Atomphysik

Man baut Massenvernichtungswaffen nicht, um damit zu protzen

Von Dietmar Dath
10.09.2003
, 17:32
Edward Teller 1908-2003
Er war maßgeblich an der Entwicklung der Atombombe beteiligt und gilt als „Vater der Wasserstoffbombe“. Der Physikers Edward Teller ist im alter von 95 Jahren gestorben.

Die großen Werke, ob schön, ob verheerend, oft beides, haben uns mit Sicherheit tote Riesen hinterlassen, glaubt das Publikum. Von diesem Riesen hier, meint es, wußte man wenigstens, wer er war, auch und gerade, wenn man nicht wirklich versteht, was er getan hat. Es gibt ein sehr wütendes, tobendes Lied über ihn, das drastischste denkbare Gegenteil des Versuchs, dem Menschen gerecht zu werden, der er gewesen ist: Auf ihrer Platte "No Substance" (1998) besingen ihn die Punkrocker von "Bad Religion" als "the biggest killer in American history".

Die Formel ist Titel, Refrain und einziger Inhalt jenes Stücks; es endet damit, daß diese Sechs-Wörter-Beschwörung eines nach jeder Richtung völlig entgrenzten, weltverschlingenden Bösen, weit jenseits aller Mitternachtswürger und Amokschützen aus dem Fernsehen, kurz nacheinander achtmal wiederholt wird - bis der Sänger ihr noch etwas hinterherspuckt: "And God shed his grace on thee", du warst von Gott begünstigt, dein Intellekt drang tief in die Materie ein, aber nur, um sie, fürchterlich für uns alle, zu zersprengen. Der Text, der diesem Fluch vorangeht, versucht zwar, den Großzusammenhang der wissenschaftlich-technischen Zivilisation auch institutionskritisch anzuklagen, agitiert also gegen "Firmen und Universitäten", bleibt dann aber doch am phantasierten großen Scheusal hängen, das wie ein mythischer walisischer Sündenesser alles verzehrt, was an "Analyse" gewollt war: "I think of Edward Teller . . ."

Ein Dr. Seltsam ohne MItleid?

Nämlich so, wie der Schriftsteller Kurt Vonnegut an ihn gedacht hat, als er sich seinen verrückten Wissenschaftler "Dr. Felix Hoenikker" für den Roman "Katzenwiege" ausdachte; so, wie der Regisseur Stanley Kubrick sich von Tellers Bild in der Öffentlichkeit inspirieren ließ, als er seinen Dr. Seltsam schuf. So haben sie ihn immer gern gemalt, die Erschrockenen, so kam er einer Kulturindustrie zupaß, die ihren Abstraktionen, und seien diese auch - wie die anspruchsvoll wissenschaftsfeindliche Formel von der "instrumentellen Vernunft" - bei der Philosophie geborgt, nicht zutraut, die allgemeine Furcht zu bündeln und zu bannen. So hat man sich also vor ihm gruseln dürfen, der ja wirklich vieles Problematische war, zum Beispiel ein nicht besonders subtiler kalter Krieger. Der aber wäre zu konkret gewesen als Gegenstand der Kritik, zu deutlich auch, also ging es gegen den beliebtesten Pappkameraden der Moderne: Frankenstein, Laborkittel, Menschmaschine, ohne menschliche Schwächen zwar, aber daher eben auch ohne Leidenschaft, ohne die Fähigkeit, zu erschrecken, vor allem also: ohne Mitleid.

Von den Großen hofiert: Präsident Kennedy und Teller 1962
Von den Großen hofiert: Präsident Kennedy und Teller 1962 Bild: dpa

Das Bild ist falsch. Schlimmer: Es ist ein besonders verlogener Bestandteil des großen realen wie ideologischen Unglücks der gesellschaftlichen Trennung von Hand und Kopf, die sich alle immer bloß vom Hals schaffen wollten, die an solchen Bildern pinseln, anstatt sie endlich einmal als das mehr denn nur moralische Epochenproblem zu erfassen, das spätestens mit der Herstellung der ersten Massenvernichtungswaffen daraus wurde.

Von der Quantenmechanik in den Bann gezogen

Edward Tellers Leidenschaft, sein Erschrecken und sein Mitleid sind belegt; sie galten freilich nicht bloß der Menschengattung oder ihrer Zukunft, sondern überdies anderen Abstrakta: dem Denken, dem Wissen, der Erkenntnis - und den schweren Verlusten, die einzelne Menschen und ganze Zivilisationen dabei erleiden können. Nachdem sein Kollege und Freund John von Neumann gestorben war, beschrieb er vor der Kamera, immer noch erschüttert, was er beobachtet hatte: "Als sein Verstand nicht mehr funktionierte, litt er schlimmer, als ich jemals einen Menschen habe leiden sehen."

Die Funktionslust eines Gehirns, das sich viel zutrauen darf, hat der 1908 in Budapest als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Elternhauses geborene Teller früh erfahren. Er war mathematisch hoch begabt und naturwissenschaftlich allseits interessiert. Als er 1926 nach Karlsruhe ging, um sich ins stark anwendungsbezogenes Chemiestudium zu werfen, wurde er statt dessen von einer säkularen wissenschaftlichen Revolution erfaßt: Die Quantenmechanik, zunächst in Werner Heisenbergs Matritzenrechnung, dann in Erwin Schrödingers Wellen-Version, veränderte die Auffassung fundamentaler physikalischer Prozesse. Praktische, theoretische und methodologische Absonderlichkeiten und Herausforderungen ergaben sich aus jeder neuen Arbeit. Teller ging nach München, dann nach Leipzig und hielt sich selbstverständlich auch in Göttingen auf, am Nabel der neuen Erkenntniswelt.

