20 Tage in Mariupol

„Wo zum Teufel sind die Journalisten?“

Von Ben Kuhlmann
23.03.2022
, 20:42
Menschen in einem Krankenhaus gehen während russischem Beschuss in Deckung. Mariupol, 4. März.
Die Foto- und Videojournalisten Mstyslav Chernov und Evgeniy Maloletka waren mit die letzten Reporter in der von russischen Truppen eingekesselten Stadt Mariupol. Wir dokumentieren ihren Bericht über die Tage in der Stadt.

Die Russen jagten uns. Sie hatten eine Liste von Namen, auf der wir auch standen und sie kamen schnell näher. Wir waren die einzigen übriggebliebenen internationalen Journalisten in Mariupol und wir dokumentierten die Belagerung durch die Russen in der Stadt seit nunmehr zwei Wochen. Gerade berichteten wir aus einem Krankenhaus, als Bewaffnete in die Flure des Gebäudes kamen. Die Ärzte gaben uns weiße Krankenhauskittel, um sie als Tarnung zu tragen.

Soldaten schrien: „Wo zum Teufel sind die Journalisten?“

Ich sah ihre Armbänder, blau für die Ukraine, und ich versuchte abzuwägen, ob es womöglich getarnte Russen waren. Ich trat vor, um mich zu erkennen zu geben. „Wir sind da, um euch hier 'raus zubringen“, sagten sie. Die Wände der OP-Säle wackelten unter dem Artillerie- und Gewehrfeuer. Es wirkte fast so, als ob es innen sicherer wäre. Aber die ukrainischen Soldaten hatten den Befehl, uns mitzunehmen.

Wir rannten auf die Straße, ließen die Doktoren zurück, die uns Schutz geboten hatten, die angeschossene schwangere Frau und die vielen Menschen, die auf den Fluren des Krankenhauses schlafen mussten, weil sie nirgends mehr hin konnten. Es fühlte sich grausam an, sie alle hinter sich zu lassen.

Ein ukrainischer Soldat hält die Stellung. Mariupol, 12. März.
Ein ukrainischer Soldat hält die Stellung. Mariupol, 12. März. Bild: Mstyslav Chernov/AP

Wir erreichten eine Zufahrt, von der uns gepanzerte Fahrzeuge zu einem dunklen Kellergewölbe brachten. Erst hier erfuhren wir, wieso die ukrainischen Soldaten ihre Leben riskiert hatten, um uns aus dem Krankenhaus zu schaffen.

„Wenn sie euch schnappen, werden sie euch vor die Kamera zwingen, um zu sagen, dass alles, was ihr gefilmt habt, eine Lüge ist“, sagten sie. „All eurer Einsatz, alles was ihr in Mariupol getan habt, wäre umsonst gewesen.“

Der Offizier, der uns vorher gebeten hatte, der Welt seine sterbende Stadt zu zeigen, plädierte dafür, dass wir gehen sollten. Er drängte uns zu den Massen an verbeulten Autos, die alle die Stadt verlassen wollten.

Das war der 15. März. Wir hatten keine Ahnung, ob wir lebend heraus kommen würden.

Medizinische Mitarbeiter betreuen Verwundete im Keller eines Krankenhauses. Mariupol, 1. März.
Medizinische Mitarbeiter betreuen Verwundete im Keller eines Krankenhauses. Mariupol, 1. März. Bild: Evgeniy Maloletka/AP

Als ein Teenager aus Charkiw, unweit der russischen Grenze, lernte ich in der Schule, wie man eine Waffe bedient. Mir erschien das sinnlos, dachte ich doch die Ukraine wäre umgeben von Freunden.

Nach der Schule begann ich die Kriege im Irak, in Afghanistan und in Bergkarabach zu dokumentieren, um der Welt die Verwüstungen aus erster Hand zu zeigen. Als dann die Amerikaner und Europäer ihre Mitarbeiter aus den Kiewer Botschaften abzogen und ich Karten vom russischen Aufmarsch in direkter Nachbarschaft meiner Heimatstadt Charkiw sah, war mein einziger Gedanke: mein armes Land.

