Die Deutschen kommen

Die Deutschen kommen

04.02.2005
, 16:33
Schweizer Zahnärzte haben "Zahnweh". Es schmerzt, was sich derzeit in Zürich und Umgebung tut: eine regelrechte Zahnarztschwemme. Wie war es doch so schön: Jahrzehntelang war der Zugang zu Zahnarztpraxen in der Eidgenossenschaft streng reguliert.
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Schweizer Zahnärzte haben "Zahnweh". Es schmerzt, was sich derzeit in Zürich und Umgebung tut: eine regelrechte Zahnarztschwemme. Wie war es doch so schön: Jahrzehntelang war der Zugang zu Zahnarztpraxen in der Eidgenossenschaft streng reguliert. Die niedergelassenen Zahnärzte hatten ein Monopol. Behörden und Ärzteverbände sorgten für "Knappheitspreise". Nun ist alles anders geworden. Nach den in Kraft getretenen "bilateralen Verträgen" mit der EU darf sich nun bei gleichwertigen beruflichen Voraussetzungen die Auslandskonkurrenz in der Schweiz niederlassen.

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Welche EU-Zahnärzte aber sind in die Schweiz gekommen? Die meisten aus Deutschland. Bisher hatten die Schweizer nur hart jenseits der Grenze deutsche Konkurrenz. Die dortigen Kollegen waren bekannt für gute Arbeit bei niedrigen Honoraren. Scherzhaft nannte man sie die "Aldi-Zahnärzte". Nun kommen sie den Schweizern hautnah. Die Wartezimmer der Schweizer Zahnärzte sollen schon halb leer stehen.

Am schweizerischen Arbeitsmarkt ist seit Jahrzehnten fast jeder fünfte Arbeitnehmer ein Ausländer. Dabei ist die Zahl der deutschen Zuzügler besonders stark im Steigen begriffen. Gegenwärtig wird besonders Dienstleistungspersonal gesucht, darunter vorrangig Pflegepersonal in Krankenhäusern. In manchen Kliniken - so scherzen die Schweizer - werde heute schon mehr sächsisch als schwyzerdütsch gesprochen. Neuerdings ist auch Büropersonal aus Deutschland gesucht. Verschiedentlich haben deutsche Sekretärinnen sogar schon reiche Schweizer Jungunternehmer "geangelt". Das machen die Illustrierten groß auf. Junge Rechtsanwälte aus Deutschland werden gebraucht, um deutsche Klienten in Steuerfragen in den Schweizer Anwaltskanzleien zu betreuen.

Am eidgenössischen Arbeitsmarkt gibt es aber auch Anzeichen für gegenläufige Wanderbewegungen. So nimmt die Zahl der italienischen Arbeitskräfte in der Südschweiz ab. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten suchten die Italiener in der Schweiz Arbeit und Brot, anfänglich für geringes Salär. Heute klagen die Schweizer, daß die - wie man früher abschätzig sagte - "Tschinggelis" aus dem "Heidiland" ins "Berlusconiland" zurückgingen. In der Wohlstandsregion Lombardei wird heute gut verdient. In Lugano sieht man an den Wochenenden Italiener in den exklusiven Modegeschäften und als Spieler in den Casinos. Davon träumen die meisten deutschen Zuzügler vorläufig noch. Über Vermittler werden qualifizierte jüngere Bundesbürger nun auch für die Südschweiz angeworben. In Schnellkursen lernen sie Italienisch, und die meisten Unternehmer sind mit dem Personalwechsel nicht unzufrieden.

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Auf dem Weg in die Schweiz sind aber nicht nur Arbeitssuchende. In Scharen klopfen jetzt auch Bundesbürger bei den Banken an, die sich um ihr zu Hause verdientes Geld Sorgen machen. Als Sparer kommen sie über die Grenze und richten sich vorsorglich ein Franken-Konto ein. Zu den "Reiselustigen" gehören neben gut verdienenden Mittelständlern auch Pensionäre, welche die Währungsreform in Deutschland 1948 noch nicht vergessen haben. Sie hat die Tatsache aufgescheucht, daß in Deutschland vom 1. April an per Gesetz die letzten Reste des Bankgeheimnisses liquidiert werden sollen. Die "totale Erfassung" aller Bankkonten durch den Staat treibt die Sparer in die Schweiz. Sie möchten sich wenigstens noch einen Rest individueller Geldfreiheit bewahren. Es sieht deshalb so aus, als würde es nun auch noch eine Wanderbewegung des Kapitals geben. Manche deutsche Kreditinstitute - besonders in Süddeutschland - sollen Kapitalabzüge bereits zu spüren bekommen haben. Der Versuchsballon des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac in Davos, daß künftig alle grenzüberschreitenden Geld- und Kapitalbewegungen aus der EU mit Steuern bestraft werden sollten, hat nicht gerade zur Beruhigung der Gemüter beigetragen.

Ihr Heinz Brestel

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2005, Nr. 30 / Seite 24
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