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Deutschland, Recyclingland?

Von JESSICA SADELER

17.09.2018 · Die Deutschen produzieren so viel Müll wie kein anderes europäisches Land. Dafür recyceln wir angeblich besonders gut. Stimmt das wirklich? Und wie funktioniert das System überhaupt?

M arco Savocas Leben ist unser Müll. Wenn Familie Meier in Frankfurt Bonames einen Joghurtbecher in die gelbe Tonne wirft, landet dieser früher oder später in Savocas Müllwagen. Dort mischt er sich mit den Plastikabfällen von Familie Müller von nebenan und mit jeder Menge anderem Müll, der da eigentlich gar nicht reingehört. Etwa 1000 gelbe Tonnen entleeren Savoca und sein Team von der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) täglich, zeitgleich fahren acht weitere FES-Lkw durch die Stadt – sie alle sammeln nur eines: Den Müll aus der gelben Tonne.

Recycling eines Joghurtbechers



Während Savoca den Müllwagen durch die engen Straßen einer Wohnanlage manövriert, sagt er, dass die Menge an Abfall zugenommen habe in den vergangenen sechs Jahren, seit er den Job macht. Müllwerker ist die korrekte Bezeichnung seiner Tätigkeit und Savoca macht sie gerne. Sein Eindruck gibt ihm recht: Seit Mitte der neunziger Jahre wächst die Müllmenge stetig.

Der Weg der gelben Tonne

Begleiten Sie unsere Redakteurin Jessica Sadeler auf Ihrer Fahrt mit der Müllabfuhr

Video: F.A.Z.

Zwischen 1993 und 2016 wuchs das Volumen des Plasikmüllhandels um achthundert Prozent. Auf der Welt wird heute zweihundert Mal so viel Plastik hergestellt wie in den Fünfzigerjahren. Damals waren es jährlich 1,5 Millionen Tonnen, heute sind es 322 Millionen. Das Gros davon, 85 Prozent, produzieren die reichsten Staaten in Europa, Asien und Amerika – mit wachsendem Wohlstand steigt auch der Rohstoffverbrauch. Ein Ende der Fahnenstange ist indes nicht in Sicht: In den nächsten 20 Jahren soll sich die Menge nochmal verdoppeln. Während manch einer noch von der verpackungsfreien Welt träumt, sieht die Realität anders aus. Trotz aller innovativen Bemühungen, das Kunststoffaufkommen zu reduzieren, wird das Plastik vorerst nicht aus unserem Leben verschwinden.

Das mag demoralisierend klingen, ist aber durch die Klimaschutzbrille betrachtet sinnvoll: Eine Studie der Wiener Umweltberatungsfirma Denkstatt kam 2010 zu dem Ergebnis, dass der Ersatz sämtlicher Kunststoffverpackungen durch alternative Materialien in Europa zu einem mehr als verdoppelten jährlichen Energieverbrauch und zu einer fast dreimal so hohen Emission von Treibhausgasen führen würde. Plastik hat also durchaus seine Daseinsberechtigung, allerdings mit einer entscheidenden Kehrseite. Plastikmüll braucht Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis er sich in der Natur zersetzt hat. Was mit Mikro- und Nanoplastik geschieht, ist noch nicht absehbar. Um weitere kilometerlange Plastikstrudel in den Ozeanen und turmhohe Deponien an Land zu vermeiden, gibt es für viele nur eine Lösung. Kunststoff muss als wertvolle, wiederverwertbare Ressource angesehen werden, die Kreislaufwirtschaft gefördert und in klügeres Recycling investiert werden. Doch von den schätzungsweise 8,3 Milliarden Tonnen Plastik, das bis 2017 weltweit in Umlauf gekommen ist, wurden nur etwa 9 Prozent verwertet. Die große Masse landete auf Mülldeponien oder in der Umwelt. Denn Abfall sauber zu trennen und sortenreine Recycling-Materialien zu produzieren ist teuer – und verlangt gewaltige Investitionen, die sich viele Länder nicht leisten können.

