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Altes Kinderlied

Maikäfer, flieg!

Von Lotta Wieden
 - 08:23

Maikäfer, flieg.
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.
Maikäfer, flieg.

Seltsames Lied. Nichts passt zusammen: Hier die liebliche Wiegenlied-Melodie, da das nüchtern erzählte Grauen: Vater im Krieg. Mutter - wer weiß, wo. Alles weg und zerstört. Nur das Kind ist da - und singt. Um sich selbst zu trösten? Wie lange schon? Laut Umfragen des Allensbach-Instituts, zuletzt von 1999, kennen zwei von drei Deutschen das Maikäfer-Lied. Dabei ist der letzte Krieg auf deutschem Boden schon siebzig Jahre her, gerade gedenken wir der Jahrestage. Auch Maikäferschwärme sind selten geworden. So viele Kinderlieder geraten mit der Zeit in Vergessenheit. Dieses nicht. Warum?

Wer heute in Dresden, Hamburg oder Berlin auf die Straße geht, abseits der Touristenströme, und Passanten fragt: „Kennen Sie das Maikäfer-Lied?“, bekommt nicht immer eine Antwort. Umfragen nerven. Aber erstaunlich viele Leute bleiben doch kurz stehen, überlegen. Von den über 50-Jährigen sagt sogar jeder Zweite spontan ja. Einige singen auch gleich auf offener Straße. Auch bei den Jüngeren - viel Kopfnicken, obwohl man hier öfter helfen, die erste Zeile ansingen muss, damit es klick macht. Manche Passanten wirken regelrecht überrascht, dass sie das Lied weitersingen können. Aber sie können es.

Text und Melodie passen nicht zusammen

Ein paar wenige erinnern sich auch noch, wer es ihnen beibrachte: die Oma, die es in der Küche sang. Das Kindermädchen. Richard, der Nachbarsjunge. Papa, beim Spaziergang durch das zerstörte Wuppertal. Oder einfach nur die Kinder auf der Straße, mit denen man einen Frühlingsabend lang Maikäfer in Schuhkartons sammelte. Nur beim Alter des Liedes - allgemeine Ratlosigkeit. Die meisten Passanten schätzen es auf etwa hundert Jahre, entstanden während des Ersten Weltkriegs - oder im Zweiten? Nur ein, zwei Leute holen weiter aus: „Aus’m Dreißichjährig’n Kriech, nich?“ fragt ein etwa vierzigjähriger Mann auf dem Berliner Winterfeldtmarkt.

Als ich die renommierte Erinnerungsforscherin Aleida Assmann anrufe, frage, ob sie Lust habe, über das Maikäfer-Lied nachzudenken, sagt sie sofort zu. Das Lied interessiere sie, sagt sie, es enthalte ein Rätsel. Auch der Lyrikforscher Heinz Schlaffer aus Stuttgart ist interessiert. Er meldet sich auf meine E-Mail hin. Der Singsang, erklärt er, wende sich an einen Maikäfer. Ihm, dem Käfer, erzählt ein anonymes lyrisches Ich von der Abwesenheit beider Eltern. Es wird nicht klar, was genau mit den Eltern passiert ist. Ob sie zurückkehren, scheint mehr als fraglich. „Die Rolle der Sängerin oder des Sängers stellt man sich wohl am besten als die eines älteren Kindes vor, das ein jüngeres zu trösten sucht, nachdem beide Eltern verschollen sind. Beeindruckend die Trostlosigkeit im Trost - der hier völlig hoffnungslose Mai.“

„Das Lied besitzt eine tiefe Paradoxie“, erklärt Assmann noch am Telefon: Die Melodie (die gleiche übrigens wie die bei „Schlaf, Kindlein, schlaf“) sei eine typische Wiegenlied-Melodie, sie soll beruhigen. Wie aber geht das zusammen mit dem Text des Maikäfer-Liedes - einer Erzählung über den Zustand der totalen Einsamkeit, einer Waisenkind-Geschichte? „Gar nicht!“, sagt Assmann. Der Widerspruch zwischen dem bedrohlichen Text und der lieblichen Melodie verursache beim Hörer eine tiefe Unruhe. Instinktiv spüre man: „Hier passt was nicht zusammen.“

