Absichtliche HIV-Infektionen

Eine Art von Todessehnsucht

Von Christoph Gunkel
18.04.2009
, 14:01
Homosexualität, Leichtsinn und mehr - ein schwer erklärbares Phänomen. Doch es existiert
Plötzlich ist Aids wieder ein Thema: Die „No Angels“-Sängerin Nadja Benaissa soll einen Partner infiziert haben. Vereinzelt gibt es sogar Menschen, die bewusst angesteckt werden wollen. Sie nennen sich „Pozzer“ - von „jemanden positiv machen“. Was treibt sie an?
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„Endlich!“, dachte Richard, als er im Sommer 2006 erfuhr, dass er sich mit HIV angesteckt hatte. „Ich war froh, erleichtert, glücklich, euphorisch“, erinnert er sich an den Moment nach der Diagnose. Jahrelang hatte er russisches Roulett gespielt, bewusst versucht, sich anzustecken. Er schlief ohne Kondom mit Männern, die er flüchtig über das Internet kannte. Von denen er wusste, dass sie positiv waren. Von denen er hoffte, dass sie ihm das Virus geben würden. Er tat es erst aus Fatalismus und weil die Todesgefahr reizte. Und schließlich aus unendlicher Liebe.

„Bug chaser“ nennen sich Suchende wie Richard (Name geändert), die sich absichtlich mit HIV infizieren wollen. „The gift“, das Geschenk, heißt das Virus in der Szene zynisch – und wer es absichtlich weitergibt, adelt sich zum „gift giver“. In Deutschland nennen sich diese Leute auch „Pozzer“ von „pozzen“ – jemanden „positiv machen“. Eine bizarre Sprache hat sich da in einer Nische innerhalb der Schwulenszene entwickelt, von der umstritten ist, ob sie groß genug ist, um überhaupt als Szene zu gelten: Es gibt kaum belastbare Statistiken, obwohl sich Sexualforscher und Soziologen damit beschäftigen. Nur in einem sind sie sich einig: Das Phänomen existiert – und mit dem Internet breitete es sich aus.

„Safer Sex: niemals“

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Auch Richard entdeckte erst vor sechs Jahren, dass es mit Web-Foren viel einfacher wurde, Sex-Abenteuer zu erleben. Nach und nach merkte er, dass er auf härteren Sex stand. Auf Schmerz. Auf Leder. „Diese sehr männlich markante Welt mit ihren muskelbepackten Kerlen zog mich völlig in ihren Bann.“ Sex ohne Kondom fand er nun „vom Gefühl her einfach geiler“. Noch ein paar Jahre zuvor war er bei seinen ersten Affären mit Männern vorsichtig gewesen, hatte immer auf geschütztem Sex bestanden.

Doch nun schrieb er bei der Suche nach Sexpartnern im Internet in seine Profilmaske: „Safer Sex: niemals“. „Ich hatte beschlossen, dass ich positiv werden wollte, weil ich wegen meiner sexuellen Vorlieben eines Tages sowieso positiv werden würde. Also bin ich zu einer Mischung aus Offensive und Verteidigung meiner Gefühle übergegangen.“ Langsam sehnte sich Richard nach dem Virus, war auf der Suche nach dem „finalen Schuss“. Er empfand „eine Form der Todessehnsucht“, verspürte einen Kick, wenn er Sex mit Männern hatte, die potentiell tödliche Erreger in sich trugen.

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„Wir wussten, dass wir eine Grenze überschritten hatten“

Erstaunlich genug: Trotz etlicher Dates infizierte er sich zunächst nicht. Vielleicht hätte der Reiz der Gefahr irgendwann nachgelassen. Vielleicht hätte er seine fatalistische Lebenseinstellung noch einmal revidiert. Vielleicht wäre er irgendwann wieder zu Safer Sex zurückgekehrt. Doch dann traf er Robert (Name geändert). Und verliebte sich Hals über Kopf. „Wir sahen uns in die Augen und wussten beide: ‚Der ist es!‘“ Es wurde die Liebe seines Lebens. „Wir waren die beiden Königskinder“, schwärmt Richard noch heute, drei Jahre später. Doch wie in jedem Märchen stand etwas zwischen ihrer Liebe – es war ihr unterschiedlicher HI-Status.

