Präimplantationsdiagnostik

Die Babymacher aus Belgien

Von Lisa Nienhaus, Brüssel
16.11.2010
, 13:49
Im Wartesaal: Bis das Wunschkind da ist, kann es dauern
Eine Klinik in Brüssel zeugt seit 1983 Babys in der Petrischale - und lockt Kunden aus aller Welt an. Auch aus Deutschland. Denn in Belgien ist erlaubt, was hierzulande umstritten ist: Die Präimplantationsdiagnostik. Ein Besuch.
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Eine Uniklinik ist eine Uniklinik. In Brüssel sieht sie aus wie überall: Ein unspektakulärer roter Backsteinklotz. Innen wuseln Alltagsmenschen über dunkelblauen Teppich. Neonlicht bescheint Hinweistafeln, die durch ein Labyrinth von Gängen und Gebäuden zu weisen versuchen. Wer zum „Centrum voor Reproductieve Geneeskunde“ will, folgt der Farbe Blau in den zweiten Stock.

Erst dort, im großen Wartesaal, zeigen ein paar Schwarzweiß-Fotografien an den Wänden, worum es hier trotz aller Nüchternheit geht: um Babys. Hierhin, ins Zentrum für Reproduktionsmedizin, kommen Paare, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind. Tausende Patienten schleust das Zentrum im Jahr durch seine Behandlungsräume. 4500 Mal künstliche Befruchtung. 4500 Mal Hoffnung, dass es dieses Mal endlich klappt.

Jede Menge Frauen aller Art

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Nur jede dritte Frau, der hier ein Embryo eingesetzt wird, wird tatsächlich schwanger; jede vierte bringt am Ende das Baby zur Welt. Die sogenannte „Baby Take Home Rate“ liegt je nach Alter der Patientin zwischen 40 und weniger als zehn Prozent. Das ist mehr als anderswo, eine Erfolgsgarantie ist es aber nicht.

Im Labor: Unter dem Mikroskop kann der Embryo beobachtet werden
Im Labor: Unter dem Mikroskop kann der Embryo beobachtet werden Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

Trotzdem ist der Wartesaal voll. In einer Ecke starrt eine blonde hochgewachsene Frau im Business-Kostüm auf ihre Stiefelspitzen. Ihr gegenüber spricht eine winzige Burka-Trägerin, deren Alter man aufgrund der völligen Verschleierung nicht erraten kann, auf ihre westlich aufgebrezelte Begleiterin ein. Rundherum jede Menge Frauen aller Art - und ein paar Männer, die Händchen halten. Man wartet.

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30 Prozent der Patienten stammen aus dem Ausland

Die Schilder sind auf Flämisch, Französisch und Englisch; an der Information wechselt man ganz selbstverständlich zwischen den Sprachen. Die Mitarbeiter sind daran gewöhnt, dass ihr Zentrum Ziel Hunderter Paare aus der ganzen Welt ist. 30 Prozent der Patienten stammen aus dem Ausland: Frankreich, Amerika, Niederlande, immer mehr aus den arabischen Ländern, rund 200 pro Jahr aus Deutschland.

Der Mann, der für diesen Babytourismus gesorgt hat, sitzt wenige Meter vom Wartesaal entfernt in einem schmalen Büro, dessen Wände mit Regalen voller wissenschaftlicher Werke zugestellt sind. Paul Devroey ist ein sanfter Mann mit einer runden Hornbrille - und einer der bekanntesten Reproduktionsmediziner Europas. Sein guter Ruf und seine Kontakte zu Medizinern in aller Welt sorgen für den steten Strom ausländischer Patienten und damit auch für die guten Zahlen.

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Das Geschäft mit dem Kinderwunsch ist profitabel

16 Millionen Euro Umsatz hat sein Zentrum im vergangenen Jahr gemacht, davon zehn Prozent Gewinn. Nicht enthalten sind darin die Umsätze, die es für andere Abteilungen der Uniklinik generiert, insbesondere für Labor und Anästhesie. Dass das Geschäft mit dem Kinderwunsch profitabel ist, liegt auch daran, dass das belgische Gesundheitssystem die künstliche Befruchtung besonders großzügig entlohnt. Doch auch die Baby-Touristen aus aller Welt, die die Kosten in der Regel selbst tragen, spielen eine wichtige Rolle.