Früheste Nennung stammt aus dem Jahr 1800

Ein Potsdamer Psychologe, dem ich von meinen Recherchen erzähle, fügt hinzu: Es handle sich hier um eine Dissonanz von fast schizophrenem Ausmaß. Ist das der Grund, warum bis heute so viele Leute, manchmal zu ihrer eigenen Überraschung, das Lied kennen? Weil da was nicht zusammenpasst? Ich beginne darüber nachzudenken, was genau mich an diesem Lied so fasziniert. Mehr Fakten wären schön. Aber nicht mal über das Alter des Liedes herrscht Klarheit.

Ein Blick in Wikipedia immerhin bringt die Behauptung, dass die früheste schriftliche Niederlegung des Liedes aus dem Jahr 1800 stamme, festgehalten in der ersten deutschen Sagensammlung wissenschaftlichen Anspruchs, den sogenannten „Volcks-Sagen“, zusammengetragen und nacherzählt von einem gewissen Otmar. Drei Exemplare seines Buches existieren noch.

Eins steht in der Staatsbibliothek zu Berlin, Standort Westhafen, aufbewahrt in einem Tresor für besonders Wertvolles. Hier findet sich der Vers auf Seite 46, in altdeutscher Schrift, ohne Notenangaben, bezeichnet als „rätselhaftes Volkslied“, mit folgender Anmerkung versehen: „Maykäfer-Liedchen, das man in Niedersachsen u.s.w. im May und Julius von den den Maykäfern Schaarenweise nachlaufenden Kindern aus den untern Volksklassen, alle Abende tausendmal wiederholt hören kann.“

Stammt das Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg?

Ich schicke eine zweite Mail an den Lyrik-Spezialisten Heinz Schlaffer - ob er vielleicht Genaueres zum Alter des Liedes sagen könnte? Schlaffer kann und spendiert mir ein Lyrikseminar am Telefon, in dem es um Hebungen und Senkungen und dergleichen geht. Schlaffers Fazit: „Die Maikäfer-Versleinform ist auf dem Niveau der deutschen Dichtungssprache etwa bis 1600. Das heißt, wahrscheinlich ist das Lied 350 Jahre alt, wenn nicht noch älter.“

Ein so entschiedenes Urteil hatte ich nicht erwartet. Schon meine ersten Recherchen auf der Homepage des „Deutschen Volksliederarchivs“ in Freiburg hatten nur zu deutlich gezeigt, dass Volks- und vor allem Kinderlieder ein ungeheuer flüchtiges Medium sind. Weil Lieder sich, wie die Sprache selbst, permanent verändern: Mal dichtet jemand eine Strophe hinzu, mal wird eine Zeile ausgetauscht, dann wieder wird die Melodie abgewandelt. Oder es wird ein völlig neuer Inhalt zu einer bereits bekannten Melodie erfunden. Woher ein Lied stammt, wann genau es entstanden ist, lässt sich später kaum noch sagen. Und nun Schlaffer: 350 Jahre, wenn nicht noch älter!

Sollte das Maikäfer-Lied tatsächlich aus dem Dreißigjährigen Krieg stammen, wie einige Passanten vermutet haben? Könnte es sein, dass dieses Lied seit, sagen wir Kriegsende, also 1648 von Generation zu Generation weitergegeben wird? Ich versuche es mit der einzigen konkreten Namensnennung, die das Maikäfer-Lied kennt - mit der geographischen Bezeichnung: „Pommerland“. Und mit der damit verbundenen - zugegeben etwas naiven - Frage: Gibt es einen real-historischen Hintergrund zu diesem Liedtext? Ein geschichtliches Ereignis - in Pommern?

