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ESC-Tagebuch aus Tel Aviv (3)

Man darf ruhig träumen

Von Peter-Philipp Schmitt, Tel Aviv
 - 04:51
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Den Anfang macht ein kleines pummeliges Mädchen. Wir schreiben das Jahr 1998, im Fernsehen gewinnt gerade Dana International mit „Diva“ den Eurovision Song Contest. Die Eltern auf der Couch jubeln im heimischen Wohnzimmer mit, die Tochter schaut versteckt hinter dem Klavier zu. Fortan schlüpft das Kind in Tutus und schmückt sich mit Federn in allen Regenbogenfarben. Offenbar will sie Balletttänzerin werden, wofür sie die anderen Kinder auslachen.

Schließlich greift sie eines Tages auf einer Bühne zu einem Mikrofon. Sie singt und gewinnt ihren ersten Preis. Plötzlich wird aus dem Mädchen die Erwachsene Netta, die vor einem Jahr in Lissabon mit „Toy“ eine noch größere Trophäe bekommen hat. „Ihr habt ihren Traum wahr werden lassen – sie hat unseren Traum wahr werden lassen“, heißt es am Ende des kurzen Films.

Und dann kommt Netta live auf die Bühne. Und sie singt wieder und legt einen bombastischen Auftritt hin. Mit jeder Menge Tänzerinnen und Tänzern, mit Gegacker, Augenrollen und einer Winkekatze aus LEDs, die fast schon zu ihrem Markenzeichen geworden ist. „Ich kann es nicht glauben, der Eurovision ist in Tel Aviv“, ruft sie anschließend den Tausenden Zuschauern in der Halle 2 des Messezentrums zu.

Damit ist der 64. ESC eröffnet, auch wenn es am Dienstagabend erst einmal nur um das erste Halbfinale ging. 17 Länder traten an, am Donnerstagabend werden es in der zweiten Qualifikationsrunde sogar 18 sein, die ins Finale wollen. Sechs sind sowieso gesetzt, darunter die „großen Fünf“ (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und das Vereinigte Königreich) sowie Gastgeber Israel. Zehn weitere Kandidaten erfuhren gut zwei Stunden nach Nettas Eröffnung von ihrem Glück, nachdem die Stimmen der Juroren und der Zuschauer aufgerechnet und bekanntgegeben worden waren.

Tamta aus Zypern durfte als Erste auf die Bühne – mit noch nassen Haaren. Ihr „Replay“ klingt dabei fast so wie das „Fuego“ von Eleni Foureira, die im vergangenen Jahr für Zypern angetreten war. Allerdings fehlt heuer das Feuer, von dem die Rothaarige in Lissabon nicht nur gesungen hatte. Dank ihrer feurigen Ausstrahlung kam sie am Ende sogar auf Platz zwei. Tamtas Auftritt dagegen ist fast brav, da helfen auch die hüfthohen Lacklederstiefel und die vier Zorros nicht, die um sie herum tanzen. Dennoch zog die 39 Jahre alte, gebürtige Georgierin ins Finale ein.

Da verzeiht man selbst die kitschige Kiss-Cam

Allerdings war im ersten Halbfinale auch keiner der vermeintlichen Top-Favoriten vertreten. Vor allem der Niederländer Duncan Laurence, der Schwede John Lundvik und der Russe Sergei Lasarew werden dazu gezählt. Die Australierin Kate Miller-Heidke ist aber sicher ebenfalls eine Titelaspirantin. Die Sängerin aus Brisbane hat als ausgebildete Sopranistin eine phantastische Stimme, zugleich bietet sie die schönste und vor allem überraschendste Inszenierung des gesamten ESC. Passend zu ihrem Song „Zero Gravity“ verlieren sie und ihre beiden Begleiterinnen fast jeden Halt, sie wehen geradezu im Wind, weil sie auf biegsamen Masten stehen. Das sieht spektakulär aus.

