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Architektur

Der Himmel als Ausschnitt

Von Anna Loll
 - 18:23
Wachsen mehr als 300 Meter in den Himmel: Die Türme des „Federation Tower”

Fast bis in den Himmel hinauf soll das verspiegelte Glas ragen: 354 Meter wird das höchste Gebäude Europas messen, das seit 2004 in der Moskauer Innenstadt gebaut wird. Der „Federation Tower“ solle für Macht und Einheit und Unabhängigkeit stehen, kündigt das russische Bauunternehmen Corporation Mirax Group an. Das Gebäude besteht aus zwei unterschiedlich hohen Türmen, die mit drei Brücken verbunden sind. Zwischen den Türmen steht eine vertikale Glasröhre, die mit ihrer Antenne von 448 Metern jeden anderen europäischen Wolkenkratzer übertreffen wird. Damit reicht der „Federation Tower“ zwar längst nicht an das höchste Gebäude der Welt heran, das 508 Meter über Taipeh aufragt, der Hauptstadt Taiwans. Doch soll es das bislang höchste Haus Europas, den „Triumph Palace“ in Moskau, mit einem Abstand von 90 Metern auf den zweiten Platz verweisen.

Das Hochhaus wurde in Deutschland entworfen. Der Architekt Sergei Tchoban gewann mit seinem Kollegen Peter Schweger die Ausschreibung der Mirax Group und der Wneschtorg-Bank. Die Idee, das höchste Haus Europas zu bauen, kam allerdings nicht in erster Linie von ihnen. „Die Höhe des Gebäudes war städtebaulich mehr oder weniger vorgegeben“, sagt der russische Architekt in seinem Berliner Büro im zweiten Stock der Hackeschen Höfe. An großen Schreibtischen arbeiten unter seiner Leitung etwa 40 Leute. Große Papierbögen liegen vor, neben und auf den Computertastaturen. Das Modell des neuen Moskauer Projekts steht in weißem Plastik neben dem Treppenaufgang zum zweiten Stock auf einem schwarzen Sockel. Es erinnert an einen zu klein geratenen CD-Ständer.

Häßlichkeit kann gefährlich sein

Aber das Modell täuscht. Der „Federation Tower“ wird sicher nicht dezent sein. Rund 500 Millionen Euro wird die vertikale Stadt hinter Glas kosten. Auf 93 und 63 Etagen sowie einer Gesamtfläche von 423.000 Quadratmetern gibt es ab 180 Meter über dem Erdboden 200 Wohnungen für exklusive Kundschaft. Die unteren Stockwerke sind vor allem als Büroräume gedacht, drei bis sechs Einheiten auf jeder Etage. Am Boden empfängt ein gewaltiges Atrium mit Lichtkuppel die Menschen. Besucher können von der Aussichtsplattform Hunderte Meter nach unten schauen, im Fünf-Sterne-Hotel des 45. Stocks absteigen oder sich als dessen Gast im Fitness-Studio vergnügen.

Tchoban, der einen dunklen Anzug trägt und ein bis zum letzten Knopf zugeknöpftes Hemd, lebt seit 1992 in Deutschland. Die Arbeit zog ihn erst nach Hamburg, dann nach Berlin. Mehr als drei Tage pro Woche ist der gebürtige Russe allerdings nicht in Deutschland anzutreffen. Etwa die Hälfte der Woche ist er in Rußland. Im Moskauer Büro sitzen zwölf Mitarbeiter. Architektur, sagt Tchoban, im Rücken die Baupläne mit den geschwungenen Dreiecken, die das Fundament der Türme abbilden, sei keine wirklichkeitsferne Kunst. Sie habe ästhetische Folgen und damit auch soziale Wirkung. Häßlichkeit könne gefährlich sein. Bei einem Gebäude dieser Dimension dürfe kein Mißgriff passieren. Das Hochhaus sei ein gewaltiger Eingriff in die Stadt.

Interesse für das falsche Buch

Geboren 1962 in St. Petersburg, begann Tchoban früh zu zeichnen. Seine Großmutter brachte die Zeichnungen zu einem renommierten Kunstlyzeum. Sieben Jahre lang hat Tchoban dort gelernt. Die Ausbildung führte den Sechzehnjährigen weiter in eine Kunstakademie seiner Stadt. Dort begeisterte er sich vor allem für Grafik und Illustration. „Ich wollte Buchillustrator werden.“ Doch er beging einen Fehler: Er interessierte sich für das falsche Buch. „Ich habe das kommunistische System immer als einen natürlichen Bestandteil in meinem Leben begriffen - es hat mich nur einfach dieses Buch fasziniert.“

Anatolij Kusnezow beschrieb in „Babij Jar“ detailgenau, wie die russische Bevölkerung an der Judenvernichtung durch die deutsche SS in der sogenannten Weiberschlucht bei Kiew mitwirkte. Publiziert wurde das Buch in den Sechzigern. Doch in den Achtzigern, als Tchoban die Schriften Kusnezows auf dem Dachboden entdeckte, war das Klima rauher. Als dem Autor Lizenz und Staatsbürgerschaft entzogen wurden, entwarf der junge Tchoban gerade Bilder zu dem Text des Dissidenten - nicht die beste Voraussetzung für einen aufstrebenden Künstler. „Ich wurde von einer Kommission eingeladen. Mir wurde deutlich gemacht, daß ich als Illustrator in Rußland keine Chance hätte.“

„Die Stadt gleicht einem Bühnenbild“

Ihm wurde nahegelegt, sich doch in der Architektur zu versuchen. Die habe mit abstrakteren Formen zu tun als die Illustration von Büchern. Außerdem habe er sich schließlich immer für das Thema Stadt interessiert. Der Rat war wohlgemeint. „Das habe ich dann auch schließlich eingesehen. Stadträume waren eben schon immer meine Leidenschaft.“ Die Stadt - nicht ihr Zusammenspiel mit der Natur, sondern die ganz und gar von Menschenhand gebauten Räume - interessiert Tchoban. „Ich liebe die Stadt als künstlich gebaute Realität. Sie gleicht in vielem einem Bühnenbild, das man aufbaut, um etwas aufzuführen. Nur daß man eine Stadt nicht so schnell wieder abbaut.“

Tschoban wuchs im Zentrum Moskaus auf, in einem jener alten Häuser, die Dostojewskij-Lesern vertraut vorkommen. „Meine Großmutter, mit der ich viel Zeit verbracht habe, hatte eine unglaublich schöne Wohnung. Es hat mich fasziniert, was ich durch die Fenster von der Welt draußen sehen konnte: nicht den Himmel als Ganzes, sondern als Ausschnitt, die Häuserschluchten und die Perspektiven der Bauten.“ Neubauwohnungen mit viel Grün fand er noch nie schön.

„Moskau ist eine Stadt der Türme“

Für seine Zeichnungen ist Tschoban fast so bekannt wie für die Gebäude - etwa das Dom-Aquaree in Berlin mit dem Fahrstuhl, der durch Wasser fährt, und das schwarze eckige Kino „Cubix“ gegenüber dem Fernsehturm. Er leitete die Neugestaltung des Berolina-Hauses am Alexanderplatz und des Europa-Centers im Westen der Hauptstadt. „In der Architektur muß man sich von der Realität lossagen, sonst wird man erschlagen. Wenn man nicht seine eigene Welt hat, dann wird man zum reinen Dienstleister“, sagt Tchoban. Der „Federation Tower“ wirkt auf den Zeichnungen und 3-D-Visualisierungen tatsächlich fast wie ein Traumbild. Aber in der Moskauer Innenstadt steht schon das Gerüst für den ersten der beiden Türme.

„Ich versuche, aus der Geschichte einer Stadt etwas herauszuholen. Moskau ist eine Stadt der Türme, die zusammenstehen.“ Nicht für jede Stadt passe ein solches Gebäude - für Moskau schon, meint er. Die zugespitzte Silhouette, die gläserne Nadel in der Mitte, auf deren Spitze die beiden Türme in dynamischen Kurven zulaufen: das entspreche der russischen Hauptstadt. „Ein Haus sollte den Raum ergänzen und auf eigene Art fortsetzen.“ Im Jahr 2008 wird man sehen können, ob Stahl und Glas mit der Stadt und dem Himmel verschmelzen.

Quelle: F.A.Z., Nr. 213, 13. September 2006
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