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Entgleist

Mehrere Tote bei Zugunglück in Frankreich

Von Michaela Wiegel, Paris
 - 18:28
© AFP, reuters

Bei einem schweren Zugunglück in der Nähe von Paris sind am Freitag mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen. Zwölf Reisende des entgleisten Regionalzuges wurden schwerverletzt an der Unfallstelle im Bahnhof von Brétigny-sur-Orge etwa 40 Kilometer südlich von Paris geborgen. Das teilte der französische Innenminister Manuel Valls mit. Es handele sich dabei um einen vorläufige Bilanz. Zunächst war von sieben Toten berichtet worden.

Der Zug war am späten Nachmittag vom Pariser Bahnhof Austerlitz Richtung Limoges abgefahren und war laut Generaldirektor der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF, Guillaume Pépy, mit 370 Reisenden besetzt. Ein Halt im Bahnhof von Brétigny war nicht vorgesehen. Pépy sprach sichtlich bewegt von „einer Katastrophe“.

Verkehr zum Pariser Bahnhof Austerlitz vorübergehend eingestellt

Über die möglichen Unfallursachen wollte der Bahnchef nicht spekulieren. „Jetzt werden alle Kräfte zur Rettung der Überlebenden gebraucht“, sagte Pépy. Die Präfektur des Départements Essonne löste den „Alarmplan Rot“ für Unglücke mit zahlreichen Opfern aus. Der Bahnverkehr vom und zum Bahnhof Austerlitz in Paris wurde vorübergehend eingestellt.

Laut ersten Zeugenberichten fuhr der aus Paris kommende Zug mit normaler Geschwindigkeit im Bahnhof von Brétigny-sur-Orge ein. Während die Lokomotive mit den ersten zwei Waggons den Bahnhof normal passierte, wurden der dritte und vierte Waggon von den Gleisen gerissen.
Ein Augenzeuge schilderte einen „ohrenbetäubenden Krach“, dann seien die Zugwaggons „herumgeschleudert“ worden. Ein anderer Augenzeuge sagte, der Zug sei „in zwei Teile gerissen“ worden.

Der sozialistische Abgeordnete aus Esson, Michel Pouzon, sagte, die Wucht der Entgleisung sei so stark gewesen, dass die Waggons davon „zerstückelt“ worden seien. Pouzon stand zum Unglückszeitpunkt am Bahngleis, weil er seinen Sohn abholen wollte. „Es war eine entsetzliche Szene“, sagte der Abgeordnete. Die dahinterliegenden Waggons kamen laut Angaben des Bahnchefs Pépy leicht seitlich geneigt auf den Bahngleisen zum Stillstand.
Der Bürgermeister von Brétigny-sur-Orge, Bernard Decaux, sprach von einem „apokalyptischen Anblick“. Der Verantwortliche für den Nahverkehr im Großraum Paris, Pierre Serne, sagte, im Bereich von Brétigny-sur-Orge hätten vor kurzem Signalarbeiten für den Regionalverkehr stattgefunden. Die Infrastruktur der Strecke sei veraltet und dringend überholungsbedürftig. Er hoffe, dass die Unfallursache nicht in einem Zusammenhang mit den Signalbauarbeiten stehe, so Serne.

Die Bahngewerkschaften halten der Unternehmensführung regelmäßig vor, das Hochgeschwindigkeitszugnetz (TGV) zu privilegieren und notwendige Investitionen in das Regionalstreckennetz herauszuzögern. Die Strecke von Paris nach Limoges ist dabei besonders symbolträchtig, weil sie zur Wahlheimat von Präsident Hollande in die Corrèze führt. Der Vorsitzende der Vereinigung „Notfall Paris - Orléans - Limoges -Toulouse“, Jean-Claude Sabier, sagte, seit vier Jahren setze sich seine Vereinigung vergeblich für eine Modernisierung der Strecke ein. Es sei seit langem bekannt, dass sowohl die Züge als auch das Streckennetz auf der Verbindung nicht mehr den neuesten Standards entspreche.

Zugunglücke in Frankreich

2011: Ein Lastwagen stößt an einem beschrankten Bahnübergang nördlich von Rennes mit einem Regionalzug zusammen - zwei Menschen sterben und 45 werden verletzt. Am gleichen Bahnübergang hatte es schon Ende 2007 eine ähnliche Kollision eines Lastwagens mit einem Regionalzug gegeben. Damals waren etwa 40 Menschen verletzt worden.

2009: Eine Pariser S-Bahn erfasst eine Gruppe Fußballfans, die an den Gleisen herumirren. Ein Erwachsener und ein zehnjähriges Kind kommen ums Leben, elf Menschen werden verletzt.

2008: Bei einem Zusammenstoß eines Regionalzuges mit einem Schulbus auf einem beschrankten Bahnübergang kommen in den französischen Alpen sieben Kinder ums Leben gekommen. 25 Menschen werden verletzt.

2006: Ein Regionalexpress aus Luxemburg stößt in Lothringen an einer nur eingleisig zu befahrenden Baustelle mit einem Güterzug zusammen. Sechs Menschen sterben, darunter die beiden Lokführer und ein Gleisarbeiter.

2003: Beim Zusammenprall zweier Expresszüge sterben in einem Tunnel bei Tende in den französischen Südalpen zwei Menschen. Der Tunnel, der Nizza mit dem italienischen Cuneo verbindet, liegt knapp vor der italienischen Grenze.

2002: Bei einem Brand in einem Schlafwagen eines Nachtzugs auf der Strecke zwischen Paris und München sterben in Nancy zwölf Menschen. Ein deutscher Zugbegleiter wird nach Jahren zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt, das ein Berufungsgericht 2012 um ein weiteres Jahr erhöht. Er hatte auf einer eingeschalteten Herdplatte eine Tasche abgestellt - woraufhin ein Feuer ausgebrochen war. Der Schaffner alarmierte nicht sofort die Fahrgäste und betätigte auch nicht die Notöffnung der Kabinen. Die Schlafwagen waren verriegelt. (dpa)

Quelle: FAZ.NET
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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