Tokio Hotel
Geboren: 1. September 1989 (Bill und Tom Kaulitz), 31. März 1987, 8. September 1988 (die beiden anderen).
Populär seit: Juli 2005.
Bei: Mädchen (10-25 Jahre).
Besonderes Kennzeichen: schwarze Stachelhaare (Bill, bis September 2011), Rastazöpfe (Tom), totale Unauffälligkeit (die beiden anderen).
Typisches Zitat: „Das Schlimmste, was es für mich geben kann, ist Alltag.“ (Bill Kaulitz).
Welche Karriere dieses Zwillingspaar einmal machen würde, das hat niemand ahnen können. Aufgewachsen in schwierigen Familienverhältnissen in der ostdeutschen Provinz, entdeckten beide im Kindesalter ihr musisches Talent: Es zog sie auf die Bühne. Sie wurden Stars, auch wenn ihre Kostüme manchen schockierten, und eroberten auch das Ausland, wo sie sogar höhere Anerkennung genossen als in der Heimat. Und mit vierzig Jahren zogen sich beide für den Playboy aus.
Wie bitte? Ach so, nein, wir haben gar nicht von Bill und Tom Kaulitz gesprochen. Sondern von Alice und Ellen Kessler: geboren in Sachsen, 1952 in den Westen geflohen, 1955 Stars am Lido und später in Italien, wo sie - Mamma mia! - als erste Frauen im Fernsehen ihre Beine präsentierten. Es musste fünfzig Jahre dauern, bis die Kessler-Karrieren von einem anderen Zwillingspaar getoppt wurden: noch jünger, noch schockierender, noch weltberühmter, von Frankreich über Russland bis nach Amerika und, selbstverständlich, Japan.
Den Schneid muss man haben: seine Band nach der 9-Millionen-Metropole Tokio zu benennen, wenn man selbst aus Loitsche in Sachsen-Anhalt stammt. In dieses Kaff mussten Tom und Bill mit acht Jahren von Magdeburg umziehen; und für die auf dem Weg in die Pubertät ohnehin keimenden Gefühle Angst, Wut, Schmerz und Trotz muss Loitsche ein prächtiger Nährboden gewesen sein. Vor allem die Vorlieben des bekennenden Exzentrikers Bill - Nena-Lieder, Manga-Mode und Make-up - teilte die männliche Dorfjugend eher nicht.
Auch Jahre später, als Bill, Tom und zwei andere Jungs, von denen aber keiner spricht, zur beliebtesten deutschen Musikgruppe geworden waren, hasste niemand sie so sehr wie Nachwuchsmachos. Denn für jene stellt die im Grunde harmlos-liebe Band eine Gefahr dar: Wer mit seinen Hormonen um eine ordentliche Virilität ringt, dem kommt ein androgyner Sänger mit Nagellack, Kajal und Lisa-Simpson-Sternfrisur, der sich bei alledem als Hetero bezeichnet, verdammt ungelegen.
Längst haben erwachsene Kritiker zugegeben, dass sie die komischen Kinderrocker ganz gut finden, schon weil sie jetzt wissen, was die Jugend beschäftigt: zerfallene Welten, zertrümmerte Träume und andere Nettigkeiten, von denen Bill Kaulitz so singt. Und dass Bill mit seinen jetzt blonden Haaren und dem Dreitagebart zuletzt mehrfach zu einem der aufregendsten Männer (!) gewählt wurde - daran dürften die kleinen Machos wieder zu knabbern haben.
Noch mehr Helden
In dem Buch „Unsere Helden: Von Flipper bis Lady Gaga“ porträtieren Jörg Thomann (Texte) und Ole Könnecke (Illustrationen) rund 50 Kinder- und Jugendidole aus Pop, Film, Fernsehen,
Comic oder Sport. Sanssouci-Verlag, 128 Seiten, 9,90 Euro.














