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Zurück in die verlorene Zukunft

Von Jakob Strobel y Serra
Aktualisiert am 05.11.2020
 - 08:09
Dekonstruktivismus im Hochgebirge: der Wintersportort Avoriaz in Hoch-Savoyen.zur Bildergalerie
Die Retortenskiorte in den französischen Alpen waren einmal ein utopisches Fortschrittsversprechen. Heute wirken sie auf den Fotografien von Sebastian Schels und Olaf Unverzart wie melancholische Anachronismen.

Es war die vornehmste Aufgabe eines jeden Herrschers über Frankreich, mit mindestens einem „grand projet“, einer baulichen Großtat, unsterblich zu werden. Franz I. ließ sich sein monumentales Jagdschloss Chambord an der Loire errichten, Ludwig XIV. das noch viel größere Schloss Versailles vor den Toren der Hauptstadt. Kaiser Napoleon I. huldigte sich selbst mit dem Arc de Triomphe, während der dritte Napoleon gemeinsam mit Baron Haussmann Paris aus dem Barock in die Moderne katapultierte. Die Präsidenten der Nachkriegsrepubliken, nach ihrem Selbstverständnis absolutistische Herrscher in einem demokratischen Gemeinwesen, wollten den Königen und Kaisern nicht nachstehen. Da sie aber nicht von Gott ausersehen, sondern vom Volk gewählt waren, schenkten sie den Untertanen ihre Gunst und bauten für sie phantasmagorische Retortenferienstädte – republikanische Versailles-Schlösser wie La Grande Motte an der Mittelmeerküste, vor allem aber die „stations de sport d’hiver“ in den französischen Alpen, die zu den eigenartigsten, eigenwilligsten und eigenständigsten Fanalen der Urlaubsarchitektur überhaupt werden sollten.

Dornröschen in ihrem Sarg

Dreißig dieser Stationen haben die Fotografen Sebastian Schels und Olaf Unverzart für ihren elegischen Bildband „Été“ porträtiert. Die meisten von ihnen sind in den „trentes glorieuses“ entstanden, in den drei rauschhaften Jahrzehnten zwischen Kriegsende und Ölkrise, in denen alles möglich schien und alles erlaubt war. Die Arbeiter erstritten sich vier Urlaubswochen pro Jahr, das Skifahren avancierte zum Volkssport, die ungezähmte Natur der Alpen wurde für die Bedürfnisse der Menschen domestiziert, und der Glaube an den Fortschritt war unerschütterlich. Schels und Unverzart erschüttern ihn allerdings mit einem ganz einfachen Trick: Sie haben die Orte nicht im betriebsamen Winter, sondern im Sommerschlaf fotografiert, menschenleer und funktionslos vor sich hin dösend und keinesfalls so wunderschön wie das schlafende Dornröschen in seinem Sarg – es wird ja auch kein Prinz kommen, um die Stationen wachzuküssen, sondern nur schnöder Schnee.

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„Été“ von Sebastian Schels und Olaf Unverzart, mit einem Nachwort von Dietrich Erben. Verlag Kettler, Dortmund 2020. 184 Seiten, 98 Fotografien. Gebunden, 49 Euro. Zu beziehen bei www.ete-book.com.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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