11. Tage der Fotografie

Eine leidenschaftliche Affäre

Von Christoph Schütte
Aktualisiert am 24.10.2020
 - 20:30
Elsa & Johanna „Slim Days“, 2018zur Bildergalerie
Im Frühjahr hatte man sich viel von ihnen versprochen – dann wurden sie wegen Corona in den Herbst verschoben. Die 11. Darmstädter Tage der Fotografie fragen nach dem Humor in der Fotografie.

Was lange währt, wird am Ende vielleicht wirklich noch beinahe gut. Dann, wenn am nächsten Wochenende in Darmstadt etwa die Wettbewerbsausstellung um den mit 10.000 Euro dotierten Merck-Preis im Designhaus eröffnet wird, das Museum Künstlerkolonie unter dem Titel „Staging Identity“ Arbeiten so prominenter Künstler wie Candice Breitz und Rodney Graham, Jürgen Klauke, Anton Corbijn oder Cindy Sherman zeigen kann und schließlich zahlreiche Präsentationen im Literaturhaus, der Stadtkirche oder dem Programmkino Rex nach langem Warten endlich ihre Türen öffnen. Denn bisher ist der Eindruck, den das Fotofestival beim Kunstbetrachter hinterlässt, noch ein wenig là là. Was, so viel vorab, nichts mit der Kunst zu tun hat.

Dabei hatte man sich im Frühjahr noch tatsächlich viel, sehr viel von den Darmstädter Tagen der Fotografie versprochen, die das Kulturleben der Stadt nun schon zum elften Mal bereichern. Da machte nicht nur eine beeindruckende, das ganze Spektrum zeitgenössischer Fotografie repräsentierende Künstlerliste, sondern vor allem auch das Thema „Skurrile Fluchten – Humor in der Fotografie“ Lust auf das 2005 von vier Fotografen gegründete und mittlerweile mit Unterstützung des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main alle drei Jahre veranstaltete Festival. Bis Corona kam und die Fototage kurzerhand auf diesen Herbst verschoben wurden.

Dass sie jetzt überhaupt stattfinden, mit einem an die Verhältnisse angepassten, aber vollständigen Programm, mit einem runden Dutzend Ausstellungen in freien Räumen und Institutionen wie der Darmstädter Kunsthalle und dem Museum Künstlerkolonie sowie einem prominent besetzten Symposion, das ist vor diesem Hintergrund allemal bemerkenswert. Die Lösungen freilich, die das für die Tage der Fotografie federführende Kunstforum der Technischen Universität gefunden hat, um die Arbeiten einem breiten Publikum zugänglich zu machen, sind es dagegen allenfalls bedingt. Dabei versammelt „Trautes Heim“, so der Titel der schon im September eröffneten Schau im Konsum Mathildenhöhe und im öffentlichen Raum, schlicht großartige Arbeiten etwa von Erwin Wurm und Pixy Liao, Alexey Shlyk, Ren Hang oder Anna und Bernhard Blume.

Wurms Video „Am I a House?“ aus dem Jahr 2005 etwa ist im Konsum ebenso zu sehen wie einige seiner „One-Minute-Sculptures“, Beispiele von AdeYs choreographischen Körperinszenierungen geradeso wie die phantastischen, teils noch während ihres Studiums in Turku entstandenen stilllebenartigen Kompositionen Iiu Susirajas. Doch schon hier ist die Inszenierung eher mäßig überzeugend, erweist sich der Raum für die so unterschiedlichen – und höchst unterschiedlich gewichteten – Positionen als deutlich zu klein, und kommen sich die hochkonzentrierten Aufnahmen Pixy Liaos und die äußerst komischen Arbeiten Wurms schon einmal ins Gehege. Und im öffentlichen Raum, auf dem Friedensplatz, im Schlossgraben oder auf dem Karolinenplatz hat die Kunst sowieso einen schweren Stand.

Sicher, Bilder wie jene Andy Kassiers nehmen sich ohnehin smart und glatt wie Lifestyle-Werbung aus, und bei Shlyks „The Appleased Necklace“ hinter dem Herrngarten geht das Konzept sogar ziemlich überzeugend auf. Arbeiten aber wie die Polaroids von Wurm, Susirajas unfassbare Serie „Good Behaviour“ oder Anna und Bernhard Blumes außer Kontrolle geratener Haushalt in der Folge „Trautes Heim“, die der Ausstellung ihren Titel gab, auf wandfüllende Formate aufzublasen und auf würfelförmigen Baugerüsten zu präsentieren, mag man bei allem Mut zur Improvisation dann doch im Ernst nicht glücklich nennen.

