Aids-Hospizdienst

Sterben als Lebensaufgabe

Von Peter-Philipp Schmitt
28.11.2009
, 12:07
Fast immer im Dienst: Schwester Juvenalis (li.) und Schwester Hannelore
Zwei Franziskanerinnen gründeten in Berlin den ersten ambulanten Aids-Hospizdienst Deutschlands. Sie begleiten Aidskranke bis in den Tod. Und haben gegen viele Vorurteile zu kämpfen.
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Über ihrem roten Rollkragenpullover hängt eine Kette mit Anhänger. „Das ist kein Kreuz“, sagt Schwester Hannelore, „das ist ein Tau. Wir tragen es immer, es ist das Symbol unserer Ordensgemeinschaft.“ Schwester Juvenalis fasst sich an ihren getupften Seidenschal: „Mein Tau ist oben in der Wohnung.“ Sie habe die Kette nur abgelegt, weil sie vorhin noch gekocht habe. „Und dabei baumelt sie mir immer in den Kochtopf.“

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Das Tau, der 19. Buchstabe des griechischen Alphabets, war für Franziskus das Zeichen der Erwählung und Erlösung - so wie es schon beim Propheten Ezechiel im Alten Testament zu finden ist. Für die franziskanische Familie ist es ein Vermächtnis ihres Heiligen, ein Zeichen des Segens und des Friedens. In dieser Tradition sehen sich Schwester Hannelore und Schwester Juvenalis. Ihre Ordenstracht tragen sie nur noch zu bestimmten Anlässen: etwa zur Berliner Aidsgala, dann natürlich mit roter Aidsschleife an der schwarzen Nonnenkluft. Anfangs, als die beiden noch neu in der Stadt waren und im Franziskanerkloster Pankow mit Brüdern zusammenlebten (übrigens ein Novum in der Klostergeschichte, wie Schwester Hannelore sagt), gingen sie noch mit Schleier auf die Straße und in die Wohnungen der Sterbenden. Die Reaktionen, so Schwester Juvenalis, seien manchmal heftig gewesen. „Oh, mein Gott“, habe einer der Kranken mal gesagt. „Nun habe ich schon Aids, und dann kommen auch noch Nonnen zu mir. Wollt ihr mich gleich totbeten?“

Die Familie hatte ihn verstoßen

Schwester Juvenalis, Jahrgang 1937, wusste, worauf sie sich einließ. Die Mauritzer Franziskanerin (benannt nach dem Kloster in Münster St. Mauritz, wo sie viele Jahre eine Männerstation in einem Krankenhaus leitete) erinnert sich noch gut an ihren ersten Aidskranken. Der Mann stammte aus Frankfurt und wurde 1991 als Notfall auf ihre Station gebracht, als er in Münster zu Besuch bei seiner Großmutter war. Die Familie hatte ihn verstoßen. „Dass er schwul war“, sagt Schwester Juvenalis, „hatten seine Eltern so gerade noch akzeptiert. Als er sich aber mit HIV infizierte, wollten sie nichts mehr von ihm wissen.“ Das Erste, was er zu ihr sagte: dass er gewiss nicht freiwillig in ein katholisches Krankenhaus mit Ordensschwestern gegangen wäre. Das sei schwer für sie gewesen, sagt Schwester Juvenalis. Doch dann, kurz bevor er an Aids starb, habe er sie noch einmal gerufen und sich bei ihr bedankt: „Ich habe hier ein anderes Gesicht der Kirche kennengelernt.“

Namenskärtchen erinnern an die fast 200 Aidskranken, die der Hospizdienst beim Sterben begleitet hat
Namenskärtchen erinnern an die fast 200 Aidskranken, die der Hospizdienst beim Sterben begleitet hat Bild: Andreas Pein

Schwester Juvenalis erkannte damals, dass es so nicht weitergehen konnte. „Wir mussten uns als Franziskanerinnen klar darüber werden, wie wir uns zu dieser Krankheit stellen wollen.“ In der jüngeren Mitschwester Hannelore (sie ist Jahrgang 1960) fand sie eine Weggefährtin. Am 4. Oktober 1991, am Gedenktag des heiligen Franziskus, schrieben die beiden Nonnen an ihre Generaloberin und baten darum, nach Berlin versetzt zu werden. Ihr Wunsch sei es, aidskranke Menschen in ihren letzten Wochen zu begleiten - und zwar am liebsten in der vertrauten Umgebung des Sterbenden. „Uns war natürlich klar, dass der überwiegende Teil der HIV-Infizierten schwule Männer waren“, sagt Schwester Hannelore. „Doch wir nehmen jeden Kranken so, wie er ist.“

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So zogen die Frauen 1992 nach Berlin

Nach nicht einmal sechs Wochen lag den beiden Franziskannerinnen „das absolute Ja“ vor, wie Schwester Juvenalis es nennt. Noch heute scheint sie es kaum glauben zu können, dass die Klosteroberen ihrer Idee zustimmten. So zogen die Frauen 1992 nach Berlin. Dort arbeiteten sie zunächst noch einige Jahre in der stationären und ambulanten Aids-Pflege, um sich auf ihre eigentliche Aufgabe vorzubereiten. Nach fünf Jahren wagten sie den entscheidenden Schritt: Sie gründeten den ersten ambulanten Aids-Hospizdienst Deutschlands und nannten ihn Tauwerk. „Das Wort“, findet Schwester Hannelore, „ist durch und durch positiv besetzt.“ An Franziskus dächten allerdings die wenigsten, wenn sie den Namen hörten. Vielmehr erinnere er die meisten Menschen an ein starkes Seil, das ihnen Halt geben könne. Zudem stecke die Silbe „tau“ ja auch noch in so positiv besetzten Worten wie „Morgentau“ und „auftauen“.

