im Fahrerhaus hat der Fahrer einen Bildschirm, der ihm den Busbereich zeigt. Auch für Mitfahrer ist vorne ein Bildschirm angebracht. Hier werden Musik und Videos aufgelegt. Bild: Martin Franke
Auch Frauen sind in dem von Männern dominierten Matatu-Geschäft. Hier klopft eine Werbetreiberin solange auf das Blech, bis der Bus voll ist.
Auch Frauen sind in dem von Männern dominierten Matatu-Geschäft. Hier klopft eine Werbetreiberin solange auf das Blech, bis der Bus voll ist. Bild: Martin Franke
Nachts sind die Matatus nicht zu übersehen, dann drehen die Betreiber nicht nur die Musik-Pegel auf, sondern schalten auch die Lichter an.
Nachts sind die Matatus nicht zu übersehen, dann drehen die Betreiber nicht nur die Musik-Pegel auf, sondern schalten auch die Lichter an. Bild: EPA
Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Franke, Martin
Martin Franke
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