Engländer

I hear what you say, aber ich versteh dich nicht

Von Jochen Buchsteiner, London
26.09.2013
, 20:28
Engländer sind nicht immer ganz einfach zu verstehen. Wenn sie etwas „nice“ finden, ist es ziemlich belanglos. Wer soll sich da zurechtfinden?

Alle Welt spricht heute Englisch – aber wer versteht eigentlich die Engländer? Fast jeder, der im Königreich zu tun hat, hört Sätze, deren Wörter er kennt, aber deren Bedeutung er missversteht. Der Engländer sagt „I would suggest a walk“, und der Ausländer glaubt, er hätte es mit einem unverbindlichen Vorschlag (suggestion) zu tun, der auch noch durch einen Konjunktiv (would) abgeschwächt ist. Doch in Wahrheit ist gemeint: „Wir machen jetzt einen Spaziergang, und du brauchst verdammt gute Gründe, wenn du dagegen bist.“

Englisch ist eine wunderbare Art der Verständigung unter denen, die es als Zweitsprache verwenden. Doch sobald ein Engländer ins Spiel kommt, türmen sich Fehlschlüsse und Irrtümer. Auf entsprechend große Resonanz stößt daher eine „Übersetzungstabelle“, die seit einiger Zeit im Internet zirkuliert. Sie greift gängige englische Redewendungen auf und erklärt, wie sie von Ausländern aufgefasst werden – und wie sie von Briten gemeint sind. Zum Vorschein kommt eine Sprache, die eigene Gesetze und Befindlichkeiten widerspiegelt und oft nur mit der Logik der Verstärkung und der Paradoxie zu begreifen ist.

Wenn der Brite „I almost agree“ sagt, gewinnt sein ausländischer Gesprächspartner den Eindruck, als trennten beide nur Millimeter von einer gemeinsamen Position. Die wahre Übersetzung lautet aber: „Ich bin komplett anderer Meinung.“ Dissens drückt sich auch in der hinhaltenden Affirmation „I hear what you say“ aus. Die Tabelle übersetzt den Satz mit: „Ich sehe das anders und möchte das Thema wechseln.“ Maximale Ablehnung verpacken die Briten in die freundliche Frage: „Could we consider some other options?“ – „Könnten wir auch über ein paar andere Möglichkeiten nachdenken?“

Die Briten verzichten auf das Rechthaben

Jeder, der mit Briten zu tun hat, ist gut beraten, ihre sprachlichen Codes zu verstehen. Formuliert der Ausländer eine gewagte These und hört daraufhin ein „very interesting“, sollte er sich nicht darüber freuen, dass sein Gesprächspartner das Argument „sehr interessant“ findet. Die korrekte Übersetzung lautet vielmehr: „Das ist eindeutig Unfug.“ Sprachliche Vorbereitung empfiehlt sich insbesondere für jene, die ins Arbeitsleben eintauchen. Wer mit Eigeninitiative glänzen will und von seinem Chef „This is a very brave proposal!“ zu hören bekommt, darf sich nicht geschmeichelt fühlen. Der Chef hat keineswegs die kühne Gedankenführung seines Untergebenen gewürdigt, sondern auf respektvolle Weise gesagt: „Sie haben eine Meise!“

Wagt sich der ausländische Mitarbeiter mit seinem nächsten, leicht verbesserten Papier hervor und hört nach der Lektüre die Worte: „I only have a few minor comments“ („Ich habe nur ein paar kleine Anmerkungen“), dann sind dem Chef mehr als zwei, drei Tippfehler aufgefallen. Entschlüsselt bedeutet der Satz: „Das müssen Sie komplett neu schreiben.“ Der Zusammengestutzte sollte sich übrigens nie beim „Chef“ beklagen (diesen Titel tragen in England nur Köche), sondern, wenn überhaupt, bei seinem „Boss“.

Jeder, der schon einmal auf der Insel zu Besuch war, kennt die Neigung der Briten, sich für alles zu entschuldigen – selbst wenn sie gar nicht schuld sind. Das heißt mitnichten, dass den Briten der Sinn dafür fehlt, wer sich bei einem Zusammenprall auf dem Bürgersteig korrekt und wer sich fehlerhaft verhalten hat. Sie verzichten aber, anders als die Deutschen, auf das Rechthaben, sofern sie dadurch dem anderen – und auch sich selbst – einen peinlichen Moment ersparen. Dieses höchst zivilisatorische Benehmen spiegelt sich in der Redewendung „I am sure it is my fault“ wider, die in der kultursensiblen Übersetzung das glatte Gegenteil bedeutet: „Das ist nun wirklich Ihr Fehler!“

Der Verfasser der Tabelle ist unbekannt

Die Anthropologin Kate Fox, die vor einigen Jahren in „Watching the English“ ihr Wissenschafts-Instrumentarium am eigenen Volk ausprobiert hat, erklärt die Eigenarten der englischen Konversation mit einer „sozialen Gehemmtheit“. Diese gelte es mit Hilfe moderierender Sprachfiguren zu überwinden, die jegliche Verletzung vermeiden. Jede Form des Missfallens wird daher über Bande gespielt. Missfällt ein Film oder ein Konzert, fällt in der Regel ein „quite good“ – was mitnichten „ziemlich gut“ bedeutet, sondern „ein bisschen enttäuschend“. Missfällt gar der Gesprächspartner selbst, bekunden ihm die Briten die scheinbar höchste Anerkennung: „With the greatest respect...“ Gemeint ist, laut Übersetzungstabelle: „In meinen Augen sind Sie ein Idiot.“

Die Tabelle, deren Verfasser unbekannt ist, erhält Zuspruch aus aller Welt. Der „Daily Telegraph“, der die Tabelle vor kurzem seinen Lesern vorstellte, vermutet, dass sie von einem niederländischen Unternehmen stammt, das seinen Angestellten die sprachliche Orientierung im Vereinigten Königreich erleichtern wollte. Offenbar erwartete das Unternehmen nicht, dass seine Gastarbeiter in den Genuss einer traditionellen englischen Landpartie kommen würden. Denn in der Übersetzungstabelle fehlt ein wichtiger Hinweis für jene, die über das Wochenende in ein Landhaus eingeladen werden. Fordert sie der englische Gastgeber am Samstag freundlich auf: „You must stay for lunch tomorrow!“, dann meint er etwas anderes: „Nach dem Mittagessen packen Sie bitte Ihre Koffer, denn zum Abendessen wollen wir wieder alleine sein.“

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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