Der Anfang war schwer. „Eine Nonne kommt mir nicht ins Haus“, hieß es so manches Mal abweisend am Telefon. „Man darf nicht vergessen“, sagt Schwester Hannelore, „damals gab es Bischöfe, die von der ,Geißel Gottes' sprachen. Und dann hieß es ja auch: Hätten die Aidskranken nicht so ein liederliches Leben geführt!“ Auch Marc Mattulat und Paul Johansmann waren skeptisch, als sie an die Ordensfrauen verwiesen wurden. Johansmann war 1997 schwer erkrankt. Er litt wegen seiner HIV-Infektion an Toxoplasmose und Lymphdrüsenkrebs. Mattulat, Studienrat an einer Berliner Schule, brauchte dringend eine Betreuung für seinen Partner. „Als ich hörte, dass hinter Tauwerk zwei Nonnen steckten, wollte ich erst gar nicht anrufen“, erzählt er. „Denn Paul war Katholik und mehr als einmal von seiner Kirche verletzt worden.“

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Der Jüngste war 23, der Älteste 85

Schließlich aber blieb Mattulat nichts anderes übrig. Kurze Zeit später klingelten die Franziskanerinnen an der Tür. „Die Chemie stimmte sofort“, sagt Mattulat. „Es ging ja zunächst auch nur darum, dass Paul abends versorgt wurde.“ Der Kranke setzte aber Schwester Juvenalis zunächst gehörig zu. „Ich trete aus der Kirche aus, hat er mit Entschiedenheit erklärt“, erzählt die Ordensfrau. Später habe er leise fragend hinzugefügt: „Kommst du dann auch noch?“ Sie kam, jahrelang, und es entwickelte sich eine Freundschaft. Wenn Schwester Juvenalis davon erzählt, wie Paul Johansmann im Juni nach zwölf gemeinsamen Jahren gestorben ist, während sie mit Marc Mattulat auf seiner Bettkante saß, dann kommen ihr die Tränen.

Paul Johansmann ist nur einer von 21 Berliner Aidskranken, die von den 33 ehrenamtlichen und den beiden hauptamtlichen Tauwerk-Mitarbeitern in diesem Jahr bis zu ihrem Tod begleitet wurden. Jeder Tote ist auf einer Karte am „Gedenkvorhang“ im Büro des Hospizdienstes verewigt - der Jüngste war 23, der Älteste 85, die meisten von ihnen kaum 40 Jahre alt. Nur etwa ein Viertel sind Frauen. Im Januar, beim Neujahrsempfang, wird alljährlich der Verstorbenen gedacht, danach werden die Namen der Toten aus dem jeweils vorausgegangenen Jahr an den Vorhang geheftet. „Wir haben absichtlich keine Wand, sondern einen Vorhang gewählt, weil er durchlässig ist.“ Schon bald wird die Zahl 200 überschritten sein. Jahr für Jahr sterben in Berlin 100 bis 110 Menschen an den Folgen von Aids. Gut ein Viertel der Toten wird von Tauwerk begleitet, dem bis heute noch immer einzigen auf Aids spezialisierten ambulanten Hospizdienst in Deutschland. Die Begleitung wird unentgeltlich geleistet, die Arbeit finanziert sich überwiegend durch Spenden.

„Wir sind ja keine Missionare

Nicht allen Patienten bleibt so viel Zeit wie Paul Johansmann. Schwester Hannelore, die als Leiterin die ehrenamtlichen Hospizhelfer auf ihre Arbeit vorbereitet, wird oft auch nachts nur zu einer Sitzwache in ein Krankenhaus gerufen, um in den letzten Stunden an der Seite eines Sterbenden zu bleiben, der sonst keine Angehörigen oder Freunde hat. Auch gestalten die Mitarbeiter Trauerfeiern. Ein würdevoller Abschied ist ihnen wichtig - besonders bei Menschen, für die das Sozialamt die Bestattungskosten trägt und die oftmals anonym beigesetzt werden. Zugleich kümmert sich Tauwerk um die Hinterbliebenen. Marc Mattulat zum Beispiel trifft sich oft mit „Juvi“, wie er Schwester Juvenalis nennt.

Dann sitzen sie in der Wohnung der beiden Nonnen über dem Tauwerk-Büro, die 2004 zu ihrem kleinen Kloster geworden ist. Konvente mit nur zwei Franziskanerinnen seien längst keine Seltenheit mehr, sagt Schwester Hannelore. Und so beginnt jeder Tag mit den Laudes („gleich nach der Dusche und der ersten Tasse Kaffee“), es wird gemeinsam gebetet und gegessen, abends endet der Tag mit der Vesper. Auch wenn vor allem die Jüngere der beiden täglich 24 Stunden „rufbereit“ ist, so ziehen sich die Frauen immer wieder in ihre Ordensgemeinschaft zurück. Man dürfe nicht auf die andere Seite gehen, sagt Schwester Juvenalis. Für ihre Arbeit ist das richtige Maß an Nähe und Distanz entscheidend. Abstand sei nötig. „Ich scheue mich aber nicht, Menschen auch in den Arm zu nehmen.“ Einer der schönsten Momente in ihrem langen Leben: „Einmal durfte ich einen Sterbenden taufen.“ Nicht mit Worten hatte sie den Kranken überzeugt - „Wir sind ja keine Missionare.“ Sie war einfach nur für ihn da, und weil es dann so schnell gehen musste, taufte sie ihn eben selbst. Am nächsten Morgen schon war er tot.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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