Amokfahrer von Trier

„Ein Racheakt an der Gesellschaft“

Von Julia Anton, Trier
16.08.2022
, 13:58
Ein Herz aus Kerzen steht im Dezember 2021 an der Stelle in der Fussgängerzone von Trier, wo eine Studentin von einem Amokfahrer überfahren und dabei getötet wurde.
Er tötete fünf Menschen, verletzte und traumatisierte viele mehr: Der Amokfahrer von Trier muss lebenslang in Haft. Die quälende Frage nach dem Warum bleibt aber offen.
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Manche hörten noch die Reifen quietschen. Sie konnten sich mit einem Sprung zur Seite zumindest vor schwereren Verletzungen schützen. Einige traf Bernd W. mit seinem Geländewagen aber wie beabsichtigt und für die Opfer völlig überraschend von hinten. Fünf Menschen überlebten die Kollision nicht: ein neun Wochen altes Baby und sein 45 Jahre alter Vater, außerdem drei Frauen im Alter von 73, 52 und 25 Jahren. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt und traumatisiert. Die Richterin ging bei der Urteilsverkündung noch mal auf jeden einzelnen Fall ein, berichtete, wo Bernd W. seine Opfer ins Visier genommen hatte und welche Verletzungen sie davontrugen. Bei einem Mann wiegen sie so schwer, dass er kein selbstständiges Leben mehr führen kann und sich in einem Dämmerzustand befindet. „Aus einem sportlichen aktiven Menschen wurde ein Pflegefall“, sagte die Vorsitzende Richterin am Dienstag im „Innenstadverfahren“ vor dem Trierer Landgericht. „Die Angehörigen sind schwer belastet.“ Und selbst wo körperliche Schäden verheilt sind, sind Verletzungen in der Seele geblieben: Die Bilder von damals kommen bei vielen immer wieder zurück.

Eine besondere Schwere der Schuld

Am 1. Dezember 2020 hatte Bernd W. zur Mittagszeit seinen Geländewagen in die Fußgängerzone in der Trierer Innenstadt gesteuert. Mit hohem Tempo hielt er dort auf Passanten zu, fuhr Zickzack­linien, um möglichst viele Menschen zu treffen. Erst nach einem knappen Kilometer blieb er unweit der Porta Nigra, dem Wahrzeichen der Stadt, stehen, stieg aus seinem Auto aus und rauchte eine Zigarette. Er soll gegrinst haben, als Polizisten ihn festnahmen.

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Während der Verhandlung verdeckt eine FFP-2-Maske sein Gesicht. Der Zweiundfünfzigjährige wirkt äußerlich ungerührt, als die Richterin das Urteil verkündet: W. muss lebenslang in Haft. Zudem stellt sie die besondere Schwere der Schuld fest und ordnet seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Verurteilt wird er unter anderem wegen fünffachen Mordes, versuchten Mordes in 18 Fällen und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Was war das Motiv?

Zweifel an seiner Täterschaft bestanden laut der Richterin nicht. „Wir haben den Richtigen hier sitzen“, sagt sie. Das hätten unter anderem die Spuren im Wagen sowie die zahlreichen Zeugenaussagen ergeben. Trotz der mehr als 40 Verhandlungstage, in denen vor allem die Folgen der Amokfahrt vermessen wurden, bleibt aber unklar, was W. letztlich zu der Tat bewog. „Wir kennen das tragende Motiv des Angeklagten nicht, weil er sich nicht geäußert hat“, so die Richterin. Das sei zwar sein gutes Recht, für die Betroffenen und ihre Angehörigen, die sich seit der Tat mit der Frage nach dem Warum quälen, gleichwohl enttäuschend.

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Feststellen lasse sich nur, dass W. frustriert war und eine Art allgemeinen Gesellschaftshass entwickelt habe. Die Tat war wohl „ein Racheakt an der Gesellschaft“, um diese für ihre vermeintliche Ignoranz zu strafen. W. fühlte sich benachteiligt, „obwohl seine Chancen nicht schlechter waren als die anderer, er hat sie nur nicht genutzt“. Zum Tatzeitpunkt war er alleinstehend und ohne festen Wohnsitz, einen Job sowie eine Wohnung hatte er einige Monate zuvor gekündigt. Seine Kindheit und Jugend verliefen offenbar unauffällig. W. war in der Gegend aufgewachsen, machte nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung als Elektroinstallateur, fuhr Rad­rennen. Bis in die Neunzigerjahre war er sozial integriert.

Das Jahr 1999 schien dann eine Art Zäsur für ihn gewesen zu sein: Kurz vor seinem 30. Geburtstag trennte sich seine langjährige Partnerin von ihm, und er verlor seinen Job. Obwohl er wieder Beschäftigung fand, zeigten sich im mittleren Erwachsenenalter plötzlich „seltsame Verhaltensweisen“. So vermutete W., der im selben Haus wie seine Mutter lebte, Sensoren zu seiner Überwachung in den Lampen, tauschte alle Glühbirnen aus. Später ließ er sich ohne medizinische Notwendigkeit alle Zähne ziehen, weil er auch dort Überwachungstechnik vermutete. 2010 führte der Tod seiner Mutter wohl zu großer Unsicherheit. W. soll daraufhin ein großes Misstrauen in andere entwickelt haben. Als sein körperlicher Zustand sich verschlechterte, fühlte er sich subjektiv immer mehr beeinträchtigt und entwickelte ein Wahnsystem. So bildete er sich etwa ein, als Kind Teil einer Versuchsreihe gewesen zu sein, bei der ihm „radio­aktive Substanzen“ gespritzt wurden. Ihm stehe deshalb eine Entschädigung in Höhe von 500 000 Euro zu, die ihm aber verweigert werde. Ein Sachverständiger diagnostizierte eine paranoide Schizophrenie, W. ist vermindert schuldfähig.

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Dennoch sei die Tat nicht unmittelbar aus der krankhaften Störung entstanden, so die Richterin. Denn die Opfer waren nicht Teil seines Wahnsystems, sondern Repräsentanten der von ihm verhassten Gesellschaft. Einen besonderen Auslöser habe es am Tattag nicht gegeben, vielmehr habe sich gezeigt, dass W. die Tat lange geplant hatte. Der Wahn habe zwar sein Denken eingeschränkt, dennoch sei er noch in der Lage gewesen, „folgerichtig und intelligent zu handeln“.

Eine lange Phase der Verarbeitung

Im Gerichtssaal ist immer wieder vereinzeltes Schluchzen zu hören. Viele Betroffene sind auch Nebenkläger, nur wenige Stühle sind zur Urteilsverkündung leer geblieben. Im Zuschauerraum sitzen Bekannte und Angehörige der Opfer. Für viele von ihnen dürfte das Urteil zwar erleichternd sein, aber nur ein weiterer Schritt von vielen bei der Verarbeitung. „Das bringt uns K. und das Baby auch nicht zurück“, sagt eine ältere Dame in der Schlange vor dem Gerichtssaal, die zwei der Todesopfer kannte. Dann bricht sie in Tränen aus.

An der Porta Nigra hat die Stadt eine Gedenktafel für die Betroffenen angebracht, davor steht ein frischer Strauß Blumen. Und auch wenn der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) unmittelbar nach der Tat Zweifel hatte, wie sich solche Taten verhindern lassen sollen, versucht Trier es trotzdem: Im Frühjahr vergangenen Jahres hat der Stadtrat beschlossen, den Fußgänger­bereich durch im Boden versenkbare ­Poller in mehrere Zonen zu unterteilen. Zumindest eine Fahrt wie die von Bernd W. soll nicht mehr möglich sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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