Zuckerkrankheit

Diät statt Insulinspritzen?

Von Denise Peikert
13.08.2016
, 09:46
Alternativlose Behandlung bei Diabetes? Injektionen mit Insulin.
Wer an „Zucker“ leidet, muss Insulin spritzen? Oft geht es auch ganz ohne Medikamente – selbst nach Jahren der Krankheit noch. Spezielle Diäten bieten Alternativen.
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Gegen seinen Diabetes hat Martin Herhold sich ein Hemd gekauft. Es ist von einer edlen Marke und eng geschnitten, und wenn es spannt, handelt Herhold sofort. Drei Wochen lang isst er dann keine Kohlenhydrate und in der ersten überhaupt nur 500 Kalorien am Tag. An Tag eins, sagt Herhold, ist das schlimm, dann ist es okay, und das Wichtigste: Spritzen mit Insulin kommen im Leben des 45 Jahre alten Mannes aus Düsseldorf nicht vor.

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Herhold hat Diabetes mellitus Typ 2. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft zählt jedes Jahr rund 300.000 neue Diagnosen – und gerade knapp sechs Millionen Patienten. Anders als viele von ihnen nimmt Herhold keine Medikamente, spritzt kein Insulin und hat auch sonst nichts. Sein Herz ist gesund, sein Kreislauf funktioniert, die Nerven auch – soweit man weiß. Herholds Arzt sagt: „Bei diesem Patienten würde ich fast sagen, er ist vom Diabetes geheilt.“ Der Arzt sagt es dann doch nicht, und beschreibt es korrekt als das „Ausbleiben von Symptomen“. Für Herhold ist egal, wie sein Zustand heißt: Er lebt, als hätte er keinen Diabetes.

In kaum einem anderen europäischen Land wird so viel Insulin verschrieben wie in Deutschland. 415 Einheiten pro Einwohner waren es 2011 – mehr kamen nur in Finnland zusammen, in Frankreich dagegen gerade einmal halb so viele. Bei Patienten mit Diabetes Typ 1 gibt es dazu keine Alternative, denn deren Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin. Bei Typ 2, an dem mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden, ist das so eine Sache: Die Patienten stellen sogar mehr Insulin her, als sie brauchen. Ihr Körper ist dagegen aber unempfindlich – weil die Betroffenen in aller Regel zu viel wiegen, einen dauerhaft erhöhten Blutzucker haben und sich zu wenig bewegen. Künstliches Insulin löst das Blutzucker-Problem. Die Patienten nehmen aber häufig noch stärker zu, leben mit dem Risiko einer Unterzuckerung, und ob das Hormon eher für oder gegen Herzinfarkte und Schlaganfälle arbeitet, ist unklar.

Diabetes läuft also für die meisten Patienten so ab: Erst bekommen sie eine Tablette, dann mehrere, irgendwann ist es Insulin. Dabei ist spätestens seit 2011 bewiesen, dass es auch anders geht. Roy Taylor von der Newcastle University setzte seinerzeit elf Diabetes-Patienten auf eine radikale Diät: Acht Wochen lang durften sie nur 600 Kalorien am Tag zu sich nehmen. Alle elf verloren ihren Diabetes, das heißt: Sie mussten keine Medikamente mehr nehmen, auch drei Monate danach nicht. Die kleine medizinische Sensation war: Die Bauchspeicheldrüse der Probanden hatte wieder „gelernt“, brauchbares Insulin zu produzieren.

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Schwächen im Gesundheitssystem

Taylor hat diesen Effekt später noch in weiteren Studien mit mehr Patienten gezeigt, zuletzt vor einigen Monaten. Dennoch hat sich der Therapieansatz nie durchgesetzt, jedenfalls nicht in Deutschland. Warum das so ist, das erzählt viel über die strukturellen Schwächen im Gesundheitssystem – und noch mehr über seine Trägheit.

Einer, der die Geschichte auswendig kennt, ist Stephan Martin. Er ist der Arzt von Hemdenträger Martin Herhold und leitet das Westdeutsche Diabetes- und Gesundheitszentrum in Düsseldorf. Seit Jahren verbreitet der Mediziner Roy Taylors Botschaft, die auch seine eigene ist: „Wir können den Diabetes auch ohne Medikamente komplett normalisieren.“ Im insulineuphorischen Deutschland kam das lange nicht gut an. „Ich bin dafür geprügelt worden“, sagt Martin dazu. Aber gerade läuft es gut für ihn. Er hat in einer eigenen Studie nachgewiesen, wie gut Taylors Idee sogar bei langjährigen Insulinpatienten funktioniert. Er hat eine Therapie entwickelt, bei der von Herbst an die erste Krankenkasse testet, ob sie sie bezahlt. Und sogar der medizinische Zeitgeist ist inzwischen auf seiner Seite. Einigermaßen jedenfalls.