Da trifft es sich gut, dass Deutschland Recyclingmeister ist. Zwar produzieren die Deutschen mit 220 Kilo pro Kopf und Jahr so viel Verpackungsabfall wie kein anderes europäisches Land. Doch beim Recycling steht die Bundesrepublik unangefochten an der Spitze: Mit einer Recyclingquote von 66 Prozent liegt Deutschland noch vor Österreich (58 Prozent) sowie Belgien und Slowenien (54 Prozent). Die rühmliche Bilanz der Deutschen ist bei genauerem Hinsehen aber Augenwischerei: Deutschland verdankt seine Medaille einer kreativen Auslegung des Begriffs Recycling. So zieht man hierzulande zur Berechnung der Recyclingquote die Müllmenge heran, die bei Recycling- oder Kompostieranlagen angeliefert wird, nicht aber den Teil, der tatsächlich wiederverwertet wird. Da die Fehlwurfquote aber laut dem Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) zwischen 40 und 60 Prozent liegt und viele Kunststoffe auch gar nicht recycelt werden können, wird ein beträchtlicher Teil des Mülls aussortiert und verlässt die Sortieranlagen nicht als „Sekundärrohstoff“. So dürfte die deutsche Recyclingquote um 15 bis 25 Prozent niedriger sein, als angepriesen.

Foto: FAZ.NET

Das könnte für Deutschland bald zum Problem werden. Gemäß einem Beschluss des Europäischen Parlaments vom April dieses Jahres wird die Recyclingquote künftig einheitlich definiert. Und nicht nur das: Bis 2022 steigt in Deutschland die gesetzliche Recyclingquote für Kunststoffabfall aus der Hausmüllsammlung auf 63 Prozent an. In Deutschland wird derzeit weniger als 30 Prozent des Kunststoffabfalls „stofflich“ verwertet, also zur Herstellung neuer Produkte verwendet. Der Rest wandert in die „thermische“ Verwertung – die Müllverbrennungsanlage – oder wird exportiert. Dass China zum Anfang des Jahres ein Importverbot für industriellen und gewerblichen Plastikmüll in Kraft gesetzt hat und damit jährlich 560.000 Tonnen deutsches Altplastik eine neue Heimat suchen, macht die Sache nicht einfacher.

Die niedrige Recyclingquote von Kunststoff erklärt sich vor allem durch die Schwierigkeiten bei der Sortierung des Mülls und der Rückgewinnung der Rohstoffe. Oft entscheiden Kleinigkeiten: Sind Kunststoffen etwa Farbstoffe, Weichmacher oder Stabilisatoren beigemengt, vermindert das ihre Einsatzmöglichkeiten in neuen Produkten erheblich. Auch die Größe des Etiketts kann der Verwertung im Weg stehen – je größer es ist, desto schlechter kann das Plastikmaterial von der Infraroterkennung in der Sortieranlage erkannt werden. Verbundmaterialien und schwarzes Plastik lassen sich besonders schwer sortieren, ebenso miteinander verklebte Folien oder durchsichtige PET-Schälchen.

U m die Recyclingquote in Deutschland zu erhöhen, hat die Bundesregierung ein neues Verpackungsgesetzt beschlossen, das am 1. Januar 2019 in Kraft tritt und die bisherige Verpackungsverordnung ablöst. Es schreibt den dualen Systemen wie „Der Grüne Punkt“, vor, ihre Preise künftig an die Wiederverwertbarkeit von Verpackungen zu koppeln. In Deutschland organisieren neun duale Systeme die Erfassung und Sortierung von Verpackungsmüll. Dafür erhalten sie von Handelsunternehmen und Industrie Entsorgungsgebühren, um daraus die von ihnen beauftragten Entsorger und Recyclingunternehmen zu bezahlen. Verpackungen, die Recyclingmaterial enthalten oder die gut zu recyceln sind, sollen ab 2019 weniger kosten. Wie groß die Preisunterschiede für die Hersteller werden, ist nicht vorgeschrieben – eine Spreizung der Lizenzgebühren ist aber Pflicht. Eine Orientierungshilfe liefert die neugegründete Kontrollbehörde Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR). Gemeinsam mit dem Umweltbundesamt hat sie einen Kriterienkatalog entwickelt, der Mindeststandards festlegt und eine Art Punktesystem für ein recyclinggerechtes Verpackungsdesign definiert. Daran müssen sich die Preislisten für die Entsorgung von Verpackungsmüll über gelbe Tonnen und Säcke künftig orientieren.

