Erster Fall in Deutschland

Was weiß man über die Affenpocken?

Von Kim Björn Becker
20.05.2022
, 16:41
Mitarbeiterin im Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München.
Noch haben Fachleute keine Erklärung dafür, warum seit Anfang Mai vermehrt Fälle von Affenpocken in Europa auftreten. Die Erkrankung verläuft nach derzeitigem Wissensstand meist mild.
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In Deutschland ist der erste Fall von Affenpocken bestätigt worden. Das Virus sei bei einem Patienten nachgewiesen worden, teilte das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr am Freitag in München mit. Er wies demnach die für die Erkrankung typischen Hautveränderungen auf.

Nach Angaben des behandelnden Krankenhauses geht es dem jungen Mann relativ gut. Er habe sich „sehr verantwortungsbewusst direkt nach Symptombeginn in medizinische Betreuung begeben, um andere vor einer Infektion zu schützen“, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie des Klinikums Schwabing in München. Der Mann habe leichte Probleme beim Schlucken sowie erhöhte Temperatur und brauche derzeit keine speziellen Medikamente. Er werde noch weiter in dem Krankenhaus isoliert bleiben, da die Ärzte davon ausgehen, dass er drei bis vier Wochen lang ansteckend sein kann. Es handelt sich demnach um einen 26-Jährigen aus Brasilien. Nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums war er von Portugal über Spanien nach Deutschland gereist und ist seit etwa einer Woche in München. Zuvor habe er sich in Düsseldorf und Frankfurt aufgehalten.

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Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte am Donnerstag zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen, nachdem mehrere Fälle von Affenpocken in anderen europäischen Ländern registriert worden waren. Affenpocken traten bislang vor allem in einigen Regionen Afrikas auf. Das Virus verbreitet sich üblicherweise bei Nagetieren und überträgt sich von dort auf den Menschen. Infektionen von Mensch seien am ehesten bei engem Körperkontakt oder durch sogenannte Schmierinfektionen möglich, heißt es. Männer, die Sex mit Männern haben, sollten bei ungewöhnlichen Hautveränderungen „unverzüglich eine medizinische Versorgung aufsuchen“, so das RKI.

Nach Angaben des Instituts beträgt die Inkubationszeit nach einer Ansteckung zwischen sieben und 21 Tagen. Das Virus kann Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten auslösen. Später kann es zu Veränderungen der Haut kommen. Sogenannte Hautblüten verkrusten mit der Zeit und fallen dann ab. Sie beginnen häufig im Gesicht und breiten sich auf andere Körperregionen aus. Bei den zuletzt gemeldeten Fällen begannen die Hautveränderungen teilweise im Urogenitalbereich. Im Gegensatz zu den ausgerotteten Menschenpocken verlaufen Affenpocken meist milder. Laut RKI erholen sich die meisten Infizierten innerhalb mehrerer Wochen wieder. Die Prognose sei daher „als günstig zu bewerten“. Allerdings sind auch schwerere Krankheitsverläufe möglich.

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Fachleute haben derzeit noch keine Erklärung für die Häufung der Fälle. „Wir hatten in Europa bisher noch keine größeren Ausbrüche von Affenpocken, daher ist die aktuelle Entwicklung ungewöhnlich“, sagt die Epidemiologin Charlotte Hammer von der Universität Cambridge. „Zuvor waren Affenpockenfälle in Europa in der Regel sehr sporadisch und mit Reiserückkehrern aus zum Beispiel Nigeria assoziiert.“ Das Virus werde nach derzeitigem Stand über engen körperlichen Kontakt übertragen. „Aber auch Schmierinfektionen auf Oberflächen sind möglich.“ Seit Anfang Mai wurden in mehreren europäischen und nordamerikanischen Ländern Dutzende Verdachtsfälle und bestätigte Infektionen mit Affenpocken gemeldet.

Der Infizierte wird derzeit im Klinikum Schwabing in München isoliert (Archivbild)
Der Infizierte wird derzeit im Klinikum Schwabing in München isoliert (Archivbild) Bild: dpa

Es fehlt an epidemiologischen Daten zum Virus

„Wir brauchen dringend gute epidemiologische Daten, um zu verstehen, ob und wie die Fälle zusammenhängen“, sagt Fabian Leendertz. Er ist Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für „One Health“ in Greifswald und Leiter einer Projektgruppe für die Epidemiologie hochansteckender und krankmachender Mikroorganismen am RKI in Berlin. „Nach meinen momentanen Einschätzungen ist dies ein akutes Ereignis und ich denke nicht, dass dies nur auf die erhöhte Aufmerksamkeit zurückzuführen ist.“ Wichtig sei es, die Affenpockenviren genetisch zu untersuchen, um zu erfahren, ob es Hinweise auf eine Veränderung des Erregers gebe, die zum Beispiel auf eine bessere Übertragbarkeit schließen lasse. Behandlungsmöglichkeiten einer Erkrankung seien vorhanden, so Leendertz. „Es gibt wirksame Medikamente und auch die Impfstoffe wirken.“

Auch die Erfahrungen mit dem Erreger in Afrika lassen darauf schließen, dass eine Erkrankung selten schwer verläuft. „Bei Infektionen in Westafrika werden in der Regel mildere Verlaufsformen beobachtet, welche durch das Auftreten von Fieber und meist nur einzelnen Pockenläsionen auf Haut oder Schleimhaut gekennzeichnet sind“, sagt Gerd Sutter, Professor für Virologie am Institut für Infektionsmedizin und Zoonosen an Ludwig-Maximilians-Universität München. „Bei den aktuell in Europa beobachteten Fällen von Affenpocken handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ursprünglich aus Nigeria eingeschleppte Infektionen, die jetzt vermutlich in begrenzten Infektionsketten weiter von Mensch zu Mensch übertragen werden.“

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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