Denn Robert war positiv. Aber er wollte seinen neuen Partner auf keinen Fall anstecken. Richard belastete die Kluft zwischen schwerkrank und kerngesund. Er wollte Robert so nah wie möglich sein. Körperlich. Seelisch. Er fand den Gedanken romantisch, sich anzustecken: ein lebenslanges, verbindendes Schicksal – ohne Kompromisse, Diskussionen, Rücksichten. „Es war, als ob es noch das Einzige war, das fehlte, damit wir zusammenkommen können.“ Nach langen Gesprächen setzte sich Richard durch, und Robert ließ das Kondom weg. „Wir wussten, dass wir eine Grenze überschritten hatten“, erinnert sich Richard. Mit einer unumkehrbaren Folge: Er wurde positiv. Endlich, aus seiner Sicht.

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Viele berufen sich auf ihr Selbstbestimmungsrecht

Man kann leicht solch ein Verhalten kritisieren – ethisch, religiös, gesellschaftspolitisch: die Unverantwortlichkeit, bewusst eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit zu verbreiten. Den fahrlässigen Umgang mit dem eigenen Leben. Die Kosten für das Gesundheitssystem. Die Gefahr, dass Homosexuelle wegen des Verhaltens Einzelner mit alten Vorurteilen kämpfen müssen. Und auch aus juristischen Gründen ist das Verhalten problematisch – wie jüngst der Fall des „No Angels“-Stars Nadja Benaissa beweist: Die Sängerin sitzt wegen des Vorwurfs der „gefährlichen Körperverletzung“ in Untersuchungshaft, weil sie ungeschützten Sex gehabt haben soll, ohne ihre Partner vorher zu informieren, dass sie HIV-positiv ist. Mindestens einen Mann soll Benaissa infiziert haben, so die Staatsanwaltschaft. Auch wenn die Vorwürfe nur schwer zu beweisen sein dürften und Benaissa Vorsatz nachgewiesen werden müsste, gab es in der Vergangenheit bereits mehrere Verurteilungen wegen absichtlicher HIV-Infektionen. In Köln wurde ein Mann zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er vier Frauen ansteckte. Und selbst wer seinen Partner nicht infiziert, macht sich potentiell strafbar, wenn er vor ungeschütztem Sex seine HIV-Infektion verschwiegen hat.

Auch innerhalb der schwulen Szene wird über diese juristische Seite des „Pozzens“ debattiert. Doch die Diskussion ist noch komplexer und dreht sich um das Maß persönlicher Verantwortung: „Bug chaser“ berufen sich auf ihr Selbstbestimmungsrecht. Sie bestehen darauf, es mache eben einen Unterschied, sich selbst anzustecken – oder Fremde absichtlich zu infizieren. Dann gibt es die Anhänger des ungeschützten Sex, der in der Schwulenszene „barebacking“ genannt wird, was so viel wie „Reiten ohne Sattel“ bedeuten soll. Viele „barebacker“ sehen sich als Hedonisten, die ungehemmten Spaß haben wollen, jedoch keinen Reiz am Akt der Ansteckung selbst finden – aber auf speziellen „barebacking“-Partys trotzdem ein mörderisches Infektionsrisiko eingehen. Die meisten von ihnen sind sowieso positiv. Was spricht schon gegen ungeschützten Sex zwischen Positiven, argumentieren sie – und übersehen, dass sie dabei gefährliche HI-Unterstämme verbreiten können.

Die Grenzen von Schuld und Moral

In Hunderten Einträgen diskutieren Anhänger des „barebacking“ daher über Grenzen von Schuld und Moral: „Die Aidshilfe“, behauptet ein User, „hat selbst durch ihre Informationspolitik dem HI-Virus eine Aura des Verruchten verpasst, was dazu führte, dass eine Infektion mittlerweile den Status eines Fetisches hat!“ Manche HIV-Positive beschweren sich über häufige Pozzing-Anfragen. „Da könnte ich kotzen!“, schreibt einer. „Hatte schon einen Achtzehnjährigen, der unbedingt von mir gepozzt werden wollte. Da fehlen mir die Worte . . . Echt krank im Kopf!!!“ Und manchem Nutzer scheint alles egal: „Alle Krankheiten willkommen. Hohe VL (Viruslast) okay. Bin verseucht, und das solltest Du auch sein.“

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Was davon ist Realität? Handelt es sich um bewusste Tabubrüche? Oder nur um Sex-Phantasien, die gar nicht ausgelebt werden? Können Forscher überhaupt eine klare Trennlinie zwischen einem „bug chaser“ ziehen, der sich bewusst anstecken will – und einem „barebacker“, der auf Sex-Partys ein Risiko eingeht? Führen verbesserte Medikamente zu Leichtsinn? Seit etwa zehn Jahren beschäftigen sich amerikanische Wissenschaftler mit solchen Fragen. Die Ergebnisse sind mager, die statistische Basis dünn.