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Pulvernahrung

Denn wenn es nach dem Zeitgeist gegangen wäre, hätte man nicht versucht, einen wie Herhold von seinen Medikamenten runterzuholen – es hätte als aussichtslos gegolten. 2011 wusste Herhold seit sechs Jahren von seinem Diabetes. Seine Werte hatten sich stetig verschlechtert, er nahm zur Kontrolle der Krankheit zwei Medikamente und außerdem ein Mittel gegen Bluthochdruck. Er wog 140 Kilogramm und stand kurz davor, Insulin zu bekommen.

Zur Therapie von Stephan Martin gehört eine Formula-Diät, bei der auch ein bisschen Rohkost erlaubt ist, wie auf dem Foto oben angedeutet.
Zur Therapie von Stephan Martin gehört eine Formula-Diät, bei der auch ein bisschen Rohkost erlaubt ist, wie auf dem Foto oben angedeutet. Bild: Frank Röth

Da ließ Herhold sich als einer von rund 200 Patienten von Martin für dessen Studie behandeln. Im Durchschnitt hatten die Probanden elf Jahre lang Diabetes. Eine Woche lang durften sie nur Pulvernahrung zu sich nehmen – 1200 Kalorien am Tag, kaum Kohlenhydrate, viele Fette und Eiweiße. „Schmeckt wie Esspapier“, sagt Herhold, und besonders begeistert war er damals nicht – aber von seinen schlagartig sinkenden Blutzuckerwerten schnell überzeugt.

Nach der Pulverwoche gab es für Herhold und die anderen zunächst mittags wieder normales Essen, ab Woche fünf war dann nur noch eine Mahlzeit aus Pulver – mit dem Ziel, dass die Probanden langfristig gesünder und weniger Kohlenhydrate essen. Zusätzlich zur Diät bekamen die Patienten ein Blutzuckermessgerät, eine Waage und einen Schrittzähler. Was die Geräte ausspuckten, wurde an eine Datenbank übermittelt – und regelmäßig rief jemand an und motivierte die Patienten je nach Bedarf, sich erstens an die Diät zu halten und zweitens mehr Sport zu treiben.

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Diät und Sport

Viele spornte das an: Schon nach einer Woche konnten die meisten ihr Insulin absetzen. Martin Herhold wog nach einem Jahr 15 Kilogramm weniger, inzwischen hat er mehr als 40 Kilogramm abgenommen. Medikamente nimmt er seit zwei Jahren keine mehr. „Ein bisschen Diät und Sport ist viel besser als drei, vier Tabletten am Tag zu nehmen und dabei trotzdem immer auf die Werte zu schielen“, sagt Herhold, der Handwerker war und inzwischen einen Bürojob macht.

Ein bisschen Diät und Sport – es ist nicht gerade ein Geheimnis, dass beides bei Diabetikern hilft. Während Stephan Martin also elektrisiert von seinen Erfolgen berichtet, im Mai vor 6000 Medizinern auf dem Deutschen Diabetes-Kongress und kurz darauf in den Vereinigten Staaten, sind seine Kollegen gelassen. „Ich würde das nicht als neu und bahnbrechend bezeichnen“, sagt Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft, wenn er nach der Therapie von Martin gefragt wird. Es gebe mehrere solcher Ansätze, auch einige, die durch Telemedizin und Gesundheitstracker unterstützt werden.

Herangehensweise ändert sich nur langsam

Wie kann das sein, dass Martins Ansatz an sich bekannt ist – aber dennoch so viel Insulin in Deutschland verschrieben wird? Den Befund zumindest bestätigt auch Gallwitz: Insulin wird hierzulande „relativ schnell und früh verschrieben“, sagt er und zählt dafür zwei Gründe auf: Das Hormon läuft außerhalb des Arzneimittelbudgets der Ärzte (wer es verschreibt, gefährdet also keine Budgetüberschreitung), und die Behandlungsleitlinien, die lange Jahre galten, legten eine schnelle Insulintherapie nahe.

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Zumindest die Herangehensweise an den Diabetes ändert sich aber gerade, sagt Gallwitz, und er ist nicht der einzige Diabetologe in Deutschland, der das so sieht. Dafür, dass tatsächlich etwas in Bewegung ist, steht die neue Leitlinie zur Behandlung von Diabetes Typ 2, die seit Ende 2014 gilt. Darin heißt es, dass Ärzte es bei Neuerkrankten immer erst mit einer Ernährungs- und Bewegungstherapie versuchen sollen. Erst wenn sich die Blutzuckerwerte nach drei bis sechs Monaten nicht bessern, kommen Medikamente ins Spiel. Weitere drei bis sechs Monate später dann Insulin.

Insulintherapie hinauszögern

Stephan Martin, der den Ehrgeiz hat, Patienten mit elf Jahren Diabetes vom Insulin herunterzuholen, lacht am Telefon, wenn das Gespräch auf die neue Leitlinie kommt. Für ihn sind die sechs Monate, nach denen ein Patient demnach frühestens Insulin bekommen kann, viel zu kurz. Überhaupt redet er, anders als sein Kollege Gallwitz, nicht davon, die Insulintherapie hinauszuzögern, mit Diät und Sport. Ihm geht es darum, sie bei Diabetes-Typ-2-Patienten zu ersetzen, die Erkrankung quasi auszuschalten. Das Problem dabei, und Martin redet offen darüber: Das ist für alle Beteiligten anstrengender. Für die Ärzte, die viel Zeit brauchen, um über Ernährung und Bewegung aufzuklären, anstatt nur Medikamente zu verschreiben. Und für die Patienten, die bereit sein müssen, ihre Gewohnheiten zu ändern. Martin sagt, das gelinge bei einem Drittel von ihnen leicht, um ein weiteres Drittel müsse er kämpfen.

Prof. Dr. Stephan Martin hat mit einer Kollegin das Buch „Das neue Diabetes-Programm“ geschrieben; es erscheint im August im Trias-Verlag, 176 S., 14,99 Euro.
Prof. Dr. Stephan Martin hat mit einer Kollegin das Buch „Das neue Diabetes-Programm“ geschrieben; es erscheint im August im Trias-Verlag, 176 S., 14,99 Euro. Bild: Privat

Monika Hauchler ist nicht nur für den guten Willen ein schönes Beispiel. Sie steht auch für eine Generation Patienten, die in einer Zeit an Diabetes erkrankte, in der die Insulintherapie in Deutschland unumstrittener Standard war. Als sie 2014 in Martins Sprechstunde kam, hatte sie, so sagt sie das, noch nie von etwas gehört, das die Ärzte „Lebensstiländerung“ nennen und das weniger Essen und mehr Bewegung bedeutet. 1997 wurde bei Hauchler Diabetes Typ 2 diagnostiziert. Bevor sie die Therapie bei Martin begann, hatte sie sechs Jahre lang Insulin bekommen. Inzwischen hat die 57 Jahre alte Frau zwölf Kilogramm abgenommen und braucht kein zusätzliches Hormon mehr – bei stabilen Werten und einem allgemein besseren Lebensgefühl. „Alles, was ich tun muss, ist abends keine Kohlenhydrate zu essen und zweimal die Woche zum Sport zu gehen“, sagt Hauchler und findet, dass das ein guter Tausch ist: bewusste Ernährung und Bewegung gegen tägliche Spritzen und den Stress mit den pünktlichen Mahlzeiten.

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„Diabetes ist eine natürlich fortschreitende Krankheit“

Es gibt Mediziner, die dem Insulin aufgeschlossener gegenüberstehen als der Düsseldorfer Martin. Matthias Weber von der Uniklinik in Mainz ist so einer. Auch er nennt die Insulintherapie eine „deutsche Tradition“, und auch er findet, dass nicht jeder Arzt bei einem Diabetes-Patienten sofort den Rezeptblock zücken sollte. „Aber Diabetes ist eine natürlich fortschreitende Krankheit“, sagt er und warnt davor, so zu tun, als seien alle Insulinpatienten selbst schuld an ihrer Lage, weil sie nicht brav genug abgenommen haben. „Viele Patienten haben keine andere Therapieoption mehr“, sagt Weber, der auch Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ist. Auch er sieht einen Trend, dass die Mediziner versuchen, die Insulintherapie nach hinten zu schieben – also länger auf Lebensstiländerung und von dem Hormon unabhängige Medikamente zu setzen. „Die Frage ist aber: Schaffen die Patienten das?“

Stephan Martin weiß selbst, dass sein Ansatz Grenzen hat, er kann eine Geschichte dazu erzählen. Sie handelt von einem Patienten – mittleres Alter, Managertyp. „Dem habe ich das alles erklärt, mit der Diät und so weiter“, sagt Martin. Der Patient habe den Arzt erst geduldig ausreden lassen, und dann gepoltert: Wie Martin auf die Idee komme, er würde jetzt Sport machen und eine Diät, wenn er es auch weiter so einfach haben könne mit dem Insulin. Martin sieht das gelassen: „Der gehört zu dem einen Drittel aller Patienten, die wir nie erreichen werden.“

Quelle: F.A.S.
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