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Fernsehtürme

Deutschland, deine Protzstengel

Von Rüdiger Soldt
 - 15:29
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Die Fernsehbilder der Krönungsfeier der britischen Königin Elisabeth II. waren im Stuttgarter Talkessel schlecht zu empfangen. Viele Stuttgarter beschwerten sich, der Süddeutsche Rundfunk (SDR) musste handeln. Das war im Juni 1953. Damals sollten die Stuttgarter allerdings noch nicht ahnen, dass sie einmal einen, wenn nicht den entscheidenden Beitrag zur deutschen Fernsehturmgeschichte leisten sollten.

Denn hätten damals einige Bürger, die von einem „Schandmal“ oder „Narrenstück“ sprachen, und einige schwäbische Kommunalpolitiker, denen das Vorhaben zu teuer war, recht bekommen, stünde heute auf dem „Hohen Bopser“ im Süden der Stadt nicht der 217 Meter hohe Fernsehturm. Der Stuttgarter Turm wäre dann nicht das Vorbild aller modernen Fernsehtürme geworden. Und vielleicht gäbe es dann auch in Deutschland in jeder größeren Stadt die aus Frankreich bekannten und provisorisch anmutenden Stahlgittertürme.

Die „schlanke Betonnadel“ übertrumpft jeden Stahlgitterturm

Der Mann, der die kleinmütigen Schwaben umstimmte, hieß Fritz Leonhardt, ein ehrgeiziger Ingenieur und schon damals bekannter Brückenbauer. Wie die meisten Ingenieure wollte Leonhardt einen Turm, der technisch auf der Höhe der Zeit war. Technisches Vorbild waren die Stahlbetonschornsteine. Stahlgittertürme missfielen Leonhardt aus zwei Gründen: Sie verunstalteten aus seiner Sicht die Städte und waren zudem technisch primitiv, was ja den Ehrgeiz eines Ingenieurs herausfordern musste. In eisigen Wintern brachen manche dieser Stahlgittertürme zusammen. Bei Sturm produzierten sie starke Schwingungen und verhinderten eine störungsfreie Übertragung des Fernsehsignals. Das waren die Kenntnisse, die Leonhardt auf seinen Reisen durch die Vereinigten Staaten gewonnen hatte. In Stuttgart setzte sich Leonhardt schließlich durch. Im Mai 1954 beschloss der SDR, die „schlanke Betonnadel“ zu bauen, im Juni war der erste Spatenstich, im Februar 1956 feierten die Stuttgarter die Einweihung.

Noch heute können Kinder auf der Aussichtsplattform Münzen mit dem Aufdruck „Der 1. der Welt“ pressen. Ein Restaurant gibt es seit einigen Jahren dort oben nicht mehr. Dafür hat man den Blick auf die weite Welt der Schwaben: Man sieht die Cabrios pfeilschnell die Weinsteige herunterfahren, das Mercedes-Stadion im Norden und das Gazi-Stadion am Fuß des Turms. Langsam schieben sich die gelben Straßenbahnwagen durch den Degerlocher Wald. Die Wolken werfen ihre Schatten auf die Untertürkheimer Weinberge. Wer in den Norden schaut, sieht den Odenwald. Wer in den Süden blickt, erkennt die Schwäbische Alb.

Quintessenz aus Religion, Sexualität und Nutzen

„West is the best“, hat jemand auf den leicht gealterten Beton des Fernsehturms geschrieben. Das ist ein Zitat aus der Werbung, aber keine Interpretation der Turmbaugeschichte im Nachkriegsdeutschland. Architekturpolitik spielte damals, als Leonhardt plante, eine untergeordnete Rolle: In Stuttgart lagen noch die Schuttberge in der Königstraße. Es gab Wichtigeres, als eine neue architektonische Symbolik für den Wiederaufbau zu schaffen. Vielleicht erklären sich die Schlichtheit des Stuttgarter Fernsehturmes, seine mathematische Klarheit und seine geradezu mechanistische Präzision auch aus der Ablehnung des Nazi-Monumentalismus. Leonhardt war die Aussichtsplattform für Kinder wichtig; der Turm sollte ein Ort der Entspannung, der Erholung und der Freizeit sein. Alfred Andersch schrieb 1956, er halte „den Fernsehturm wirklich für eine demokratisch Aktion“ - das ist eine der wenigen politischen Kommentierungen des Fernsehturmbaus.

Turmbauten dienten in der Geschichte fast immer der Machtdemonstration. Sie sollten helfen, Territorien zu kontrollieren. Weltliche und geistliche Herrschaften schmückten sich mit Turmbauten. Im 13. Jahrhundert bauten kriegerische Adelsfamilien im italienischen San Gimignano eine Vielzahl von Türmen. „Die Quintessenz vom Turm, was an sublimer Deutung zwischen Religion, symbolischer Sexualität und positivistischen Nützlichkeitsnachvollzügen man immer wählen mag, ist die Überhöhung, das Darübergelangen, die Verlegung des menschlichen Augpunktes über jene vier bis allenfalls sechs Fuß Höhe über den Standort hinaus“, schreibt der Architekt Christoph Hackelsberger.

Die Türme schießen fortan wie Pilze aus dem Boden

Der Ursprung der Fernsehtürme ist profaner. Daran kann sich Wilhelm Zellner gut erinnern. Der Ingenieur und ehemalige Mitarbeiter in Leonhardts Büro war an vielen Planungen von Fernsehtürmen beteiligt. 80 Prozent aller zwischen 1955 und 1982 gebauten Funktürme entstanden nämlich auf den Zeichentischen des Stuttgarter Ingenieurbüros. „Es gab weniger politische Vorgaben als beim Brückenbau, in die wir ja noch viele Jahre Sprengkammern eingebaut haben“, sagt Zellner. Jede Stadt habe ihren eigenen Turmkopf gewollt. Schnell waren die schönsten Formen für die Turmköpfe vergeben.