Finale am Samstag in Tel Aviv
Das Quiz zum Eurovision Song Contest 2019

Auch Island trumpft mit einer so noch nicht dagewesenen Vorstellung auf. Das Künstlerkollektiv Hatari präsentiert mit „Hatrið mun sigra“ eine Sado-Maso-Techno-Nummer der härteren Art. Im Lied geht es um Hass, auf der Bühne auch. Stacheln, Ketten und Folterinstrumente, dazu eine Gitterkugel, auf die ein Mann mit großem Hammer einschlägt. Die Truppe erinnert an Rammstein und musikalisch an die „Neue Deutsche Härte“. Das kann man mögen, und es wird auch gemocht, wie die Begeisterung im Publikum zeigt.

Die musikalische Bandbreite wird am Samstag groß sein: Sie reicht von sanftem Elektro-Pop („Sebi“) des Duos Zala Kralj & Gašper Šantl aus Slowenien über Indie-Pop im Stile der Siebziger vom tschechischen Trio Lake Malawi („Friend Of A Friend“) bis hin zur Achtziger-Jahre-Tanznummer „Say Na Na Na“ von Serhat aus San Marino. Die Serbin Nevena Božović („Kruna“) und die in Kanada geborene Griechin Katerine Duska („Better Love“) singen genauso Liebesballaden wie der für Estland an den Start gehende Schwede Victor Crone („Storm“).

Ausgeschieden am Dienstagabend ist der erst 18 Jahre alte Belgier Eliot Vassamillet, obwohl sein Lied „Wake Up“ von Pierre Dumoulin geschrieben wurde. Von ihm stammte auch das herrlich traurige „City Lights“, mit dem Blanche 2017 bis auf Platz vier gekommen war. Bei Eliot aber passte nun überhaupt nichts zusammen, das fing schon bei der viel zu großen Jacke mit Victory-Zeichen an und hörte auch nicht bei den tibetischen Trommeln auf der Bühne auf. Zudem war der Abiturient sichtlich nervös.

Anders die noch zwei Jahre jüngere Zena aus Weißrussland. Die Jüngste im ganzen Feld singt eine coole Latino-Pop-Nummer zu der zwei Tänzer die erstaunlichsten Salti schlagen. Ihr Lied heißt „Like It“ und ist als Aufforderung zu verstehen, denn die Sechzehnjährige ist auch in den sozialen Medien schon ein Star mit weit mehr als 100.000 Followern auf Instagram.

Das sind immerhin fünf Mal so viele wie Dana International hat. Auch sie durfte natürlich nicht fehlen. Die Israelin, die als erste Transsexuelle den ESC gewinnen konnte, sang das Lied von Bruno Mars „Just The Way You Are“. Auch das war als Botschaft zu verstehen, sich selbst zu lieben, wie man eben ist, und auch den anderen so zu akzeptieren, wie er eben ist. Selbst die kitschige, herzförmige Kiss-Cam verzeiht man ihr da, die bei fast jedem Kameraschwenk zwei knutschende Männer einfing. Man darf ruhig träumen, in diesem Jahr in Tel Aviv ganz besonders. Schließlich lautet das Motto: „Dare to Dream!“.

Ergebnisse

Diese zehn Kandidaten sind im Finale:

Griechenland: Katerine Duska („Better Love“)

Weißrussland: Zena („Like It“)

Serbien: Nevena Božović ( „Kruna”)

Zypern: Tamta („Replay”)

Estland: Victor Crone („Storm”)

Tschechische Republik: Lake Malawi („Friend Of A Friend”)

Australien: Kate Miller-Heidke („Zero Gravity“)

Island: Hatari („Hatrið mun sigra“)

San Marino: Serhat („Say Na Na Na”)

Slowenien: Zala Kralj & Gašper Šantl („Sebi”)


Diese Kandidaten sind ausgeschieden:

Montenegro: D mol („Heaven“)

Finnland: Darude („Look Away”)

Polen: Tulia („Fire Of Love – Pali się”)

Ungarn: Joci Pápai („Az én apám”)

Belgien: Eliot („Wake Up”)

Georgien: Oto Nemsadze („Keep On Going”)

Portugal: Conan Osíris („Telemóveis“)

Quelle: FAZ.NET
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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