ADAC testet Raststätten

Sauber, aber behindertenunfreundlich

21.06.2012
, 15:27
© reuters, Reuters
Kurz vor Beginn der Urlaubssaison hat der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) die Autobahnraststätten entlang der wichtigsten europäischen Reiserouten überprüft.
ANZEIGE

Behindertentoilette, Wickeltisch – auf dem Autohof Kappel-Grafenhausen an der Autobahn A 5 Basel-Karlsruhe ist alles da, hygienisch und auf modernstem Stand. Nur leider: Der Wickeltisch ist so installiert, dass ein Rollstuhlfahrer die Toilette nicht benutzen kann. Diesen Makel und andere Mängel brachte der ADAC-Raststättentest ans Licht. Während es bei der Hygiene gut aussieht, hapert es bei den Angeboten für Familien und Behinderte.

ANZEIGE

Der Autoclub nahm 65 Betriebe entlang wichtiger Reiserouten in 13 europäischen Ländern unter die Lupe, darunter zwölf in Deutschland. Keine Rastanlage schaffte eine glatte eins. Gut die Hälfte (33) bekam aber die Note „gut“, 27 Mal gab es „ausreichend“. Fünf Anlagen fielen mit „mangelhaft“ durch. Fast 35 000 Kilometer spulten die ADAC-Tester herunter, so viel wie noch nie seit dem ersten Test 1999. Doch es gibt auch Kritik an der Untersuchung. Mitten im Winter, zwischen dem 16. Januar und dem 8. Februar, waren sechs Gastronomen unterwegs, um anhand von gut 110 Einzelpunkten die Raststätten zu testen – ganz andere Bedingungen als im Sommer zu Hauptferienzeit.

„Wenn ich als Reisender in der Urlaubszeit diesen Test sehe, stimmt er einfach nicht“, sagt der Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Autohöfe VEDA, Herbert Quabach. „Im Januar ist nichts los, da sind die Parkplätze leer, da sind die Toiletten sauber, weil keiner hingeht.“ Schwierig sei auch ein direkter Vergleich zwischen Raststätten und den ursprünglich auf Lastwagenfahrer ausgerichteten Autohöfen. „An manchen Stellen werden Äpfel und Birnen miteinander verglichen.“ An einem auf Lkw-Fahrer orientierten Autohof werde nun mal relativ wenig gewickelt. Dennoch betont Quabach: „Die Ansätze des ADAC sind seriös.“

Längst nicht mehr nur Anlaufstellen für Lkw-Fahrer: der ADAC nahm Raststätten unter die Lupe.
Längst nicht mehr nur Anlaufstellen für Lkw-Fahrer: der ADAC nahm Raststätten unter die Lupe. Bild: dpa

Ähnlich sieht es die Autobahn Tank & Rast, die meist mit privaten Pächtern fast alle Autobahnraststätten in Deutschland betreibt. „Der ADAC-Raststättentest findet große Beachtung“, sagt Sprecher Andreas Rehm. „Natürlich kann es sich bei den vereinzelten Stichproben immer nur um Momentaufnahmen handeln. Wir gehen aber generell davon aus, dass die Methode des Tests so gewählt ist, dass sie aussagekräftige Ergebnisse liefert.“ ADAC-Testleiterin Simone Saalbach erläutert, der Test müsse früh im Jahr stattfinden, da er zur Reisezeit ausgewertet sein solle. „Man kann nie garantieren, dass auf einer Anlage gleich viel los ist. Aber es soll ja immer sauber und immer gut sein.“

ANZEIGE

Vor allem kritisiert der ADAC zu wenig Angebote für Familien und mangelnde Barrierefreiheit. Kurioses Beispiel: An drei von fünf getesteten Raststätten in den Niederlanden wurden nachträglich Bezahlschranken vor den Toiletten eingebaut – an die Rollstuhlfahrer dachte niemand. Wenn sie in die Anlage wollen, muss nun ein Teil der Schranke abgebaut werden. In einem anderen Fall war die Rampe zu einem Aufzug sehr steil und die Tür öffnete sich nach außen – ohne akrobatische Fähigkeiten für Rollstuhlfahrer kaum zu bewältigen.

Auch bei den Preisen gab es teils ein dickes Minus, vor allem in der ohnehin teuren Schweiz, aber auch in Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Bei der Sicherheit für Fußgänger und der Verkehrsgestaltung haperte es ebenfalls gelegentlich. Deutliche Fortschritte gibt es bei der Sauberkeit. „Die Hygienewerte werden immer besser“, sagt Saalmann. Früher seien oft hohe Keimzahlen gemessen worden, teils von gesundheitsgefährdenden Erregern. „Da haben wir dieses Jahr wirklich nur noch Einzelfälle.“ Und: „Die Gastronomie wird immer besser, und auch beim Service gab es nicht viel zu meckern.“

Die ADAC-Kritik wird ernst genommen. Die Autohöfe haben massiv aufgeholt und sind längst nicht mehr Anlaufstellen nur für Lkw-Fahrer, sondern auch für Familien. Teils wurden laut Quabach auf die ADAC-Kritik hin Picknicktische aufgestellt. Es gibt Spielplätze, Spielecken, Wickelräume und Behindertentoiletten.

ANZEIGE

Auf dem Autohof Kappel-Grafenhausen ist in Sachen blockierte Behindertentoilette ebenfalls schon Abhilfe in Arbeit. „Wir haben wegen der fehlenden WC-Zugängigkeit sofort heute Kontakt mit dem Ausstatter aufgenommen“, sagt Quabach. „Das ist wirklich eine perfekt ausgestaltete neue Station. Aber funktional muss es natürlich sein.“

Quelle: DPA, AP
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE