Bergsteigerin Edurne Pasabán

Auf den Gipfeln der Gefahr

Von Annika Müller, St. Cugat
15.04.2009
, 10:18
Auf dem Weg zum nächsten Gipfel: Edurne Pasabán
Wie muss man sich eine Frau vorstellen, die sich in lebensfeindlichen Regionen zu Hause fühlt? Edurne Pasabán hat schon elf der vierzehn Achttausender-Gipfel bestiegen. Nun soll der zwölfte folgen. Die Bergsteigerin kämpft - auch gegen Vorurteile.

St. Cugat, im April. Wie muss man sich eine Frau vorstellen, die sich in lebensfeindlichen Regionen zu Hause fühlt, dem Tod schon oft ins Auge gesehen und sich in der männerdominierten Welt des Profibergsports einen Namen gemacht hat? Edurne Pasabán ist groß und schlank, ihr Gang lässig, ihr Lächeln herzlich. Ihre weichen Züge hat sie mit etwas Make-up unterstrichen, die Haare sind noch feucht von der Dusche. Sie wirkt erholt, obwohl sie gerade erst ihr vormittägliches Training beendet hat: drei Stunden Jogging in einer Druckkammer, bei Bedingungen, wie sie auf 6000 Metern Höhe herrschen. Durch den sinkenden Luftdruck ist der Sauerstoffgehalt dort nicht einmal halb so hoch wie auf Meereshöhe. Schon das Atmen ist mühsam. Ohne Gewöhnung entwickelt der Körper Anzeichen der Höhenkrankheit.

Aber die 35 Jahre alte Spanierin, eine gebürtige Baskin, ist größere Höhen gewohnt: Sie stand schon auf elf der 14 Achttausender der Erde. Jetzt bereitet sich Edurne Pasabán im CAR, dem Zentrum für Hochleistungstraining in St. Cugat nahe Barcelona, auf ihre nächste Expedition vor. Nur noch wenige Tage bleiben ihr bis zum Aufbruch. Ihr Ziel ist der Kangchendzönga, mit 8586 Metern der dritthöchste Berg der Welt. Doch weder die Höhe noch der extrem schwierige Kletterabschnitt am Gipfeltag jagen ihr so viel Angst ein wie die Finanzierung ihres Abenteuers: „Die Wirtschaftskrise hat die Suche nach Sponsoren erschwert. Die vielen Telefonate und Treffen rauben mir die Kraft, zu trainieren und mich psychisch vorzubereiten.“ Das sei für den Erfolg einer Expedition wichtiger als körperliche Kraft und Ausdauer.

„Da habe ich dem Tod ziemlich direkt ins Gesicht gesehen“

Die unter extremen Bedingungen gefassten Entschlüsse können über Leben und Tod entscheiden. „Ich staune oft, wie klar ich unter maximaler Belastung denken kann.“ Selbst am Rande der Erschöpfung könne sie mit Willensstärke noch Kräfte mobilisieren. So etwa beim Abstieg vom Gipfel des K 2, als ihr bei einem Wettersturz die Zehen erfroren und sie in drei Stunden nur 200 Meter vorankam. „Da habe ich dem Tod ziemlich direkt ins Gesicht gesehen.“ Für Angst bleibt aber keine Zeit am Berg. „Ich habe oft darüber nachgedacht, wie ich wohl reagieren würde, wenn direkt neben mir ein Freund stirbt. Aber wenn es passiert, versucht man nüchtern Entscheidungen zu treffen, um sein eigenes Leben zu retten.“ Inzwischen vertraut Pasabán darauf, dass sie in solchen Situationen instinktiv das Richtige tut.

Noch ein Achttausender - Edurne Pasabán im April 2008 am Dhaulagiri
Noch ein Achttausender - Edurne Pasabán im April 2008 am Dhaulagiri Bild:

Auch als sie sich am Shishapangma im Herbst wegen des schlechten Wetters zur Umkehr entschied, folgte sie ihrem Gefühl - eine vom Ehrgeiz getriebene Rekordjägerin ist sie nicht. Von spanischen Medien jedoch wurde sie kritisiert: Sie habe den Vorsprung verspielt, den sie sich in einem angeblichen Wettlauf mit der Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner und der Italienerin Nives Meroi herausgearbeitet hatte. Tatsächlich verfolgen alle drei Profibergsteigerinnen das Ziel, auf allen 14 Achttausendern gestanden zu haben. Als Konkurrentinnen wollen sich die drei Bergsteigerinnen dennoch nicht verstehen. Mehr als am Ruhm sind sie an der Erfüllung eines Traums interessiert - und am Überleben.

Nun hat die Klettersaison im Himalaja begonnen

Mehr als zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit Reinhold Messner als erster Mensch die Besteigung aller 14 Achttausendergipfel des Himalaja vollendete. Dreizehn Männern gelang es seither, dies zu wiederholen. Nun stehen drei der besten Bergsteigerinnen der Welt kurz davor, sich ebenfalls in den Club zu kämpfen. Alle drei standen auf jeweils elf Gipfeln oberhalb der magischen Achttausend-Meter-Grenze.