Devroey weiß, wieso sie sich gerade Brüssel aussuchen. „Die Amerikaner kommen, weil künstliche Befruchtung in Belgien billiger ist als bei ihnen, die Franzosen, weil man hier kürzer warten muss, die Araber, weil in ihren Ländern die Technik nicht so weit ist“, sagt er.

„In Deutschland sind alle Regeln zur künstlichen Befruchtung falsch“

Und dann sind da noch die Deutschen. Wenn Devroey über sie spricht, klingt es, als seien sie Flüchtlinge eines Unrechtsregimes. „Wenn deutsche Paare nach Belgien kommen, dann um hier etwas zu tun, das in Deutschland nicht erlaubt ist“, sagt er, legt eine Pause ein, um dann festzustellen: „In Deutschland sind alle Regeln zur künstlichen Befruchtung falsch, besonders die Regeln zur PID.“

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PID ist die Abkürzung für Präimplantationsdiagnostik (siehe Kasten). Sie ist für Paare interessant, die eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, schwer behinderte Kinder zu bekommen. Bei der PID werden Embryonen auf bestimmte Erbkrankheiten untersucht, bevor einer Frau nur diejenigen eingesetzt werden, die diese Krankheit nicht haben. In Deutschland galt die Untersuchung bisher als verboten. Paare, die es trotzdem machen wollten, mussten ins Ausland ausweichen. Devroey bedauert die Deutschen, die zu ihm kommen: „Sie haben das Gefühl, etwas Illegales zu tun - und sie müssen es selbst bezahlen. Das ist sehr teuer.“

Zwischen 4200 und 5400 Euro kostet eine künstliche Befruchtung in Brüssel. Dazu kommen die Kosten für die PID, die bei rund 4000 Euro liegen. Und das alles noch ohne die notwendigen Medikamente - und nur für einen Zyklus. Klappt es nicht, geht das Ganze von vorne los. Man muss schon einen Grund haben, um eine solche Prozedur über sich ergehen zu lassen.

„Die schleusen einen schnell durch“

Katja Wallinger erinnert sich noch gut daran, wieso sie vor wenigen Jahren für eine PID nach Belgien kam. Nach mehreren in Deutschland künstlich herbeigeführten Schwangerschaften, die vorzeitig endeten, entschloss sie sich zur genetischen Untersuchung. „Ich wollte einfach wissen, ob ich oder mein Mann womöglich eine Erbkrankheit hatten und ob der eingesetzte Embryo lebensfähig ist.“

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Das führte sie nach Brüssel, wo sie überrascht war, wie gut das Zentrum für Reproduktionsmedizin auf die Ausländer vorbereitet war. „Die schleusen einen schnell durch, sprechen alle Englisch. Das ist richtig effizient organisiert“, erzählt sie. Ebenfalls effizient organisiert war die Art der Bezahlung vor der Behandlung. „Man konnte dort gleich mit Kreditkarte bezahlen. Als ob man shoppen geht. Bizarr!“

Die Deutschen sind die größte Gruppe

Fälle wie die Wallingers kennt Maryse Bonduelle zu Hunderten. Sie leitet die Abteilung für medizinische Genetik der Uniklinik, fünf Gehminuten durch verwinkelte Gänge entfernt vom Zentrum für Reproduktionsmedizin. Bonduelle lächelt verhalten, wenn sie von ihren Patienten erzählt. „Viele Paare, die zu uns kommen, haben traumatische Erlebnisse hinter sich, zum Beispiel Fehlgeburten“, sagt sie. „Für sie ist die Grenze erreicht.“ Andere leiden an schweren Erbkrankheiten, die sie auf keinen Fall ihren Kindern weitergeben wollen.

