„Interventionistische Linke“

Was wollen die Linksradikalen?

Von Sebastian Eder
05.07.2017
, 14:59
Tausende Linksextreme reisen zum G-20-Gipfel nach Hamburg. Eine als gewaltorientiert geltende Gruppe ist die „Interventionistische Linke“. Sie würde gerne Teil der Gesellschaft werden – dabei aber genauso radikal bleiben wie die Autonomen.

Wenn Journalisten Emily Laquer treffen, sind sie oft ein wenig enttäuscht. „Mit ihrer runden Brille sieht sie alles andere als gefährlich aus“, schrieb „Der Spiegel“ Ende Juni über die Studentin. Laquer fand das sehr lustig, in ihrer Selbstbeschreibung auf Twitter steht seitdem: „,Alles andere als gefährlich' (Der Spiegel)“. Es gibt aber gute Gründe dafür, bei Laquer nach Merkmalen zu suchen, die dafür sprechen, dass sie Aktionen, die andere Menschen gefährden, zumindest gut heißt. Die 30-Jährige ist Sprecherin der „Interventionistischen Linken“ bei den G-20-Protesten, neben den Autonomen und dem „Roten Aufbau“ ist das eine der drei als „gewaltbereit“ eingeschätzten linksradikalen Gruppen aus Deutschland, von denen laut Verfassungsschutz rund um den G-20-Gipfel die größte Krawall-Gefahr ausgeht.

Insgesamt werden etwa 8000 Linksextreme in Hamburg erwartet, in der Hansestadt treffen sich am Freitag und Samstag Vertreter der führenden 20 Wirtschaftsnationen der Welt zum G-20-Gipfel. Der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß, nannte die militanten Gipfelgegner „Extremisten, die zum Teil aus taktischen Gründen populäre Themen instrumentalisieren, um auch engagierte Demokraten zu erreichen“. Gesellschaftlich diskutierte Fragen zu instrumentalisieren „gehört zum Werkzeugkasten von Linksextremisten wie der Interventionistischen Linken“.

Emily Laquer ist es gewohnt, mit solchen Aussagen konfrontiert zu werden. „Für meine Familie ist es mittlerweile normal, dass ich in den Nachrichten bin und dabei steht, dass ich vom Verfassungsschutz beobachtet werde.“ Sie selbst bezeichnet sich als „Bummelstudentin“, der Verfassungsschutz sei für sie „keine Referenzgröße“. „Der soll erst mal erklären, was seine Mitarbeiter bei einem rassistischen Mord in Kassel gemacht haben und sonst die Klappe halten“, sagt Laquer in Anspielung auf die NSU-Morde.

Gewaltexzess als Gründungsmythos

Die 30-Jährige kommt ursprünglich aus Nürnberg, sie ist Halb-Amerikanerin und kam zum ersten Mal als Schülerin in Kontakt mit linken Gruppen. Ein paar Jahre lang war sie eher Beobachterin, es waren die Proteste gegen den G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm, die sie zur Radikalen machten. „Ich habe als 20-Jährige in Nürnberg die Mobilisierung mitbekommen, das war ein einschneidendes Erlebnis.“ Vorher kannte sie nur ein paar Aktivisten, „aber plötzlich waren wir als kritische Masse alle zusammen auf der Straße und da hat man gespürt, dass wir gemeinsam etwas verändern können. Wir sind in die Demoverbotszone eingedrungen, wir haben die Zufahrten blockiert, damit hat vorher niemand gerechnet. Die Bilder gingen um die Welt.“

Tatsächlich war ihre „Interventionistische Linke“ Medienberichten zufolge damals Teil eines Schwarzen Blocks, von dem bei einer Großdemonstration in Rostock unter dem Motto „Make capitalism history“ schwere Krawalle ausgingen. Autonome griffen Polizisten mit Steinen und Feuerwerkskörpern an, stundenlange Straßenschlachten folgten. Mehrere hundert Menschen waren am Ende verletzt. Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein (CSU) sagte: „Das sind keine Demonstranten, das sind Verbrecher.“ Laquer sagt: „Ja, ,Make capitalism history' war das Motto unseres Blocks. Viele waren auch dunkel gekleidet, ich hatte 'ne bunte Jacke an. Für die Auseinandersetzungen gab es viele Gründe, geplant haben wir sie jedenfalls nicht.“