Der Wissensstand ist schmal

Eine empirische Studie der Forscher Christian Grov und Jeffrey Parsons hat eine beliebte „barebacking“- Website mit 24.000 Nutzerprofilen untersucht. Von denen gaben nur etwa 1600 an, „bug chaser“ oder „gift giver“ zu sein. Unter diesen 1600 war wiederum nur ein sehr geringer Prozentsatz, der offenbar bewusst HIV bekommen oder verbreiten wollte. Vielmehr schienen viele bereit, bei Gelegenheit die Ansteckung billigend in Kauf zu nehmen. Die Studie vermutet daher, dass „Hunderte Einzelpersonen HIV verbreitet oder zumindest opportunistische Intentionen dazu gehabt haben könnten“.

Der Sexualwissenschaftler Richard Tewksbury von der Universität Louisville fasst den schmalen Wissensstand, über den Konsens bestehe, zusammen: „Wir wissen, dass es das Phänomen ‚bug chasing‘ gibt, dass es relativ selten ist und dass es überwiegend von homosexuellen Männern praktiziert wird.“ Über die Motive dieser Menschen liefern die Studien verschiedene Hinweise. Für manche sei es die Erotik, die von der Kombination aus Sex und Todesgefahr ausgehe. Andere werten das Verhalten als extreme Form des gesellschaftlichen Protests. Eine gewisse Rolle scheint auch ein Gefühl der Erleichterung zu spielen, das manche Neuinfizierte paradoxerweise nach der Diagnose verspüren: Sie ziehen eine schlimme Gewissheit dem Leben mit der ständigen Angst vor der Ansteckung vor. Auch die Sehnsucht nach Gemeinschaft könnte, so vermutet Tewksbury, ein Grund sein, sich infizieren zu lassen. „HIV-Positive haben immer starke soziale, emotionale, finanzielle und psychologische Unterstützung von ihrer Gemeinschaft erfahren und häufig sehr dauerhafte Bindungen zu anderen Betroffenen aufgebaut.“

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„Vieles ist anders geworden“

Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten steht die Forschung in Deutschland noch ganz am Anfang. Und wer bei der Deutschen Aidshilfe nachfragt, spürt schnell ein Unbehagen, über dieses Thema Auskunft geben zu müssen. Pressesprecher Jörg Litwinschuh verweist auf die Medien, die die ganze Thematik „verzerrt und übertrieben groß“ darstellten. Pozzing bezeichnet er als „Randphänomen einiger weniger Personen, die leider für jegliche Präventionsbotschaften unerreichbar sind“. Dagegen gehe die überwältigende Mehrheit der Menschen mit HIV „ausgesprochen verantwortungsvoll“ mit ihrer Infektion um; der Kondomgebrauch bei Schwulen sei „deutlich gestiegen“. Der Begriff „Pozzing“ werde bewusst benutzt, „um den Mythos der verantwortungslosen Schwulen zu zeichnen, ebenso wie der Mythos von verantwortungslosen Positiven immer wieder kolportiert wird“. Diese Mythen förderten die Diskriminierung. Wer das Thema so moralisch auflädt, möchte Präventionsarbeit offenbar lieber im Stillen machen. Zu tun gibt es genug: Die Statistik des Robert-Koch-Instituts belegt, dass sich seit 2001 die Zahl der HIV-Neudiagnosen von 1443 fast verdoppelt hat – der Großteil ging dabei auf Männer zurück, die Sex mit Männern hatten.

Auch Richard weiß, dass seine Lebensgeschichte ein gesellschaftspolitisch extrem sensibles Thema ist – auch wenn Fälle wie seiner zu selten sind, als dass sie Ursache der gestiegenen Zahlen sein könnten. Nach langem Zögern hat er seine Geschichte dennoch erzählt, auch um scheinbar irrationales Verhalten zu erklären. Seinen folgenschweren Entschluss hat er bis heute nicht bereut. „Natürlich macht man sich Gedanken, wie das Leben hätte sein können. Aber wieso sollte ich mir den Kopf über etwas zermartern, von dem ich entschieden habe, dass ich mit den Konsequenzen werde leben lernen, leben lernen wollte?“

Doch die Folgen der Infektion spürt er bereits. Er ist jetzt anfälliger für Krankheiten, wird von den aggressiven Medikamenten schneller müde, irgendwann könnte jeder Infekt tödlich werden. „Vieles ist anders geworden“, sagt Richard, inzwischen mit Robert verlobt und eine treue Seele geworden. „Aber eines bleibt: eine von Gott gestärkte Liebe, die uns geschenkt wurde.“ Und die hätte es, davon ist er überzeugt, ohne seine selbstzerstörerische Infizierung nicht gegeben.

Quelle: F.A.Z.
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