Geflügelpest

Das deformierte Supervirus

05.02.2004
, 17:54
In einer Hühnerfarm auf Bali
Die Verwandlung eines Vogelgrippe-Virus in einen für Menschen gefährlichen Erreger kann offenbar schneller erfolgen als bislang angenommen. Das zeigt eine Untersuchung der Grippe-Pandemie von 1918, an der 20 Millionen Menschen starben.
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Mit wieviel Respekt, ja Ehrfurcht und Bangen, die Fachwelt wie die Öffentlichkeit dem grassierenden Vogelgrippevirus begegnen, läßt sich nicht nur mit der gigantischen Zahl an infizierten und getöteten Hühnern, Gänsen und Truthühnern erklären. Es hängt maßgeblich auch mit einem für die Medizin- wie die Menschheitsgeschichte zentralen Datum zusammen: 1918. In diesem Jahr, in dem die entscheidenden Schlachten des ersten Weltkrieges geschlagen wurden, sprang einer der gefürchteten Subtypen des Influenzavirus Typ A in Nordamerika vom Tier auf den Menschen über und breitete sich mit den nach Europa verschifften Soldaten blitzartig aus. Es entwickelte sich die mit Abstand verheerendste Grippeepidemie aller Zeiten. Die später so genannte "Spanische Grippe" erfaßte bis zum Jahr 1923 schätzungsweise 700 Millionen Menschen, mehr als zwanzig Millionen starben daran - doppelt so viele wie der erste Weltkrieg gefordert hatte.

Was diesen Erreger seinerzeit so außerordentlich gefährlich machte, weshalb die Menschen buchstäblich wie die Mücken umgefallen waren, dieses Mysterium ist bis zum heutigen Tag ungelöst geblieben. Vor knapp vier Jahren war es zwar der Gruppe um Ann Reid vom Pathologischen Institut der Armee in Washington D. C. gelungen, Reste von Erregern aus dem Lungengewebe nordamerikanischer Grippeopfer, das in Paraffin eingelegt worden war, zu isolieren und die aus Ribonukleinsäure bestehende Gensequenz des Virus zum großen Teil zu entziffern. Aber weder konnten die Forscher seinerzeit erklären, was genau die besondere Virulenz des Erregers auslöste, noch war man sich sicher, ob das Virus direkt von Geflügel auf den Menschen übertragen worden war. Reid meinte sogar, wegen der genetischen Unterschiede zu Vogelgrippeviren Hinweise dafür gefunden zu haben, daß sich das Virus schon Jahre vorher an Säugetiere angepaßt hatte, sei es beim Schwein als Zwischenwirt oder direkt beim Menschen.

Wichtige Hinweise auf Ausbreitung

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Zwei amerikanische Forschergruppen haben diese Analysen jetzt fortgeführt und anhand der Gensequenzen die genaue Struktur eines der entscheidenden Moleküle des Virus entschlüsselt. Es handelt sich um das Hämaglutinin, ein mit Zuckermolekülen besetztes Protein auf der Virushülle, das den ersten Kontakt und die Bindung mit den Zellen des Opfers aufnimmt und die anschließende Verschmelzung der Virushülle mit der Zellmembran einleitet. Es könnte, neben anderen Faktoren, wichtige Hinweise für die enorm schnelle Vermehrung und Ausbreitung des Erregers liefern.

Tatsächlich haben die Forscher in der dreidimensionalen Struktur kleine, aber markante Veränderungen gefunden, die das Bild von dem desaströsen Erregersubtyp präzisieren. Wie sie in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Science" berichten, hatte der Erreger in der Zusammensetzung der Aminosäuren, die Kontakt mit den Zellen aufnehmen, eindeutige Merkmale von echten Vogelviren. Die Kontaktstelle weist aber auch unerwartete, auffällige Deformationen auf. Sie erlaubten es dem Erreger offenkundig, effektiv an die menschlichen Zellproteine zu binden und so den direkten Sprung zum Menschen zu schaffen - um dessen Immunsystem völlig unvorbereitet zu treffen.

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Quelle: jom./ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2004, Nr. 31 / Seite 38
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