Von allen Ausländern, die für die PID kommen, sind die Deutschen die größte Gruppe. 29 deutsche Paare waren es im Jahr 2009. Auch Franzosen, Schweizer und Norweger betreut Bonduelle. Ein gutes Geschäft ist das auf den ersten Blick nicht, denn: „Mit der PID verdienen wir zurzeit kein Geld, wir machen sogar Verluste“, sagt Bonduelle. Auf den zweiten Blick aber sieht es anders aus: Die genetische Untersuchung der Embryonen, die Entwicklung neuer genetischer Tests spricht sich herum - und wirkt wie Marketing für die Klinik, die auf herkömmlichen Wegen nicht werben darf. „Wir bauen das Image auf, ein Zentrum zu sein, das auf technologisch hohem Standard arbeitet“, sagt Bonduelle. „Das ist wichtig für uns.“

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Die Zeugung eines Menschen könnte nüchterner kaum ablaufen

Das technologische Herz des Kinderwunschzentrums schlägt in einem überraschend überschaubaren Labor - wiederum einige lange Gänge entfernt. Hier entstehen die kleinen Wesen, um die es geht, wenn Politiker über PID diskutieren: die Embryonen. Es geht geschäftig zu. Junge Menschen mit Kittel und Mundschutz tragen Petrischalen hin und her. Darin liegen Eizellen, die einer Frau im Nebenraum entnommen wurden. Unter dem Mikroskop wird einigen solcher Eizellen später gezielt ein Spermium injiziert. Das kann man beobachten, aber nicht begreifen. Die Zeugung eines Menschen könnte nüchterner kaum ablaufen.

Danach lagern die Petrischalen und harren dessen, was da kommt. Hat der Embryo acht Zellen, so wird ihm eine für die PID entnommen. Ganz langsam geschieht das, um das Wesen, das erst ein Zellhaufen ist, nicht zu vernichten. Dann wird das Genmaterial der entnommenen Zelle untersucht. Schnell muss das gehen, denn der Embryo muss bald in den Mutterleib.

„Eine schwierige Wahl“

Ein paar Schritte vom Labor entfernt, im Lager, werden gefrorene Eizellen in Behältern aufbewahrt, die wie Gasflaschen aussehen und auch Stickstoff enthalten. Irgendwo lagern hier auch Embryonen, die überzähligen, die die Eltern nicht mehr brauchen. Sie müssen entscheiden: Spenden sie die Embryonen einem anderen Paar, überlassen sie sie der Klinik oder entscheiden sie sich für die „Entsorgung“.

„Eine schwierige Wahl“, sagt der Chef des Kinderwunschzentrums Devroey. Es geht um die Frage, die deutsche Politiker den Paaren bisher durch ihre strengen Regeln ersparen wollen: Möchte man den Embryo vernichten oder irgendwo auf der Welt ein Kind haben, das man nicht kennt? „20 Prozent der Patienten spenden die Embryonen an andere Paare, 20 Prozent lassen sie entsorgen“, sagt Devroey. Die meisten, immerhin 60 Prozent, spenden sie der Wissenschaft. Das ist gut für die Klinik, kommt sie doch so günstig an Material für die Stammzellforschung. Verkaufen darf und will sie die Embryonen nicht.

Der Handel mit Embryonen, das ist schon wieder so ein heikles Thema - wie man ständig auf heikle Themen kommt, sobald man mit Devroey über sein Geschäft spricht. Stets geht es um Grenzen, um das, was erlaubt ist, erlaubt sein sollte. Doch für viele Paare hat es sein Gutes, dass diese Grenzen in Brüssel ausgelotet werden. Für die Wallingers zum Beispiel. Die Voruntersuchung zur PID ergab, dass sie keine schwere Erbkrankheit hatten. Also blieb es bei dem einen - erfolglosen - Versuch mit der PID. Danach versuchten sie es weiter mit der normalen künstlichen Befruchtung. Mittlerweile hat das Paar drei Kinder.

PID - was ist das?

Unter Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, versteht man die genetische Untersuchung eines Embryos, der durch künstliche Befruchtung entstanden ist. An Tag drei nach der Befruchtung, wenn der Embryo achtzellig ist, wird ihm eine Zelle entnommen und auf bestimmte Erbmerkmale hin untersucht. Der künftigen Mutter werden schließlich nur Embryonen eingesetzt, die etwa eine schwere Erbkrankheit nicht in sich tragen. Umstritten ist das Verfahren insbesondere deshalb, da in der Regel mehrere Embryonen gezeugt werden, um aus diesen den oder die besten auszuwählen.

Quelle: F.A.S.
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