Derlei Probleme stellen sich in den großzügigen Räumen der Darmstädter Kunsthalle, die mit „Zusammenleben“ sowie „Heide Stolz. Affären“ gleich zwei höchst sehenswerte Ausstellungen zeigen kann, naturgemäß nicht. Zwar mag sich der arglose Betrachter durchaus ein wenig ratlos fragen, was etwa Joachim Brohms „Ruhr“, was Ute Mahlers in den frühen siebziger Jahren begonnene Schwarzweiß-Serie „Zusammenleben“ oder John Myers’ mit der Plattenkamera aufgenommene Porträts mit dem Thema der Fototage zu tun haben. Denn komisch mag man die meisten dieser Bilder allenfalls insofern nennen, als der Blick auf die siebziger Jahre die Erinnerung an Moden, Milieus und komische Frisuren und mithin an die eigenen Jugendsünden evoziert.

Szenen wie Filmsets

Die großen, etwa zur gleichen Zeit im Ruhrgebiet, in der DDR und in England entstandenen Zyklen aber fügen sich zu einem hier aufwendig inszenierten, dort nah und unmittelbar am Alltag der Menschen entwickelten und, in den Farbaufnahmen des heute in Leipzig lehrenden Brohm, nicht zuletzt ganz beiläufig den Strukturwandel der Region fokussierenden Blick auf parallele Lebenswelten. Hier wie dort auf kleine Fluchten auch, wie sie Mahler in Berlin und Dresden, in Aue oder Leipzig vornehmlich im Privaten findet, wie es Myers’ großartige, 1973 entstandene Stillleben der „Televisions“-Folge andeuten oder Brohms „Bochum“, „Ruhr“ und das vor allem deprimierend anmutende „Paradis“ zu formulieren scheinen.

Unterdessen ist die zweite, im kleinen Studio West eingerichtete Ausstellung der Kunsthalle die bislang größte und für die Zukunft noch vielversprechende Überraschung der an Überraschungen stets reichen Darmstädter Fototage überhaupt. Denn bisher hat man Heide Stolz’ fotografisches, in den sechziger Jahren entstandenes Werk vor allem im Kontext mit dem Werk Uwe Lausens wahrgenommen, mit dem sie bis zu dessen Suizid verheiratet war. Nun rücken die „Affären“ Stolz’ eigenes Schaffen ins Zentrum der Betrachtung. Dabei hat die Stiftung, die das Werk der 1985 mit gerade einmal Mitte vierzig gestorbenen Künstlerin betreut, mit der Aufarbeitung der nachgelassenen Prints und Negative erst begonnen.

Deutlich wird anhand der rund 60 Arbeiten derweil ein Werk, das von der Dokumentation epochemachender Ausstellungen wie Walter de Marias Münchner „Earthroom“ über seltsam surreal anmutende Porträts bis zu gelegentlichen Selbstbildnissen reicht. Im Zentrum der kleinen Schau aber stehen nachgerade performativ zu nennende, meist mit der Mittelformatkamera festgehaltene und in Kiesgruben, auf Bolzplätzen und Brachflächen realisierte Inszenierungen, für die sie mal Uwe Lausen und die Kinder, mal Freunde und Bekannte engagiert. Szenen wie Filmsets, wie hier dem Italo-Western abgeschaut, dort der Ästhetik des Neorealismo nachempfunden; ein Spiel im Grunde, mit Klischees, mit Medienbildern und Geschlechterrollen.

Als „eine leidenschaftliche Affäre mit dem Leben in Schwarz und Weiß“ hat eine Freundin der Künstlerin das Werk einmal charakterisiert. Eine Beziehung freilich, die trotz früher, etwa durch eine Ausstellung ihrer Collagen in der Galerie Friedrich + Dahlem dokumentierte Anerkennung nicht von Dauer war. Nach dem Tod ihres Mannes gab sie die Fotografie auf und wendete sich der Zeichnung und Objekten zu. Als interessierte sie diese Affäre mit einem in der Kunst seinerzeit noch nicht anerkannten Medium nicht mehr. Was auch den Zustand so mancher über Jahrzehnte wohl in irgendwelchen Schachteln aufbewahrten Abzüge erklärt. Eine Entdeckung also. Unbedingt.

Die Darmstädter Tage der Fotografie finden in der Zeit vom 23. Oktober bis 1. November statt. Einige Ausstellungen aber sind schon jetzt geöffnet und zum Teil auch deutlich länger zu sehen. Weitere Informationen im Internet unter der Adresse www.dtdf.de.

Quelle: F.A.S.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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