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Modefotografie in der DDR

Eine Spur von Glamour

Von Stephan Finsterbusch
 - 14:44
Sibylle 1/1964, Cover


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Fashion macht für gewöhnlich keine Geschichte. Doch mit der „Sibylle“ ist das etwas anders. War die ostdeutsche Mode-Zeitschrift doch stets mehr als nur ein Spiegel ihrer Zeit. Sie war der ins Bild gesetzte Entwurf von Farben und Formen, Schnitten, Stilen und vielen bunten Träumen – und die hatten es in einem eher grau anmutenden Alltag in sich.

So lassen Sammler für eine der alten Ausgaben heute einiges springen: etwa für die Januar-Nummer aus Peking im Revolutionsjahr 1989; für die November-Ausgabe aus dem Jahr des Berliner Mauerbaus 1961; oder für die Mai-Ausgabe von 1959, deren Coverbild nicht nur ein Glas Cola zeigt, sondern auch weiß-rote Streifen samt blauem Schriftzug. Ein verstecktes Spiel, die Botschaft aber war klar: Auch in der DDR wehte viel Westwind.

Die „Sybille“ zeigte Models wie in Paris, Schnitte wie von Burda und Fotos wie aus Mailand. Bodenständiger Glamour „Made in East-Germany“. Die Auflage des Magazins lag bei knapp einer Viertel Million, die Ausgaben erschienen sechsmal im Jahr, der Preis eines Heftes lag bei 2,50 Ost-Mark. Heute werden die alten Nummern zu einem Vielfachen gehandelt. Einige Texte erreichten Legendenstatus, viele der Fotos sind eingängige Zeugen längst vergangener Zeiten.

Die erste Garde der ostdeutschen Fotografen hatten sich auf den Seiten der Zeitschrift über dreieinhalb Jahrzehnte nicht nur präsentiert, sondern auch verewigt. Die wunderbare Sibylle Bergemann mit ihren melancholischen Porträts, die Street-Fashion-Aufnahmen von Altmeister Arno Fischer, Ute Mahler und die coole Elisabeth Meinke, Roger Melis, der provokante Günter Rössler und Ulrich Wüst.

In Szene gesetzte und mehr oder weniger penibel ausgeleuchtete Momente. Shootings im Studio und in der freien Natur, vor rauchenden Schornsteinen, auf Abraumhalten und in Industriebetrieben, vor Mauern und in Museen, Parks und Galerien, an der Ostsee, am Plattensee, im Sonnenuntergang. Die kleine Welt der DDR in ihrer ganzen Größe und Engstirnigkeit. Realität mit einem feinen Hauch von Phantasie.

Fast ein halbes Jahrhundert lang war der Osten Deutschlands auf der Suche nach einem eigenen Lebensgefühl – im Westen wurde er fündig. Mode war ein Statement, die „Sibylle“ eine Stilfibel. Sie versprach einen Lebensstil, den das Land aber nicht halten konnte. In der Mitte der fünfziger Jahre von der Kostümbildnerin und Malerin Sibylle Gerstner im Leipziger „Verlag für die Frau“ aus der Taufe gehobenen „Sibylle. Zeitschrift für Mode und Kultur“ zeigte sich die kleine Freiheit eines idealisierten Alltags.

Mit dem Eintritt einer jungen Generation von Absolventen der Design- und Kunsthochschulen Anfang der sechziger Jahre hatte das Heft seine eigene Handschrift und seine eigene Bildsprache gefunden. Ein Changieren zwischen Realismus und Romantik. Das hielt die Redaktion bis zum bitteren Ende durch. Wende und Wiedervereinigung sollte das Magazin nicht lange überleben. Die Konkurrenz aus dem Westen war zu groß, das Neue zu verlockend, die finanzielle Kraft bescheiden. Der Untergang war mit dem Fall der Mauer fast schon programmiert. Willkommen im Westen.

Aus dem Gedächtnis wirklich verschwunden aber ist die Zeitschrift nie. Die Leser waren ihre Fans. Und viele sind es noch immer. Ende der neunziger Jahre gab es für sie einen schönen Bildband, mit einigen der Aufnahmen aus dem längst weggerutschten Alltag. Das machte sie zu kleinen Stilikonen. Nun sind sie wieder zu sehen – in Großformat und neuen Abzügen. Modefotografie als Kunstwerk.

Hatten sich vor Jahren doch schon Mitarbeiter um Ulrich Ptak von der Kunsthalle Rostock auf die Spuren der alten Aufnahmen gemacht. Sie suchten die Fotografen und wollten deren Bilder. Eine Entdeckungsreise in die Tiefen einer schon etwas verschütt gegangenen Vergangenheit. Mit vielen Wendungen, Entdeckungen und Überraschungen, wie Ptak heute sagt. Rostock brachte die Fotos 2016 in seine Kunsthalle.

Die Ausstellung sprengte alle Erwartungen, tourte anschließend durch das halbe Land und kommt nun auch nach Berlin ins Willy-Brandt-Haus. Vom 6. Juni bis zu 25. August sind die besten Fotos der prägenden Fotografen der „Sibylle“ Dienstag bis Sonntag zwischen 12 und 18 Uhr zu sehen.


Eine Ausstellung in Kooperation mit der Kunsthalle Rostock, konzipiert von Dr. Ulrich Ptak, in Berlin ergänzt von Ute Mahler. Katalog: Sibylle. 1956-1995, Herausgeber Ute Mahler und Uwe Neumann (Kunsthalle Rostock), Hartmann Projects Verlag, 336 Seiten, ISBN 978-396070-0074, 39,80 Euro

Ausstellung vom 7. Juni bis 25. August 2019
Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr | Eintritt frei | Ausweis erforderlich

Quelle: FAZ.NET
Stephan Finsterbusch  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
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