Foto: Daniel Pilar

Mit dem Cello gegen das Vergessen

Von FRANZISKA PRÖLL, Fotos von DANIEL PILAR
Foto: Daniel Pilar

15. Juni 2022 · Wer an Demenz erkrankt, verliert geistige Fähigkeiten. Doch es gibt einen Weg, wie Betroffene weiter Freude empfinden und an sich glauben können: mit Musikunterricht.

Der alte Mann rüttelt am Reißverschluss der Ledertasche. Seine rechte Hand zittert ein bisschen. Als die Öffnung groß genug ist, holt Nothardt Becher ein Cello heraus. Sein Cello, sein geliebtes Instrument. Als Fünfzehnjähriger faszinierte ihn der erhabene Klang der Saiten. Bis er 61 war, hat er gespielt. Dann wollten seine Hände nicht mehr so wie früher. Von da an blieb es in der Ledertasche, 13 Jahre lang.

Am 25. August 2021 kehrte das Cello in das Leben von Nothardt Becher zurück. Er war 74 und wusste seit etwa drei Jahren, dass es eine Krankheit war, die ihm das Musizieren erschwerte: Demenz. Bei Becher geht sie mit Parkinson einher. Nervenzellen im Gehirn sterben ab, Bewegungen werden eingeschränkter, der Gleichgewichtssinn schwindet, Muskeln zittern. Becher ist einer von 120.000 bis 160.000 Menschen in Deutschland, die aufgrund von Parkinson auch beginnen zu vergessen. Oft fühlt er sich wie im Nebel. Er spürt, wie Geist und Körper sich verändern. Häufig ist er deshalb niedergeschlagen. Doch er hat etwas gefunden, das ihm hilft – und auch anderen helfen könnte.

Nothardt Becher profitiert vom Musikunterricht. Dieser bringt Struktur in seinen Alltag, bestärkt ihn, dranzubleiben und Neues auszuprobieren. Video: Daniel Pilar; Schnitt: Silvia Claus

Musik erinnert viele an Demenz erkrankte Menschen daran, wer sie waren. Verschüttete Bilder und Emotionen kehren zurück, wenn sie vertraute Lieder hören oder spielen. Ein Mensch begreift wieder, wer er ist. Was Wissenschaftler erst nach und nach erklären können, beobachten Musiklehrerinnen wie Anke Feierabend seit Jahren. 2009 hat sie erstmals eine an Alzheimer erkrankte Frau auf der Geige unterrichtet. „Da passierte etwas, was ich niemals für möglich gehalten hätte: Obwohl sie pflegebedürftig war und im Alltag nicht einmal mehr daran dachte zu essen, lernte meine Schülerin im Unterricht dazu.“


„Da passierte etwas, was ich niemals für möglich gehalten hätte: Obwohl sie pflegebedürftig war und im Alltag nicht einmal mehr daran dachte zu essen, lernte meine Schülerin im Unterricht dazu.“
ANKE FEIERABEND, Musiklehrerin und Musikgeragogin

Anhand ihrer Beobachtungen entwickelte Feierabend eine Methode für den Musikunterricht für Menschen mit Demenz. Wenn sie mit Feierabend musizieren, erlangen sie oft Fähigkeiten wieder, an die sie selbst nicht mehr geglaubt haben.

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