Nun hat die Klettersaison im Himalaja begonnen: Kaltenbrunner wird sich am 8516 Meter hohen Lhotse versuchen, Meroi hat sich wie Pasabán den Kangchendzönga zum Ziel gesetzt - jenen Berg also, an dem im Mai 1992 die Polin Wanda Rutkiewicz, einstmals Anwärterin darauf, die vierzehn Achttausender als Erste zu schaffen, verschollen ist. „Spekulationen der Medien, wer von uns die größten Erfolgschancen hat, sind unseriös“, empört sich Pasabán. Doch spätestens seit Juli 2007, als Kaltenbrunner und Pasabán fast gleichzeitig den Gipfel des Broad Peak erreichten - um zu demonstrieren, dass es kein Konkurrenzverhältnis gibt -, schreiben die Medien eine Wiederholung des Wettlaufs herbei, den sich eine Generation zuvor Reinhold Messner und Jerzy Kukuczka lieferten.

Wenn Pasabán daran denkt, zieht sich ihre Stirn in Falten: „Es wäre absurd und gefährlich, Höhenbergsteigen als Wettrennen zu begreifen. Ich will als zufriedene Greisin enden und nicht irgendeinen Rekord aufstellen. Ich weiß, dass das auch für Gerlinde gilt.“ Inzwischen sind die beiden Freundinnen. Die Idee, den letzten Achttausender als symbolischen Akt gemeinsam zu begehen, verwarfen sie allerdings. Pasabán wird auf ihren Expeditionen von einem Kamerateam des Senders TV España, ihres Hauptsponsors, begleitet. Kaltenbrunner hingegen ist Vertreterin des puristischen Alpinstils ohne große Logistik und mit einem Minimum an Material.

„Meine Freunde wundern sich über meinen Persönlichkeitswandel“

„Kürzlich saßen Gerlinde und ich in München nach einer Bergsteigermesse bei einem Bier“, erzählt Pasabán. „Andere Bergsteiger fragten, ob wir unsere Feindschaft beigelegt hätten. Da konnten wir uns vor Lachen kaum halten.“ Pasabán findet bei ihrer Kollegin die Unterstützung, die sie braucht, um dem Druck der spanischen Medien standzuhalten. Plötzlich war sie nicht mehr die baskische Restaurantbesitzerin mit dem extremen Hobby, sondern galt als „Pasabán, die Superfrau“ und „Königin des Himalaja“. 2005 wurde sie vom spanischen olympischen Komitee zur Sportlerin des Jahres ernannt. „Ich bin dieselbe Edurne, ob ich nun die 14 Achttausender schaffe oder nicht. Und wenn ich merke, dass es mir keinen Spaß mehr macht, muss ich aufhören.“ Nach den schlechten Erfahrungen am K 2 war Pasabán kurz davor aufzuhören. Erst zwei Jahre später kehrte sie in den Himalaja zurück. „Ich wollte herausfinden, ob ich vom Bergsteigen überzeugt war - oder ob ich nur noch den Erwartungen der Öffentlichkeit genügen wollte.“

Die Frau, die solch existentielle Erfahrungen gemacht hat, ist im Alltag manchmal überfordert. „Im normalen Leben bin ich ein sensibler Mensch, der sich schnell zum Weinen bringen lässt. Meine Freunde wundern sich über meinen Persönlichkeitswandel am Berg und fragen, warum ich die Kraft, die ich dort entfalte, nicht mit in den Alltag nehmen kann.“ Kleinigkeiten bringen sie aus dem Gleichgewicht. Unfaire Berichte und Anfeindungen männlicher Kollegen gehen ihr noch immer nahe.

Frauen müssen mehr leisten als Männer

Nicht selten stellt die männerdominierte Bergsteigerszene einen Gipfelerfolg Pasabáns so dar, „als hätte ich ihn nur aufgrund der Erfahrung und Ausdauer meiner Begleiter erreicht. Dabei trage ich dieselbe Menge an Material den Berg hinauf.“ Oft wird Pasabán auch vorgeworfen, sie sei keine kreative Bergsteigerin, da sie die Achttausender nur auf den Normalrouten begehe. „Ich bin kein Kukuckca“, sagt sie - der polnische Bergsteiger ließ bei der Suche nach den schwierigsten Aufstiegsrouten sein Leben. „Ich beschränke mich auf das, was meinen Fähigkeiten und meiner Risikobereitschaft entspricht.“ Auch die meisten Männer, die alle 14 Achttausender bestiegen, wählten die gewöhnlichen Routen. „Keiner hat ihnen das zum Vorwurf gemacht. Aber ich muss mich fragen lassen, ob ich mir Erstbegehungen nicht zutraue.“

Wer als Frau im Alpinsport ernst genommen werden will, sagt sie, müsse mehr leisten als die Männer. Erst langsam hätten ihre Bergkameraden erkannt, dass Frauen viele Vorteile haben, nämlich zäher und leidensfähiger seien. „Außerdem reagieren wir in schwierigen Situationen überlegter.“ Stolz und Selbstüberschätzung machten es den männlichen Kollegen oft unmöglich umzukehren, auch wenn die Lage es erfordere. „Da muss ich manchmal hart durchgreifen; hinterher sind mir aber alle dankbar.“ Auch im Leben will sie rechtzeitig innehalten: „Mein 15. Achttausender wird die Mutterschaft sein.“

Quelle: F.A.Z.
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