„Unsere Seelen sind nicht zu retten“

Der Nationalsozialismus hat dieses Göttingen, wie so viele andere Orte der Zukunft von Kultur und Wissenschaft, zerstört. Teller wanderte nach Dänemark aus, wo Niels Bohr schon auf ihn wartete und er Georg Gamow kennenlernte. Mit dem sollte er später Regeln für radioaktive Zerfallsprozesse formulieren, die diese Phänomene zusammen mit vergleichbaren Leistungen Enrico Fermis nützlich, weil übersichtlich beschreiben.

Gamow war es auch, der Teller Mitte der dreißiger Jahre nach Amerika holte, wo dieser dann 1941 fürs Manhattan-Projekt kooptiert wurde, die "Atombombenfabrik" unter der Leitung von J. Robert Oppenheimer. Anfangs vor allem als Berichtiger von Fehlannahmen gebraucht, arbeitete sich Teller rasch in die Materie ein und war schließlich nicht nur von der Machbarkeit der Bombe, sondern auch von der Notwendigkeit ihres Gebrauchs überzeugt. Er schrieb daher an Leo Szilard, der ihm eine Petition vorlegte, die vor dem Abwurf warnte: "Laß mich zunächst feststellen, daß ich nicht hoffe, mein Gewissen je erleichtern zu können. Die Dinge, an denen wir arbeiten, sind so schrecklich, daß kein Aufwand des Protests oder der Einmischung in Politisches unsere Seelen retten kann. Unsere einzige Hoffnung liegt darin, alle zu überzeugen, daß ein weiterer Krieg das Ende wäre. Zu diesem Zweck könnte ein tatsächlicher Einsatz dieser Bombe auf dem Schlachtfeld vielleicht das Beste sein."

„...man baut sie, um Massen zu vernichten"

Auf die erste Drehung jener zwangslogischen Schraube, die Teller nicht erfunden hat, folgte die zweite: Auch für die tatsächliche Entwicklung der Wasserstoffbombe, die man später sein Geschöpf nennen sollte, setzte er sich ein und kehrte später immer wieder zu strategischen Fragen, die keine wissenschaftlichen waren, zurück wie ein Täter an einen Tatort; obwohl er doch - diese Unterscheidung wird zentral sein, wenn man jenes Jahrhundert wird verstehen wollen - real an keiner einzigen Entscheidung militärischer Art je beteiligt war. Die Sphäre von Krieg und Frieden war nicht Tellers Heimat, sondern sein Gefängnis, das er freiwillig betreten hatte: "Die Jahre nach Los Alamos bis zur Wiederaufnahme seiner Beschäftigung mit Angelegenheiten der nationalen Sicherheit waren die wissenschaftlich fruchtbarsten seines Lebens", bezeugt Eugene Wigner, ungarischer Landsmann und einer der bedeutendsten Physiker jener Generation.

Daß Tellers Produktivität von den Fragen, die auf Leben und Tod gingen, gar nicht so sehr stimuliert wurde, sondern sprunghaft zunahm, als er sich ihrer ledig glaubte, mag ein Hinweis auch darauf sein, daß eine Zivilisationskritik die wissenschaftlich-technische Moderne moralisierend verfehlt, die in der Atombombe etwas metaphysisch und epochendiagnostisch Bedeutsameres sehen will als in der Waschmaschine, der Eisenbahn oder dem Internet. "Man baut Massenvernichtungsmittel nicht, um damit zu protzen, man baut sie, um Massen zu vernichten", hat der überzeugte Bellizist Teller festgestellt. Das ist ihm als Zynismus verübelt worden - er hatte aber bloß schlicht recht damit.

Das Rad dreht sich weiter

Ob Bio-, ob Informationstechnologien: Kein Versuch, irgendeine Sorte "Technik-Folgenabschätzung" auf das unlogische Prinzip "Nicht die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe bestimme unser Tun und Lassen, sondern wie verheerend sie wäre - je potentiell schlimmer, desto Finger weg" zu gründen, wird uns von der Logik jener kühlen Bemerkung Tellers befreien. Nichts, keine Kritik und kein höheres Wesen, entbindet von der Verpflichtung, sich zu überlegen, was man mit dem tun will, was man herausgefunden oder geschaffen hat. Wäre es anders, dürften wir morgens nicht das Haus verlassen: Zwar ist nicht sehr wahrscheinlich, daß uns der Himmel auf den Kopf fällt, aber es wäre bestimmt unser Ende.

Edward Tellers Enkel Astro Teller hat vor ein paar Jahren einen Roman namens "Exegesis" veröffentlicht, in dem das menschliche Bewußtsein von einer Maschinenintelligenz mit Subjektstatus beerbt wird. So eine denkende Maschine wäre die positive, natürlich auch wieder naive Personalisierung des globalen Technozusammenhangs, dessen negative die Imago des Großvaters des Schriftstellers war. Hoffnung auf Technik überschreibt da die Angst vor ihr, wie diese Angst das Wissen überschrieben hat. Die Angst wird zurückkehren. Sie kehrt immer zurück. Das in Schwung gebrachte Rad dreht sich weiter, wenn die Riesen fort sind. Edward Teller starb vorgestern in Stanford, Kalifornien.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2003, Nr. 211 / Seite 35
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot