Deutschland und der ESC

Warum sind Länder wie Italien und Schweden so erfolgreich?

Von Peter-Philipp Schmitt, Turin
15.05.2022
, 11:53
Kein gutes Lied für den ESC: Bei Malik Harris „Rockstars“ sprang kein Funke über.
Wieder ist der deutsche Beitrag beim Eurovision Song Contest auf dem letzten Platz gelandet. Schuld waren nicht der Künstler und sein Lied, sondern die Verantwortlichen, die ihn nach Turin geschickt haben. Eine Analyse.
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Die Jury-Punkte und damit die Hälfte aller Punkte waren am frühen Sonntagmorgen schon vergeben, als die Kamera das Sofa der deutschen Delegation im Green Room einfing. Malik Harris war nicht etwa bedröppelt, er lachte, hatte ein Glas in der Hand und machte, als er die Kamera bemerkte, ein Victory-Zeichen. Noch gab es Hoffnung.

Zwar hatten er und sein „Rockstars“ von den Jurys aus den 40 am diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) teilnehmenden Ländern als Einzige null Punkte bekommen. Aber jetzt folgten ja noch die Zuschauer-Punkte, und der Deutsche hätte durchaus weit nach vorne springen können – so wie Zdob și Zdub & Frații Advahov aus Moldau, die für ihre lustige Folk-Rock-Punk-Nummer „Trenulețul“ von den Jurys nur 14 Punkte, wenig später von den Zuschauern aber 239 Punkte bekamen und am Ende auf dem siebten Platz landeten.

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Gute Miene zum nicht unbedingt bösen Spiel

Für Malik Harris gab es ein böses Erwachen: nur sechs Punkte von den Zuschauern. Das muss einen Künstler, der vor allem bei Live-Auftritten sein Publikum begeistern will, ernüchtern. Er machte aber weiter gute Miene zum nicht unbedingt bösen Spiel. Dass einige Länder mit sehr wenigen und einige mit besonders vielen Punkten beim ESC dastehen, hat auch mit dem Bewertungssystem zu tun. Sowohl die Jury-, als auch die Zuschauerwertungen werden in Punkte umgerechnet. Es läuft folgendermaßen: Jedes Jurymitglied, jeweils fünf bilden eine Jury, muss die Beiträge, über die es abstimmen darf, in eine Reihenfolge bringen. Vom seiner Meinung nach Besten bis zum Schlechtesten. Hieraus wird eine Gesamtreihenfolge (Platz eins bis 25) ermittelt. Aus dieser wird dann gemeinsam mit der Gesamtreihenfolge des Zuschauer-Votings die nationale Punktewertung ermittelt.

Jedes Land kann einem Teilnehmer also bis zu 24 Punkte geben – zwölf durch die Jury, zwölf durch die Zuschauer. Vergeben werden können aber jeweils nur zehnmal Punkte, also eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, zehn und zwölf. Ein Land, das auf den elften Platz kommt, was ja nicht wirklich schlecht ist, bekommt null Punkte. Wenn also Malik Harris 80 Mal auf den elften Platz gekommen sein sollte, hat er am Ende doch nur null Punkte. Da meist einige wenige Länder – in diesem Jahr bei der Jury-Wertung vor allem das Vereinigte Königreich, Schweden, Spanien, die Ukraine, Portugal, Griechenland und Italien – von allen besonders viele Punkte bekommen haben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, das der Rest der Finalisten mit sehr wenigen Punkten am Ende dasteht.

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Niemand will Deutschland wegen irgendetwas abstrafen

Die deutsche Jury – Michelle, Max Giesinger, Tokunbo, Jess Schöne und Christian Brostoch – vergab ihre zwölf Punkte an das Vereinigte Königreich, gefolgt von Ukraine, Spanien, Schweden, Aserbaidschan, Australien, Niederlande, Norwegen, Schweiz und Rumänien, die deutschen Fernsehzuschauer sahen die Ukraine ganz vorne, gefolgt von Moldau, Polen, Serbien, Vereinigtes Königreich, Schweden, Niederlande, Italien, Spanien und Norwegen. Hier erkennt man schon sehr gut, dass bei beiden dieselben sechs Länder von Punkten profitierten.

Doch an der Punktevergabe liegt es natürlich nicht allein, dass der deutsche Beitrag seit 2015 nun dreimal Letzter und zweimal Vorletzter wurde, dazwischen ragt der vierte Platz von Michael Schulte („You Let Me Walk Alone“) im Jahr 2018 heraus. Auch das Gerede, die anderen Länder würden Deutschland halt nicht mögen oder wegen irgendetwas abstrafen, ist völliger Quatsch. Sicher gibt es Befindlichkeiten, so wie der Krieg gegen die Ukraine den diesjährigen Gewinnern Kalush Orchestra Aufwind bescherte. Aber das gleich 40 Länder von Island bis Australien sich gegen uns verbündeten, ist dann doch sehr weit hergeholt.

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Will man den ESC überhaupt gewinnen?

Das Übel beginnt schon mit der Auswahl der Beiträge. „Rockstars“ war eine Herzensangelegenheit von Malik Harris, ein eingängiges Lied, das sogar im Radio gespielt wird. Allerdings war es kein gutes Lied für einen ESC. Da sprang kein Funke über, da war zu viel Aussage, zu viel Gewolltes, zu wenig Unterhaltsames. Und es dann auch noch so unverständlich auf der Bühne umzusetzen, wurde dem Künstler womöglich gerecht. Aber der Zuschauer sah nur ein paar alte Teppiche und Instrumente und einen sehr jungen Mann, der ein Lied sang, in dem er sich offenbar als alternder Rockstar sieht. Das konnte nicht gutgehen. Wer das Konzept verstehen wollte, musste erst bei Malik Harris und dem Mann, der ihn auf der Bühne inszenierte, Marvin Dietmann, nachfragen. Die beiden können am wenigsten dafür. Sie versuchten das Beste aus etwas zu machen, was nicht funktionieren konnte.

Was Italien besser macht? Der ESC-Kandidat wird bei einem der namhaftesten Liederwettbewerben der Welt gefunden, dem Sanremo-Festival.
Was Italien besser macht? Der ESC-Kandidat wird bei einem der namhaftesten Liederwettbewerben der Welt gefunden, dem Sanremo-Festival. Bild: dpa

Die Verantwortlichen sollten sich ernsthaft die Frage stellen, ob sie den ESC überhaupt gewinnen wollen. Es geht um einen Wettbewerb, der unvorhersehbar, aber doch händelbar ist. Wenn man denn will. Jahr für Jahr junge aufstrebende Talente in ihr Unglück rennen zu lassen, ist verantwortungslos. Dass es auch anders geht, beweisen Länder wie Italien und Schweden. Schweden kam seit 2010 nur zweimal nicht unter die Top Ten, siegte gleich zweimal. Italien, das nach einer langen ESC-Pause von 1998 bis 2010 erstmals wieder 2011 beim Song Contest antrat, landete ebenfalls nur zweimal jenseits der besten Zehn und siegte sensationell im vergangenen Jahr mit einer harten Rock-Ballade: „Zitti e buoni“, gesungen von der Gruppe Måneskin. Anders als Schweden ist Italien allerdings – ebenso wie Deutschland – jedes Jahr direkt fürs Finale qualifiziert.

Italien und Schweden setzen auf fest etablierte Vorauswahl

Was läuft falsch in Deutschland im Vergleich zu Ländern wie Italien oder Schweden? Viel, so viel steht fest. Und vor allem fängt es schon bei der Auswahl der Künstler an. Dabei spielt das Können nicht immer die größte Rolle. Denn singen kann beim ESC inzwischen die ganz große Mehrheit der antretenden Künstler. Doch Italien und Schweden setzen seit jeher auf eine fest etablierte Vorauswahl, die nicht nur im eigenen Land große Beachtung findet, sondern auch weit über die Landesgrenzen hinaus, was – seitdem eine Jury aus Experten der Musikindustrie zur Hälfte mit abstimmt – eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

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Im Süden wird der ESC-Kandidat bei einem der namhaftesten Liederwettbewerben der Welt gefunden, dem Sanremo-Festival: Das war schon 1956 bei der ersten Grand-Prix-Teilnahme Italiens so, und so ist es auch seit 2011 durchgängig wieder der Fall. Das Duo Mahmood & Blanco, das in diesem Jahr die 72. Ausgabe des Festivals della Canzone Italiana gewonnen hatte, und seinem Lied „Brividi“ war schon monatelang viel Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Die Ballade mit Klavier- und Streicherpassagen, die auf den sechsten Platz kam, wurde auf Spotify weit mehr als 80 Millionen Mal gestreamt, mehr als jeder andere Beitrag in diesem Jahr.

Kein schlüssiges Konzept in Deutschland

Im Norden findet ebenfalls fast seit Anbeginn (1959) eines der härtesten und auch längsten ESC-Auswahlverfahren statt, das Melodifestivalen. Nach einer Vielzahl von lokalen Vorentscheidungen werden alleine sechs Runden noch im Fernsehen gezeigt, 28 Beiträge traten alleine in diesem Jahr in den vier Halbfinals an. Der Vorentscheid ist für Schweden ein nationales Ereignis. Wer sich da durchkämpft, ist für den ESC bestens gewappnet. Die Schwedin Cornelia Jakobs kam in Turin mit ihrer wunderbaren Ballade „Hold Me Closer“ und einer ganz schlichten Inszenierung auf einen hervorragenden vierten Platz.