Ich wusste, dass die russischen Streitkräfte die östliche Hafenstadt Mariupol aufgrund ihrer Lage am Asowschen Meer als eine Art strategischen Preis sahen. Am Abend des 23. Februar fuhr ich mit meinem langjährigen Kollegen und ukrainischen AP-Fotografen Evgeniy Maloletka in seinem weißen VW-Bus dorthin. Wir fuhren um 3:30 Uhr in der Nacht in Mariupol ein. Eine Stunde später begann der Krieg.

In den nächsten Tagen verließ etwa ein Viertel der 430.000 Einwohner die Stadt, während sie noch konnten. Viele glaubten aber nicht, dass da ein wirklicher Krieg kommen würde. Als viele ihre Fehleinschätzung realisierten, war es zu spät.

Mit jeder einzelnen Bombe schnitten die Russen erst den Strom ab, dann Wasser, Lebensmittellieferungen und zuguterletzt das Handynetz und die Funk- und Fernsehsender. Die wenigen Journalisten in der Stadt verließen diese, bevor die letzten Verbindungen weg waren und die Stadt komplett blockiert war.

Der Mangel an Informationsmöglichkeiten hatte zwei Ziele. Chaos war das erste: Menschen wussten nicht, was los war und es führte zu Panik. Anfangs verstand ich nicht, wieso Mariupol so schnell zerbrach. Jetzt weiß ich, dass es an fehlender Kommunikation lag.

Straflosigkeit war das zweite Ziel. Ohne Informationen aus der Stadt, ohne Bilder von zerstörten Häusern und sterbenden Kindern, konnten die Russen machen, was immer sie wollten. Wären wir nicht gewesen, wäre da gar nichts.

Deshalb gingen wir das hohe Risiko ein, um der Welt zu zeigen, was wir sahen. Und deshalb hatten wir Russland so wütend gemacht, dass sie extra nach uns suchten.

Eine Frau in einem improvisierten Schutzraum hält eine Frau ein Kind auf dem Arm. Mariupol, 7. März.
Eine Frau in einem improvisierten Schutzraum hält eine Frau ein Kind auf dem Arm. Mariupol, 7. März. Bild: Mstyslav Chernov/AP

Der Tod kam schnell. Am 27. Februar beobachteten wir einen Doktor, der versuchte, ein Mädchen zu retten, das von einem Granatsplitter getroffen wurde. Sie starb. Ein zweites Kind starb, dann ein drittes. Die Sanitäter konnten irgendwann keine Verwundeten mehr aufnehmen.

Beschuss traf auch das Krankenhaus und die angrenzenden Gebäude. An unserem Bus entstand einiger Schaden. Manchmal rannten wir inmitten des Beschusses raus, um ein brennendes Haus zu filmen.

Vor einem geplünderten Lebensmittelgeschäft auf der Budivel’nykiv Avenue gab es noch den einen Platz in der Stadt mit einer stabilen Verbindung. Einmal am Tag fuhren wir dorthin und hockten uns neben die Stufen, um von dort unsere Fotos und Videos in die Welt zu laden. Die Stufen boten nicht wirklich Schutz, aber es fühlte sich sicherer an als auf dem freien Platz zu sitzen.

Das letzte Signal verschwand am 3. März. Wir versuchten unsere Bilder aus dem 7. Stock des Krankenhauses zu schicken. Dort sahen wir die letzten Reste dieser einst soliden Mittelklassestadt Mariupol.

Andauernder Beschuss. Mariupol, 11. März.
Andauernder Beschuss. Mariupol, 11. März. Bild: Evgeniy Maloletka/AP

Über mehrere Tage hinweg hatten wir dann nur noch über ein Satellitentelefon Kontakt zur Außenwelt. Und der einzige Ort, an dem es funktionierte, war im Freien, neben einem Bombenkrater. Ich setzte mich auf den Boden und machte mich möglichst klein, während ich versuchte, eine Verbindung zu bekommen.

Bis zu dieser Zeit wurde ich Zeuge von Sterbenden im Krankenhaus, Leichen auf den Straßen und Dutzenden von Körpern, die in Massengräbern beerdigt wurden. Ich hatte so viel Tod gesehen, dass ich es filmte, ohne es überhaupt noch wahrzunehmen.