Jedes Kind in Pommern kannte dieses Lied

„Na, selbstverständlich!“, donnert Bazon Brock ins Telefon hinein. Wann und wo denn das Interview stattfinden solle? Der prominente Kunsttheoretiker, 1936 in Stolp, Pommern, geboren, schlägt sein Büro in Berlin-Kreuzberg für ein Treffen vor, wo er bei einer Kanne Tee und weit geöffnetem Fenster ohne Umschweife zur Sache kommt: „Die Zeit der schwedischen Besetzung im Dreißigjährigen Krieg ist in Pommern ja allgegenwärtig gewesen.“

Zwanzig Minuten lang haut mir Brock die historischen Eckdaten des Krieges um die Ohren, bevor er endlich zu seiner These kommt, nämlich, dass das Maikäfer-Lied ein Stück deutscher Kulturgeschichte ist, das „allumfänglich die historische Erfahrung der Menschen in Deutschland“ in sich trage. Pause. Ein paar Sekunden lang herrscht Schweigen.

In die Stille hinein zwitschern ein paar Amseln. Brock reibt sich das Kinn. Die eigentliche Überzeugung aber, dass das Maikäfer-Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg stamme und von ganz realen Ereignissen in der pommerschen Geschichte handle, sagt er schließlich, habe sich ihm jedoch schon viel früher vermittelt, als Kind in Pommern in den Liedern und Erzählungen der Erwachsenen: „Also, das Erste, was man innerlich gehört hat, war nicht irgendein Märchen, sondern es war dieses Lied: ,Maikäfer, flieg‘. Jedes Kind, das in Pommern aufgewachsen ist, hat das von der Wiege an mitgekriegt. Und deswegen war dieses Lied eben wirklich so was wie die kulturelle Hymne der Pommern.“

In Liedflugschriften wird das Maikäfer-Lied nicht genannt

„Kann ja sein“, sagt der Göttinger Historiker Hans Medick und wiegt zweifelnd seinen Kopf. Schon vor Wochen hatte ich Medick, Spezialist auf dem Gebiet des Dreißigjährigen Krieges, um seine Meinung zum Maikäfer-Lied gebeten. Wir treffen uns schließlich an der Freien Universität Berlin. Ähnlich wie Brock, der das Lied einst in Pommern von seinem Kindermädchen Lieschen Kunkel lernte, kann sich auch Medick noch genau an die Situation erinnern, in der er es zum ersten Mal bewusst hörte: als Vierjähriger an der Hand seines Vaters bei einem Spaziergang durch das von Bomben zerstörte Wuppertal. Mit den Überzeugungen und gefühlten Gewissheiten des Kunsttheoretikers kann der Historiker allerdings wenig anfangen. Das Lied, erklärt Medick, lasse sich nun einmal nicht so einfach auf den Dreißigjährigen Krieg zurückführen. Mehrere Gründe sprächen dagegen.

Der wichtigste: Viele Lieder des Dreißigjährigen Krieges seien damals in sogenannten Liedflugschriften veröffentlicht worden - vier bis acht meist lose gebundene Blätter mit Liedtexten, welche die Leute für wenig Geld kauften, vielerorts sammelten und zu eigenen Liedbibliotheken zusammenstellten. Singen, sagt Medick, war mal schwer in Mode. Wäre das Maikäfer-Lied wirklich aus dem Dreißigjährigen Krieg, hätte man es dann nicht auch in so einer Flugschrift finden müssen?

Außerdem, erklärt Medick, während er Striche und Pfeile auf die Rückseite seiner handgeschriebenen Notizen malt, fanden die größten Verwüstungen und Zerstörungen des Krieges doch eher in Mittel- und in Süddeutschland statt, nicht in Pommern. Er reicht mir das Papier herüber, die „berühmte Zerstörungsdiagonale des Dreißigjährigen Krieges“ - von links unten (Schwaben) bis nach rechts oben (Ostpreußen). Außerdem habe es die Trennung von Zivilbevölkerung und Soldaten in den Armeen des Dreißigjährigen Krieges noch gar nicht gegeben; vielmehr folgten die Familien damals dem Heer im so genannten Tross, „und oft war dieser Tross mit Familienangehörigen, Gauklern und Prostituierten - quasi mobilen Städten - größer als die Armee selbst“.