Die neue Regelung soll Anreize für die Hersteller schaffen, auf recyclingfreundliche Verpackungen zu setzen. Ökologisches Verpackungsdesign soll zum Marketingthema werden. In der Praxis klingt dieses Lenkungsinstrument in Richtung Ökodesign gut, doch Kritiker bemängeln, dass sich die im Wettbewerb miteinander stehenden Unternehmen kaum leisten können, schlecht recycelbare Produkte zu verteuern, ohne Kunden an die Konkurrenz zu verlieren. Zudem seien die Gebühren weiterhin viel zu niedrig, um das eigentliche Ziel des Plastikverzichts zu erreichen. Das neue Gesetzt konzentriere sich viel zu sehr darauf, Müll zu recyceln, anstatt ihn zu vermeiden, heißt es etwa von der Deutschen Umwelthilfe. Auch die kommunalen Müllabfuhren zeigen sich kritisch: Strengere, rechtlich verpflichtende Vorgaben für das Produktdesign und für die Verwendung von Recyclingmaterial seien nötig. Und der Umweltverbund BUND bezweifelt, dass angesichts geringer Kapazitäten bei den Landesbehörden Kontrollen schwer umzusetzen seien.

T eil des neuen Verpackungsgesetzes ist das Verpackungsregister „Lucid“, das für Wettbewerbsgleichheit sorgen soll. Bis zum 1. Januar 2019 müssen Industrie- und Handelsunternehmen sowie Importeure, die in Deutschland verpackte Ware für private Endverbraucher erstmalig in Verkehr bringen, dort registriert sein. Das Register ist schon online und öffentlich – wer sich nicht oder unvollständig registriert, riskiert Vertriebsverbote und Bußgelder. Durch die Transparenz und die „Selbstüberwachung“ zwischen konkurrierenden Unternehmen erhofft sich der Staat, das von mehreren Systemkrisen in Verruf geratene duale System zu retten. Denn von 700.000 Unternehmen, die eigentlich Lizenzgebühren zahlen müssten, taten das in der Vergangenheit nur etwa 60.000. Durch Trittbrettfahrer entstand laut der der Zentralen Stelle Verpackungsregister eine Finanzierungslücke von 200 Millionen Euro, die von den gesetzestreuen Unternehmen mitbezahlt wurde. Rufe nach einer Rekommunalisierung der Verpackungsentsorgung wurden laut, das neue Gesetz gibt der Privatwirtschaft nochmal eine Chance.

Tatsächlich tut sich auf dem Markt der dualen Systeme einiges. Nach der Pleite von ELS rechnen Kenner der Branche mit einer Konsolidierung auf deutlich weniger Anbieter. Gleichzeitig bekunden branchenfremde Unternehmen wie die Schwarz-Gruppe, zu der die Discounter Lidl und Kaufland gehören, ihr Interesse an eigenen Kreislaufsystemen. Das zeigt laut dem BSVE, dass Industrie und Handel erkannt haben, dass es sich bei der Entsorgung nicht in erster Linie um Abfälle handle, sondern um Rohstoffgewinnung – die Konzerne entdeckten den strategischen Wert der Branche.

Doch bis aus Abfall wiedergewonnene Kunststoffe – auch Recyclate genannt – zu 100 Prozent in der Konsumgüterindustrie angekommen sind, ist es noch ein weiter Weg. Auch, weil die Produktion von Verpackung aus recyceltem Material noch teurer ist, als einfach neuen Kunststoff herzustellen. Initiativen gibt es, zum Beispiel vom Dualen System Deutschland, an der sich unter anderem Rewe, Aldi und Tchibo beteiligen. Sie setzen Recyclate etwa in der Verpackung von Reinigungsmittel ein. „Es ist nicht damit getan, dass die Politik einfach nur die Quoten hochsetzt. Sie muss auch die Bedingungen dafür schaffen, dass die gesammelten Mengen einen Absatzmarkt finden“, forderte unlängst der Präsident des Bundesverbands der Kreislauf- und Ressourcenwirtschaft, Peter Kurth. Die Politik müsse mit steuerlichen Anreizen, Erleichterungen und Mindestvorgaben den Einsatz von Sekundärrohstoffen fördern. Gleichzeitig mangelt es, wie der Grüne Punkt feststellt, an der Akzeptanz der Industrie, die auf eine gleichbleibende Qualität ihrer Verpackungen setzten. Mangelhaftes Rohmaterial, also unsauber getrennter Hausmüll, erschwert laut dem BVSE oftmals genau das.

Und da wären wir wieder bei Müllwerker Marco Savoca und seinem Frankfurter Plastikabfall. Was würde ihm seine Arbeit erleichtern? Wenn die Menschen besser trennen und weniger Müll produzieren würden, sagt er da – also genau das, was eigentlich alle wollen.

Generation Plastik
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Kunststoff ist aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken – doch der Planet erstickt darin. Müssen wir darauf verzichten? Wir suchen einen Monat nach Antworten.

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17.09.2018
Quelle: FAZ.NET

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