1959 bauen die Dortmunder einen 220 Meter hohen Fernsehturm. Er soll die Attraktion für die erste Bundesgartenschau werden. Bald darauf will jede bundesrepublikanische Stadt ihren Fernsehturm: Der in Hamburg misst 272 Meter, der Münchner 290 Meter, der Mannheimer 204 Meter, der Kölner 243 Meter und der später gebaute Frankfurter Turm 331 Meter. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist die Architektur des Turmkorbs: In Nürnberg versuchen die Architekten, das „Nürnberger Ei“ nachzuformen. In Köln hängte man den dreigeschossigen Turmkopf an schräg montierte Stahlstäbe - ein Zitat der Severinsbrücke. Die Hamburger Bauherren setzten sich für zwei getrennte Turmköpfe ein und schufen den „Tele-Michel“.

Den höchsten Fernsehturm in der alten Bundesrepublik bauen die Frankfurter. Er muss schon aus technischen Gründen die Hochhäuser überragen. „Gebaut wurde aufgrund von technischen Erfordernissen und geographischen Gegebenheiten“, sagt Zellner. Das heißt, die Höhe hing in der Regel von der Funkreichweite ab, die von der Bundespost gewünscht war. Zum Ausbau des Richtfunknetzes musste es etwa alle fünfzig Meter einen Turm geben.

Der „Leuchtturm des Sozialismus“ sollte Großes symbolisieren

Während in der Bundesrepublik, was ja typisch für diesen in repräsentativen Dingen auf Zurückhaltung bedachten Staat war, das pragmatisch Vernünftige und technisch Notwendige maßgeblich bei der Planung war, tanzten die Bauherren im Ost-Berliner Politbüro aus der Reihe. Hermann Henselmann, der Architekt der „sozialistischen Moderne“, soll zunächst vorgeschlagen haben, in der „Hauptstadt der DDR“ einen 600 Meter hohen Turm mit „Sputnikkugel“ als „Marx-Engels-Denkmal“ zu bauen. Doch aus dem in Beton gegossenen „Brüder zur Sonne“ wurde nichts. Das Politbüro wollte die Größe des ersten „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ auf deutschem Boden schneller zeigen. Gebaut wurde deshalb der „Leuchtturm des Sozialismus“ am Alexanderplatz: 365 Meter hoch, höher als alles, was westlich der Zonengrenze stand. Anders als von Fachleuten im Westen erwartet, war der Ost-Berliner Turm sogar 1969 zum 20. Jahrestag der DDR-Gründung fertig. Und anders als die Türme in Frankfurt oder Düsseldorf hätte er - technisch gesehen - gute hundert Meter niedriger sein können.

Doch der Turm war eine politische Manifestation der SED-Führung unter Walter Ulbricht, auch wenn die „sozialistische Stadtkrone“ von den Berlinern später als „Protzstengel“ oder - wegen der Reflexion eines Kreuzes bei Sonnenwetter - als „Sankt Walter“ verspottet wurde. Die SED wollte Macht und Größe demonstrieren und vor allem der Ausbreitung der westlichen Rundfunksender etwas entgegensetzen. Der wenige Jahre zuvor gebaute, 537 Meter hohe Moskauer „Ostankino-Fernsehturm“, dessen Konstrukteuren Fritz Leonhardt wichtige Ratschläge gab, durfte von dem Ost-Berliner Turm nicht überragt werden.

In Dubai soll 2009 die 700-Meter-Marke gesprengt werden

Im Westen tanzten dann merkwürdigerweise Mitte der siebziger Jahre die für ihr politisch moderates Auftreten bekannten Kanadier ebenso aus der Reihe: Der von privaten Bauherren geplante „CN Tower“ in Toronto war mit 553 Metern lange Zeit das höchste „nicht abgespannte“ freistehende Bauwerk. Das wird sich 2009 ändern, dann wird der „Turm von Dubai“ fertig sein, der dann mindestens 700 Meter hoch sein soll.

Manche Funktürme gehören immer noch den Rundfunkanstalten, einige den großen Kommunen. Die meisten Türme sind aber im Besitz der Deutschen Funkturm GmbH (DFMG), einer Tochtergesellschaft der Telekom. Noch Ende des vergangenen Jahres wollte die Telekom diesen Unternehmensteil veräußern, doch daran sei nun nicht mehr gedacht, heißt es. Die Zeit, in der neue Türme gebaut wurden, ist zwar vorbei, zur Verbreitung von Fernseh-, Rundfunk-, Richtfunk- und Mobilfunkwellen werden die Sendemasten und Türme trotz Verkabelung und trotz Satelliten noch gebraucht. Als Familienausflugsziele sind die Türme beliebt; ihren ursprünglichen Glanz haben sie dennoch verloren. In Stuttgart veranstaltet ein großer Automobilhersteller von Zeit zu Zeit eine „On Top Lounge“ im Café des Fernsehturms. Die Zeiten aber, als sich der marokkanische König im Turmrestaurant noch „Eier in Schildkrötengelee“ und „Hummerschwänze in frischer Kokosnuss“ bringen ließ, sind vorbei.

Quelle: F.A.S.
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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