Warum kennen so viele Menschen noch dieses Lied?

Ob er vielleicht eine Idee hat, welche Ereignisse das Lied denn vielleicht besser beschreiben würde? Medick hat: Die typische Situation, dass der Vater allein im Krieg ist und die Familie zurückbleibt, finde sich in Pommern im sogenannten Siebenjährigen Krieg, 1756 von Preußen begonnen. „Ein Weltenbrand“, sagt Medick, in den sämtliche europäischen Großmächte verwickelt waren und der Pommern regelrecht verwüstete.

Hier stimmten die Situationsbeschreibungen von Lied und alltäglicher Kriegswirklichkeit überein: Zwangsrekrutierung der männlichen Bevölkerung und ein der Zerstörung preisgegebenes Land mit schutzlos zurückbleibenden Familien. Zum Abschied drückt mir Medick noch einen seiner Zettel in die Hand - die Abschrift eines Kinderliedes, das schon um 1650 in gedruckter Fassung existierte und das ganz sicher aus dem Dreißigjährigen Krieg stamme: „Bet, Kinder, bet, / Morgen kommt der Schwed’, / Morgen kommt der Ochsenstern, / Der wird die Kinder beten lehren. / Bet, Kinder, bet.“ Das Wort „Ochsenstern“ beziehe sich eindeutig auf den schwedischen Reichskanzler Axel Oxenstierna - den Nachfolger Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg, Oberkommandierender der Schwedischen Truppen und „Schreckfigur“ für die Kinder.

Allerdings ist meine wichtigste Frage jetzt noch immer unbeantwortet: Warum kennen heute noch so viele Menschen dieses mehr als 215 Jahre alte Kriegskinderlied?

Kein Einschlaflied, sondern ein musisches Spiel mit der Angst

Ich reise nach Weimar. Dort wartet Barbara Book, Bibliothekarin im Ruhestand. Book nimmt an einem Kongress teil und will anschließend gleich wieder zurück nach Freiburg. Dort wohnt sie, dort hat sie ihr halbes Leben lang in der Bibliothek des Deutschen Volksliedarchivs gearbeitet.

Mehr als 300.000 Belege von Volksliedern liegen hier. Auch zum Maikäfer-Lied existieren Verzeichnisse und Notizen. Book hat Kopien von Fachbüchern mitgebracht, die zeigen, dass es früher neben der Variante „Pommerland ist abgebrannt“ auch noch andere Versionen des Liedes gab: So sang man in Hessen statt „Pommerland“ auch „Pulverland“, in Thüringen „Engelland“, anderswo: „Holderland ist abgebrannt“. Irgendwann hat sich die Pommerland-Version durchgesetzt - und erhalten. Ich will wissen, warum. Ob sich Book vorstellen kann, dass eine Mutter so ein Lied ihren Kindern zum Einschlafen vorsingt?

Book schüttelt den Kopf. „So was lernen Kinder häufig von anderen Kindern.“ Hier gehe es ja auch um eine Art „Angstlust“, eine Lust, die man auch erlebe, wenn man spiele: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? - Niemand! - Und wenn er kommt? - Dann laufen wir!“ Dieses Durchspielen des Gegriffenwerdens, obwohl man ja eigentlich nicht gefangen werden will, übe auf Kinder eine hohe Faszination aus, weil sie trotz allen Ungemachs eben selbst erfahren wollen, wie sich das anfühlt und ob man da unbeschädigt durchkommt, vielleicht gerade weil sie noch so klein sind und in der Regel darauf angewiesen, beschützt zu werden.

Symbol einer kollektiven Niederlage

Doch seien das Dunkle und Bedrohliche, seien etwa Hunger und Tod heute in vielen Kinderliederbüchern nicht mehr existent. Das Rohe, Schmerzliche und Brutale sei ebenso wie das allzu Frivole und sexuell Anzügliche schon mit den ersten systematischen Liedersammlungen wie „Des Knaben Wunderhorn“ nach und nach aus dem Volksrepertoire verschwunden; den Rest erledigte die Pädagogik der Volksschulen, die nur „Erbauliches“ ins Klassenzimmer ließ.

Über den Krieg finden sich indes in den Freiburger Archiven viele Lieder. Außer dem Maikäfer-Lied ist von ihnen aber heute kaum noch eines verbreitet. Hatte Bazon Brock recht, als er mir in Berlin erzählte, dass das Bewusstsein weniger durch Triumphe als durch Niederlagen geprägt wird? Triumphe, etwa der Sieg über Frankreich 1871, spielen laut Brock im kollektiven Bewusstsein der Deutschen kaum eine Rolle. Den vernichtenden Niederlagen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg komme dagegen eine enorme Bedeutung zu. Das Maikäfer-Lied nun stehe symbolhaft für eine kollektive Niederlage - das Grauen des Krieges schlechthin, den größtmöglichen Verlust an Heimat, Familie, Schutz und Vertrautheit. Eine allumfassende Katastrophe, in der ausgerechnet das schwächste Glied einer Familie - das Kind - allein zurückbleibt. Eine Erzählung, die deshalb besonders stark auf Kinder wirke.

Kindliches Verlangen nach Frieden kommt zum Ausdruck

Zweiter Anruf bei Brock:

„Herr Brock, für die Kinder geht es hier also Ihrer Meinung nach nicht nur um das lustvolle Durchspielen irgendwelcher Ängste?“

Brock: „Alle Kinder erfahren etwas Gleiches über die Pfütze, in die man treten kann, über die Käfer, mit denen man spielen kann. Die kindliche Welt ist mehr oder weniger für alle Kinder gleich. Und daher ist auch so ein Lied ohne weiteres als Grunderfahrung mitteilsam. Denn jedes Kind hat eine primäre Angst, von den Eltern getrennt zu werden oder dass die Eltern sich selbst trennen, denn es heißt ja, wenn die Eltern es nicht einmal fertigbringen, miteinander in Frieden zu leben, gibt es für das Kind gar keine Aussicht darauf, dass Menschen überhaupt in Frieden leben können. Kinder sind aber absolut angewiesen auf Friedfertigkeit, auf Beständigkeit. Die Welt darf nicht alle Tage verändert werden. Und in diesem Lied - das sind Urängste ebendieser früheren Vergewisserungen an der Konstanz der Welt, die das Kind ergreifen.“

Brock hat sich in Fahrt geredet, er verweist auf die vielen Schlachten, die sich in den letzten 500 Jahren, angefangen von den Bauernaufständen 1525 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945, auf deutschem Boden ereigneten. Gemetzel folgte auf Gemetzel, eine scheinbar unendliche Folge von Gewalt und Verderben, unterbrochen von kurzen Atempausen. Nun ja, sagt Brock, und kommt zurück auf das Maikäfer-Lied: „Es war vielleicht - ohne dass die, die es sangen, es eigentlich wussten - so was wie ein Existenzial. Wenn man dieses Lied sang, wusste man übers Leben Bescheid.“

Lieder eignen sich besonders gut für die Überlieferung

Wieder einmal habe ich das Gefühl, alles ist gesagt. Das Maikäfer-Lied ist mindestens 215 Jahre alt, und weitergegeben wird es, weil es auf besonders drastische Weise die Urängste von Kindern thematisiert und vom Schrecken eines Krieges erzählt, der symbolhaft für die Schrecken aller Kriege zu allen Zeiten steht. Reicht das?