Die Schwedin Cornelia Jakobs landete mit ihrer Ballade „Hold Me Closer“ auf einen hervorragenden vierten Platz.
Die Schwedin Cornelia Jakobs landete mit ihrer Ballade „Hold Me Closer“ auf einen hervorragenden vierten Platz. Bild: EPA

Deutschland hingegen findet seit Jahren kein Konzept. Fast jedes Jahr werden die Auswahlkriterien geändert, was auch einer gewissen Verzweiflung geschuldet ist. Der für den ESC seit Jahrzehnten in Deutschland zuständige Sender, der Norddeutsche Rundfunk (NDR), hat bis heute kein schlüssiges Konzept gefunden, was zu Unverständnis und Unlust beim Publikum führt. Irgendwie dürfen die Zuschauer am Ende zwar meist auch mit abstimmen, aber wie genau die Kandidaten gefunden werden, erschließt sich selbst eingefleischten ESC-Fans nicht immer.

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944 ESC-Bewerbungen

Da gibt es zunächst eine interne Auswahl, Juroren aus der – auch internationalen – Musikindustrie hatten zuletzt ebenfalls immer irgendetwas zu sagen, und für dieses Jahr konnten sogar alle Radio-Popwellen der ARD mit eingebunden werden. Vor einem Jahr war das noch ganz anders: Unser Kandidat, der bis dahin völlig unbekannte Hamburger Sänger Jendrik (Sigwart), hatte sich mit Youtube-Videos um eine Teilnahme beworben und wurde mit seinem Lied „I Don’t Feel Hate“ im Februar 2021 der völlig überraschten Öffentlichkeit präsentiert. Trotz aller Bemühungen kam er selbst in Deutschland nicht an. Sein wohlmeinendes Lied und seine überbordene Inszenierung versagten kläglich auf der großen Bühne in Rotterdam. Er wurde mit drei Punkten Vorletzter.

In diesem Jahr also war wieder alles anders: Eine „ESC-Fachjury“ hatte schon ihr Urteil gefällt, ohne dass überhaupt ein Name eines Künstlers bekannt geworden wäre. Bekannt war bis zu der Präsentation der sechs Kandidaten immerhin, dass 944 Bewerbungen eingegangen waren – von ganz jungen und unbekannten, aber auch etablierten Künstlern –, und das die „ESC-Jury“ aus „Musikexpertinnen und -experten“ der Hörfunkprogramme der ARD sowie „aus Alexandra Wolfslast, Chefin der deutschen ESC-Delegation“ bestand. Danach gab es ein Online-Voting – „für die vorgestellten Acts auf den Webseiten der neun ARD-Popwellen“.

„Wir sind enttäuscht“

Ein gutes ESC-Lied muss übrigens nicht im Radio und nur in Deutschland „funktionieren“, sondern auf der Bühne beim größten Liederwettbewerb der Welt und in vielen Ländern. Das hat die Leiterin der deutschen ESC-Delegation, Alexandra Wolfslast, offenbar noch nicht verstanden. Am Sonntagmorgen ließ sie wissen, dass der Song in Deutschland im Radio und im Streaming sehr gut angekommen sei. „Wir sind enttäuscht, dass der Auftritt nicht besser bewertet wurde.“

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Heraus kam beim eigentlichen Vorentscheid ein Dutzend Künstler mit Liedern, die allesamt wohl in Turin untergegangen wären. Noch einmal: Es kommt nicht allein darauf an, was in Deutschland ankommt, es kommt auch darauf an, was in 40 ganz unterschiedlichen Ländern ankommen könnte. Danach muss man suchen und nicht hinterher sagen, Deutschland habe ja Malik Harris gewollt und nach Turin geschickt. Und wenn man jemanden schickt, muss man ihn auch kontinuierlich aufbauen und fördern, auf allen Kanälen.

Ein weiter so ist keine Option

Harris, 24 Jahre jung, wird am Montag schon wieder auf der Bühne stehen. Dann beginnt seine mehrfach wegen Corona verschobene Tour. Er dürfte gefestigt genug sein, um über das schlechte Abschneiden hinwegzukommen und nach vorne zu schauen. Am Morgen ließ er über den NDR mitteilen, dass er schon enttäuscht sei über das Ergebnis – aber trotzdem: „Ich habe so viele schöne Sachen erlebt, dass ich gleich morgen wieder mitmachen würde. Ich habe das gemacht, was mich erfüllt: Musik. Und ich bin wahnsinnig froh, dass die Ukraine gewonnen hat – das ist ein wichtiges Zeichen.“

Auch die Delegationsleiterin Alexandra Wolfslast bedankte sich „von ganzem Herzen“ bei Malik Harris für sein großartiges Engagement, er habe alles gegeben. „Und wir sind uns sicher, dass ihn trotz der Platzierung eine großartige Karriere erwartet. Dem Kalush Orchestra aus der Ukraine gratulieren wir zum verdienten Sieg. Für den ESC 2023 sind wir bereits in Planung, wie wir das Auswahlverfahren gestalten." Das klingt nach wieder alles anders. Aber ein weiter so kann und darf es auch nicht sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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