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Für sie bleibt Heiligendamm eine romantische Erinnerung, sie sieht sich als „Teil der Generation Heiligendamm“. Dass sie seitdem in jedem Interview über ihre Haltung zu Gewalt gefragt wird, findet sie „pervers“. „Trump schmeißt die Mutter aller Bomben ab, und wenn jemand einen Mülleimer anzünden würde, ist das der Skandal.“ Ob sie so auch die Gewalt gegen Polizisten rechtfertigt? „Die Polizei ist nicht unser Gegner“, sagt Laquer. Man würde auch in Hamburg versuchen, „sie zu umfließen“. „Die Polizei entscheidet, ob es eskaliert.“

Heiligendamm war „Geburtsstunde und Gründungsmoment“

Insgesamt ist es ein schwieriger Spagat, den die „Interventionistische Linke“ versucht. „Wir wollen eine gesellschaftlich relevante Kraft werden“, sagt Laquer. Aber: „Wir sind beleidigt, wenn man uns für weniger radikal hält als die Autonomen.“ Als „Geburtsstunde und Gründungsmoment“ der Gruppe sieht sie zwar Heiligendamm, der Ursprung der Organisation liege aber in den Neunziger Jahren. „Ein Kreis von Aktivisten hat sich damals von den Autonomen verabschiedet und sich dafür eingesetzt, dass wir aus den Szeneviertel raus müssen, rein in die Gesellschaft“, sagt Laquer. „Wir wollten nicht mehr unter uns bleiben, sondern ein Teil der Gesellschaft werden.“ Bei der Interventionistischen Linken gebe es Anwälte, Lehrer, Ärzte, Arbeitslose, Rentner, Bestatter und Hebammen.

Der Verfassungsschutz beschreibt das so: Die „Interventionistische Linke“ versuche als eine Art Scharnier, über gezielte Arbeit mit Nicht-Extremisten Anschluss über linksextreme Strukturen hinaus zu finden. Laquer sagt: „Man kennt uns von den Großprotesten, aber wir machen auch viele lokale Projekte, feministische Arbeit, anti-rassistische Arbeit, engagieren uns gegen die Ökonomisierung von Krankenhäusern und hohe Mieten.“ Überregionale Großereignisse und lokales Engagement seien kein Widerspruch. 800 Aktivisten sollen zu der radikalen Gruppe deutschlandweit gehören.

„Die Autonomen haben uns ihr Wort gegeben“

In Hamburg wollen Laquer und ihre Mitstreiter am Samstag an der Großdemo teilnehmen, die Linken-Politiker Jan van Aken angemeldet hat. „Wir arbeiten mit den Autonomen genauso zusammen wie mit der Linkspartei und kurdischen Gruppen. Die Autonomen haben uns ihr Wort gegeben, dass sie sich am Samstag an die Absprachen halten und nicht die Eskalation suchen.“ Der wichtigste Tag für die „Interventionistische Linke“ ist aber der erste Gipfeltag: „Wir werden am Freitag in die Demoverbotszone vordringen und dort demonstrieren, wo man nicht demonstrieren darf.“ Dafür werde man sich „passiv bewaffnen“: „So nennt es die Polizei, wenn man sich Folie vor das Gesicht macht, um sich vorm Pfefferspray zu schützen. Aber wir greifen nicht an.“

Die Frage bleibt: Wofür das alles? „Der Kapitalismus zerstört die Lebensgrundlagen und die Beziehungen zwischen den Menschen. Wir wollen ihn abschaffen“, sagt Laquer. Was ihre Alternative ist? „Wir fordern radikalen Klimaschutz, Ausstieg aus der Kohle, keine Mauern und Grenzen, keine Mittelmeertoten.“ Es gibt also ein paar Forderungen, die viele unterschreiben würden, aber keine gemeinsame Utopie? „Es ist nicht wichtig, welchen Namen unsere Utopie hat“, sagt Laquer. „In unserer Ablehnung des Bestehenden sind wir uns einig.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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