Es ist Frühling, als ich die Erinnerungsforscherin Aleida Assmann endlich am Rande einer Tagung in Berlin treffen kann. Sie erklärt mir, dass Lieder - im Gegensatz etwa zu Prosatexten - generell gut erinnert werden. Einfach deshalb, weil sie gereimt sind, Rhythmus haben und eine Melodie. Beim Maikäfer-Lied aber komme noch eine Besonderheit hinzu: der Widerspruch zwischen Liedinhalt und Melodie: „Das Paradoxe an dem Lied“, sagt Assmann, „ist ja, dass es auf der einen Seite diese Wunde im Mittelpunkt hat, dieses Trauma der Einsamkeit und Gottverlassenheit, und auf der anderen diese beruhigende Melodie, die einen Rhythmus hat, also das Einschläfernde, Ausgleichende und Zur-Ruhe-Bringende. Und wie kann man diese Unruhe, die da im Zentrum dieses Liedes steht, besänftigen? Kann man gar nicht! Das bricht völlig auseinander! Und das führt dazu, dass man dieses Lied zwar singt, sich aber nicht wirklich diesen Bildern stellt. Was aber bleibt, ist dieser Unruhefaktor. Und das ist nun auch wiederum eine andere Quelle der Memorierbarkeit: Man kann dieses Lied nicht vergessen, weil man es nicht wirklich verarbeitet hat.“

Ein Lied ähnelt dem Maikäfer-Lied

Nur der Vollständigkeit halber suche ich nun doch noch nach Eberhard Nehlsen, einem Liedflugschrift-Forscher aus Oldenburg, den mir Historiker Medick empfohlen hatte. Im Internet finde ich eine Telefonnummer. Anruf bei Nehlsen:

„Guten Tag, Herr Nehlsen. Darf ich Sie grad mal einen Moment stören?“

„Ja, worum geht es denn?“

Ich erkläre es ihm und frage, wie viel Lieddrucke es zwischen 1500 und 1650 wohl in etwa gegeben hat. Nehlsen erklärt: „Also, nach 20 Jahren Suchen und Verzeichnen kann ich sagen: Etwa 7000 werden noch überliefert sein“ - von der Masse, die es gegeben haben muss. Und das Maikäfer-Lied? Nelson bedauert: „Solche Kinderlieder leben ja heute auch noch hauptsächlich von der mündlichen Überlieferung. So was wurde nicht gedruckt.“

Aber, so fügt er hinzu, er arbeite gerade an einem Buch, das alle Liedflugschriften aus dem Dreißigjährigen Krieg versammeln soll; etwa 700 seien es wohl insgesamt. Und unter diesen sei auch ein Kinderlied, das dem Maikäfer-Lied sehr ähnlich ist: „Bet, Kinder, bet, / Morgen kommt der Schwed’. . .“ Nehlsen: „Na ja, diese besondere Strophenform, dieses Versmaß, das ist schon einmalig. Alle anderen Lieder aus dem Dreißigjährigen Krieg haben viel längere Liedzeilen und mindestens sechs, wenn nicht sogar zwanzig Strophen. Und beides sind ja auch Kinderlieder, und beide handeln vom Krieg.“

Ein unsterbliches Lied

Kurz nach dem Telefonat mit Nehlsen schreibe ich eine E-Mail an Heinz Schlaffer, den Literaturwissenschaftler aus Stuttgart. Ich will wissen, was er von Nehlsens These hält, die auf Folgendes hinausläuft: Entweder hat das Maikäfer-Lied ursprünglich noch eine andere Strophe gehabt, nämlich: „Bet, Kinder, bet, / Morgen kommt der Schwed.“ Oder das Maikäfer-Lied ist eine Abwandlung des vielleicht nur unwesentlich älteren „Bet, Kinder, bet“-Verses. Dritte Möglichkeit: Beide Lieder sind eine Parodie des 1605 zum ersten Mal nachgewiesenen Wiegenliedes „Schlaf, Kindlein, schlaf“ - das ja auch ein ähnliches Versmaß aufweist und die gleiche Melodie wie das Maikäfer-Lied.

