Feminismus in China

Ein Prozess als Symbol

Von Friederike Böge, Peking
14.09.2021
, 20:30
Die chinesische MeToo-Aktivistin Zhou Xiaoxuan, in China bekannt als Xianzi, trifft am Gerichtsgebäude ein.
Die chinesische Aktivistin Zhou Xiaoxuan polarisiert mit ihrer Klage wegen sexueller Belästigung gegen einen bekannten Moderator. Den Prozess gewinnen wird sie wohl kaum. Doch könnte sie den Weg für viele andere Frauen bereiten.

Als Chinas bekannteste Me-Too-Aktivistin Zhou Xiaoxuan am Dienstag eine halbe Stunde vor Prozessbeginn vor dem Gerichtsgebäude im Westen Pekings erschien, ging es zunächst um wirkmächtige Bilder und Symbolik. Sie steuerte direkt auf die wartenden Journalisten und Unterstützer zu und ließ sich von einer Menschentraube einschließen, die ihr vor dem Eingreifen der Polizei genügend Zeit ließ, eine kleine Ansprache vor laufenden Kameras zu halten. Sie dankte allen, die gekommen waren und die sie durch diesen kräftezehrenden Prozess begleitet hätten. „Es waren drei unverwechselbare Jahre für mich“, sagte sie.

Inspiriert von der MeToo-Bewegung, hatte Zhou 2018 einem der bekanntesten Moderatoren des chinesischen Staatsfernsehens vorgeworfen, sie vier Jahre zuvor als Praktikantin in seiner Garderobe sexuell belästigt, geküsst und begrapscht zu haben. Direkt nach dem Vorfall war sie zur Polizei gegangen, doch die habe sie wegen der Prominenz des mutmaßlichen Täters abgewimmelt. Erst als der Moderator, Zhu Jun, sie wegen Verleumdung anzeigte, verklagte Zhou Xiaoxuan ihn auf Schadenersatz von rund 6500 Euro sowie eine öffentliche Entschuldigung. Die inzwischen 28 Jahre alte Drehbuchautorin wurde zur Symbolfigur, weil nur wenige Frauen in China den Mut aufbringen, wegen sexueller Belästigung vor Gericht ziehen.

Von der Polizei „zum Teetrinken“ eingeladen

„Egal, ob wir gewinnen oder verlieren“, sagte Zhou am Dienstag – der Rest ihres Satzes ging im Gedränge unter. Eine Gruppe älterer Frauen, die in China „Ayis“ (Tanten) genannt werden, hatte sich in die Menge gedrängt und laut „Stoppt die Versammlung“ gerufen. Sie gehörten zum bestellten Aufgebot der Staatsmacht, das der Aktivistin möglichst die Bühne nehmen sollte. Eine der Frauen bestätigte später gegenüber einer ZDF-Journalistin, dass sie für den Einsatz bezahlt worden sei.

Beim ersten Verhandlungstag im Dezember hatte sich die Menge noch direkt vor dem Gerichtssaal versammelt und Plakate mit Sprüchen wie „Wir sind keine Genitalien auf zwei Beinen“ in die Höhe gehalten. Bilder davon wurden über soziale Netzwerke verbreitet und in feministischen Kreisen als Erfolg gefeiert. Diesmal, am zweiten und wohl letzten Prozesstag, war die Polizei vorbereitet. Das Gelände wurde weiträumig abgesperrt. Dutzende Uniformierte und mindestens noch einmal so viele Kräfte in Zivilkleidung verteilten sich in der Gegend. Manche versuchten sich als Passanten zu tarnen, andere waren unschwer an ihren schwarzen T-Shirts und muskulösen Oberarmen zu erkennen.

Zu Gewalt griff die Polizei nicht, sie setzte auf Einschüchterung. Alle Anwesenden wurden permanent gefilmt und ihre Personalausweise fotografiert. Viele, die sich zuvor über die sozialen Netzwerke verabredet hatten, waren schon vorab von der Polizei einbestellt worden. „Zum Teetrinken“, wie das in China heißt. Die feministische Bewegung ist im Internet so gut vernetzt, dass sie vom Sicherheitsapparat als Gefahr betrachtet wird.

Eine Transfrau namens Wang Heting versuchte vergeblich, ein Plakat hochzuhalten, es wurde ihr sofort entrissen. „Klar habe ich Angst. Wahrscheinlich werde ich zum Tee eingeladen und auf eine Liste gesetzt“, sagte Wang anschließend. Aber sie sei bereit, die Konsequenzen zu tragen. Manche der Unterstützer bezeichneten sich als „Zeugen der Geschichte“, so groß schätzten sie die Bedeutung des Gerichtsprozesses ein.

Dabei rechnete kaum jemand damit, dass Zhou, die in China unter ihrem Spitznamen Xianzi bekannt ist, den Prozess gewinnen würde. „Es gibt so viele konservative Gegenreaktionen, dass ich nicht davon ausgehe“, sagte ein Student mit langen Haaren und Ohrringen. „Aber in jedem Fall ist der Prozess ein Meilenstein für die feministische Bewegung in China.“ Zhou habe mit ihrem Schritt in die Öffentlichkeit den Weg für viele andere Frauen bereitet, über eigene Erfahrungen von Belästigung und Missbrauch zu sprechen. Auch wenn diese Frauen nicht vor Gericht gingen, sei doch der soziale Druck auf die Täter gestiegen.

Der Beklagte erscheint nicht

Für die Unterstützer vor dem Gerichtsgebäude, einige Dutzend Frauen und Männer, sei dies eine der wenigen Gelegenheiten, „unsere Meinung in der Öffentlichkeit zu sagen“, sagte der Student der F.A.Z. „Dieser Fall hat uns den Glauben gegeben, dass MeToo in China möglich ist.“ Eine junge Frau pflichtete ihm bei: „Der Fall hat das ganze Problem (sexueller Belästigung) für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Es wird jetzt mehr über das Verhältnis der Geschlechter gesprochen.“ Wie viele hier ist sie enttäuscht darüber, dass die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Zhous Antrag auf einen öffentlichen Prozess war abgelehnt worden.

Bis zum späten Dienstagabend, sieben Stunden nach Prozessbeginn, war kein Ende in Sicht. Am ersten Prozesstag war Zhou bis nach Mitternacht festgehalten worden. Der Beklagte, Zhu Jun, war gar nicht erst erschienen. Das Gericht befand das nicht für nötig. In den vergangenen Monaten war Zhou Xiaoxuan von antifeministischen Bloggern angegriffen und als „ausländische Agentin“ diffamiert worden. Seit 2015 fünf Feministinnen wegen des Verteilens von Aufklebern gegen sexuelle Belästigung festgenommen und mehr als einen Monat inhaftiert worden waren, hat sich keine Aktivistin mehr ähnlich stark exponiert. Der Erwartungsdruck war Zhou Xiaoxuan am Dienstag anzumerken. Auch manche Unterstützerinnen wirkten aufgewühlt, als sie allein durch die Polizeibarriere zum Gericht lief.

Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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