Am Stadtrand werden Tote in Massengräbern beerdigt. Mariupol, 9. März.
Am Stadtrand werden Tote in Massengräbern beerdigt. Mariupol, 9. März. Bild: Evgeniy Maloletka/AP

Am 9. März gab es einen doppelten Luftschlag, der auch unser Auto streifte. Ich sah den Feuerball nur einen Herzschlag, bevor der Schmerz in meine Ohren, auf meine Haut und mein Gesicht traf. Wir sahen wie Rauch aus einem Entbindungskrankenhaus aufstieg. Als wir ankamen sahen wir, wie Sicherheitsleute immer noch schwangere Frauen aus den Trümmern bargen.

Ein Bild, das um die Welt ging: Eine schwangere Frau wird aus den Trümmern des beschossenen Entbindungskrankenhauses getragen. Mariupol, 9. März.
Ein Bild, das um die Welt ging: Eine schwangere Frau wird aus den Trümmern des beschossenen Entbindungskrankenhauses getragen. Mariupol, 9. März. Bild: Evgeniy Maloletka/AP

Unsere Akkus waren nahezu leer, wir hatten keine Verbindung mehr, um unsere Bilder zu schicken und die Ausgangssperre stand kurz bevor. Ein Polizist hörte uns zu, wie wir überlegten, wie wir die Bilder des Ereignisses verschicken könnten. Er sagte uns: „Das wird den Kurs des Krieges ändern.“ Er nahm uns mit und brachte uns zu Strom und einer Internetverbindung. Wir hatten so viele tote Menschen, tote Kinder, aufgenommen. Wir verstanden nicht, wie diese weiteren Toten den Fortgang ändern sollten.

In der Dunkelheit schickten wir unsere Dateien, aufgeteilt über drei Handys, um es zu beschleunigen. Es dauerte Stunden und es war schon weit nach Ausgangssperre. Der Beschuss dauerte an, aber die Polizisten, die uns durch die Stadt eskortieren sollten, warteten geduldig auf uns.

Später wurde unsere Verbindung zur Außenwelt abermals getrennt.

Wir gingen zurück in den Keller eines Hotels. In unserer Isolation wussten wir nichts über eine wachsende Desinformationskampagne der Russen, die unserer Arbeit schaden sollte.

Die Russische Botschaft in London setzte zwei Tweets ab, die besagten, dass die AP-Fotos fake wären und die schwangere Frau auf einem der Bilder eine Schauspielerin sei. Der Russische Botschafter zeigte die Bilder bei einer Veranstaltung des UN-Sicherheitsrats und wiederholte, der vermeintliche Anschlag auf das Entbindungskrankenhaus sei eine Lüge.

Zu dieser Zeit funktionierte in Mariupol kein Radio- oder Fernsehsignal. Die einzige Übertragung, die du empfangen konntest, waren verdrehte, russische Lügen – Ukrainer würden Mariupol als Geisel halten, auf Wohngebäude schießen und an chemischen Waffen arbeiten. Ihre Propaganda war so stark, dass einige auf uns zukamen und sagten, sie würden es glauben.

Die Nachricht wiederholte sich konstant: Mariupol ist umzingelt, legt eure Waffen nieder.

Am 11. März fragte uns ein AP-Kollege in einem kurzen Telefonat, ob wir die Frauen ausfindig machen könnten, die den Beschuss des Entbindungskrankenhauses überlebt hatten, um deren Existenz zu beweisen. Das war der Punkt an dem ich verstand, dass die Bilder dieses Beschusses so stark waren, dass man mit ihnen eine Stellungnahme der russischen Regierung erzwingen konnte.

Eine Frau mit ihren zwei Kindern weint in einem Krankenhaus, nachdem sie ihren Mann verloren hat. Mariupol, 11. März.
Eine Frau mit ihren zwei Kindern weint in einem Krankenhaus, nachdem sie ihren Mann verloren hat. Mariupol, 11. März. Bild: Mstyslav Chernov/AP

Wir fanden sie in einem Krankenhaus nahe der Front. Einige mit Babys, einige kurz vor der Geburt in ihren Wehen. Wir erfuhren auch, dass eine Frau erst ihr Kind verloren hatte und dann selber starb.

Wir wollten unser entstandenes Material aus dem 7. Stock des Krankenhauses schicken als wir sahen, wie Panzer für Panzer vor dem Krankenhaus auffuhren, alle markiert mit dem „Z“, welches längst ein russisches Symbol für den Krieg war.

Russische Panzer in einem Randbezirk von Mariupol,11. März.
Russische Panzer in einem Randbezirk von Mariupol,11. März. Bild: Evgeniy Maloletka/AP

Wir waren umzingelt. Dutzende Doktoren, hunderte Patienten und wir. Die Soldaten, die das Haus beschützt hatten, waren verschwunden. Und der Weg zu unserem Bus, in dem wir unser Essen, Wasser und Equipment hatten, war durch russische Scharfschützen bedroht, die schon einen Mediziner draußen erschossen hatten.

Stunden vergingen in Dunkelheit und wir hörten den Explosionen draußen zu. Und dann kam der Moment, in dem die Soldaten kamen und auf Ukrainisch riefen.

Es fühlte sich nicht wie eine Rettung an, mehr wie der Wechsel von einer Gefahrenzone zur nächsten. Zu diesem Zeitpunkt war es nirgends in Mariupol sicher und es gab keine Erleichterung. Du konntest jeden Moment sterben.

Wir zwängten uns in einen Hyundai zusammen mit einer dreiköpfigen Familie. Etwa 30.000 Menschen verließen an diesem Tag die Stadt. So viele, dass die russischen Soldaten keine Zeit hatten, genau in jedes Auto zu blicken. Wir passierten 15 russische Checkpoints und an jedem betete die Mutter auf dem Vordersitz so laut, dass wir es hören konnten. Als wir den 16. Checkpoint erreichten, wurde ukrainisch gesprochen. Ich fühlte eine unglaubliche Erleichterung. Die Mutter auf dem Vordersitz brach in Tränen aus.

Das Auto mit dem die zwei Journalisten gemeinsam mit einer Familie die Stadt verlassen konnten. Irgendwo in der Ukraine, 17. März
Das Auto mit dem die zwei Journalisten gemeinsam mit einer Familie die Stadt verlassen konnten. Irgendwo in der Ukraine, 17. März Bild: Mstyslav Chernov/AP

Wir waren die letzten Journalisten in Mariupol, jetzt ist dort keiner mehr. Und am Sonntag meldeten ukrainische Behörden den russischen Beschuss auf eine Kunstschule in Mariupol, in der etwa 400 Menschen Schutz gesucht hatten.

Wir kommen da nun nicht mehr hin.

Fotograf Evgeniy Maloletka hilft dem Notarzt beim Transport einer verletzten Frau. Mariupol, 2.März.
Fotograf Evgeniy Maloletka hilft dem Notarzt beim Transport einer verletzten Frau. Mariupol, 2.März. Bild: Mstyslav Chernov/AP
Associated Press Fotograf Evgeniy Maloletka zeigt auf den Rauch, der nach Beschuss eines Entbindungskrankenhauses aufsteigt. Mariupol, 9. März.
Associated Press Fotograf Evgeniy Maloletka zeigt auf den Rauch, der nach Beschuss eines Entbindungskrankenhauses aufsteigt. Mariupol, 9. März. Bild: Mstyslav Chernov/AP
Menschen suchen Schutz im Keller. Mariupol, 6. März.
Menschen suchen Schutz im Keller. Mariupol, 6. März. Bild: Evgeniy Maloletka/AP
Der AP-Videojournalist Mstyslav Chernov unmittelbar nach dem Beschuss der ukrainischen Luftabwehr in Mariupol.
Der AP-Videojournalist Mstyslav Chernov unmittelbar nach dem Beschuss der ukrainischen Luftabwehr in Mariupol. Bild: Evgeniy Maloletka / AP
In einem beschossenen Wohnhaus brennt es. Mariupol, 11. März.
In einem beschossenen Wohnhaus brennt es. Mariupol, 11. März. Bild: Mstyslav Chernov/AP
Der Blick aus einem Zimmer auf ein getroffenes Wohnhaus in Mariupol, 12. März.
Der Blick aus einem Zimmer auf ein getroffenes Wohnhaus in Mariupol, 12. März. Bild: Mstyslav Chernov/AP
Quelle: AP / Übersetzung F.A.Z.
Autorenporträt / Kuhlmann, Ben
Ben Kuhlmann
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