Doch noch während ich die E-Mail schreibe, bin ich mit den Gedanken schon woanders. Angenommen, das Maikäfer-Lied lässt sich tatsächlich zumindest indirekt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ableiten, dann wäre es fast 400 Jahre alt. Angenommen, dieses Lied ist deshalb in Erinnerung geblieben, weil es von einer kollektiven Niederlage erzählt, die universellen Urängste von Kindern anspricht und zusammen mit seiner lieblichen Melodie so verquer wirkt, dass, wer es einmal gehört hat, es kaum mehr vergessen kann: Wäre das Lied dann sozusagen unsterblich?

Bibliothekarin Book hatte gemeint, dass Lieder vor allem dann aus dem Repertoire verschwinden, wenn die Leute ihrer überdrüssig werden; oft entstehen zunächst Parodien - und schließlich verschwinden die Lieder ganz. Vielleicht, hatte mir Book gesagt, wäre es dem Maikäfer-Lied ähnlich ergangen, wenn sich der Liedtext nicht durch die beiden letzten Weltkriege so anschaulich aktualisiert hätte.

Universell einsetzbar

Bleibt die Frage: Braucht es einen neuen Krieg, damit das Maikäfer-Lied lebendig bleibt? Oder hat Bazon Brock recht mit seiner Ansicht, dass das Maikäfer-Lied Kinder zu allen Zeiten ansprechen wird, egal wie die Welt um sie herum gestrickt ist? Bei meinen Umfragen war den Jüngeren, den unter 30-Jährigen, das Maikäfer-Lied kaum noch bekannt. Und die meisten älteren Passanten gaben an, dass sie es ihren Enkeln auch gar nicht vorsingen würden, schon aus Rücksicht auf die heute so besorgten Eltern, die das Lied zu brutal für Kinder finden.

„Schade“, sagt Hartmut Fladt, Musikwissenschaftler in Berlin. „Dabei können gerade Kinder - wie im Märchen, das mit den Worten ,Es war einmal‘ beginnt - mühelos in Zeiten eintauchen, die weit vor ihrer Geburt liegen.“ Ob er einen Tipp habe, ab welchem Alter man dieses Lied Kindern denn vorsingen könne?

Fladt überlegt: „Ab vier oder fünf Jahren, je nach Kind. Und je älter es wird und je mehr es die Möglichkeit hat, seine eigenen Erfahrungen auch auf das Lied zu projizieren, desto mehr wird es merken, was da alles drinsteckt: dass man also in zwei Zeilen eine ganze Welt aufgefaltet bekommt.“ Deutschland sei heute schließlich voll von Flüchtlingen, die all das erlebt hätten, wovon im Maikäfer-Lied die Rede sei. „Das ist nicht so weit weg, wie wir denken.“

Am Anfang stand die Katastrophe

70 Jahre Frieden in Deutschland. Und immer noch dieses Lied. Ich verstehe inzwischen besser, warum es niemandem, den ich fragte, gleichgültig war. Es erzählt etwas über uns. Eine Geschichte oder, wie der Wiener Psychoanalytiker Bruno Bettelheim vielleicht gesagt hätte, ein „wahres“ Märchen: Am Anfang steht die Katastrophe - Mutter fort, Vater fort. Wie bei Sterntaler, Schneewittchen oder Aschenputtel ist das Kind am Beginn vollkommen schutzlos, muss sich behaupten, seine Widersacher bezwingen. Das Märchen - eine Form der Bewältigung kindlicher Schrecken.

„Nur, im Maikäfer-Lied ist die Bewältigung ja gar nicht drin, oder?“, hatte mich Alleida Assmann gefragt. Vielleicht doch, denke ich heute: Wer einen Maikäfer vom Finger fliegen lassen kann, ist womöglich noch nicht ganz fertig mit dem Leben.

Quelle: F.A.S.
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