Aids im Berufsleben

Mit Virus beschäftigt

Von Peter-Philipp Schmitt
17.08.2009
, 17:45
Offen positiv: der Berliner Bankangestellte Dirk Stöllger
Aids ist eine chronische Krankheit, die mit besonderem Stigma behaftet ist. Viele Infizierte verschweigen dem Arbeitgeber daher lieber ihre Ansteckung. Wer sich dennoch „outet“, ist vom Gesetz geschützt - und macht womöglich positive Erfahrungen.
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Als Dirk Stöllger von seinem positiven HIV-Test erfuhr, schrieb ihn der Arzt zunächst für drei Wochen krank. Schon damals stand für den Berliner aber fest, dass er „nie mit einer Lüge“ arbeiten werde. Und so erzählte er auch nach den drei Wochen ohne Umschweife seinem Arbeitgeber von der HIV-Infizierung. Wenn er heute doch einmal krank wird und einer der Kollegen sich über sein Fehlen beschwert, kann der Vierzigjährige offensiv und flapsig damit umgehen: „Wir können ja tauschen: Du bekommst mein Virus, und ich bin fortan kerngesund.“ Meist zeige sich dann, sagt Stöllger, dass der Kollege sein Gemeckere gar nicht ernst meinte und es ihm leid tue.

Stöllger, offen schwul und offen HIV-positiv, hat bei der Berliner Commerzbank eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht. Wirklich diskriminiert oder stigmatisiert habe ihn niemand bei der Arbeit, seit er im Juni 2003 erstmals von seiner Infizierung sprach. „Die Solidarität mir gegenüber ist nach meinem Outing sogar gewachsen.“ Plötzlich hätten sich die Kollegen intensiv mit HIV und Aids auseinandergesetzt und viel Verständnis für seine Situation gezeigt. Damals - vor sechs Jahren - sei es gesundheitlich mit ihm ziemlich bergab gegangen. Erst die Therapie mit neuen Aids-Medikamenten und wohl auch sein freimütiger Umgang mit der Krankheit halfen ihm wieder auf die Beine.

Nicht alle Kollegen vermag er zu überzeugen

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Stöllger hat in ganz Deutschland noch drei weitere offen HIV-positive Kollegen bei der Commerzbank kennengelernt - über das interne Internet-Forum „arco“ (spanisch für „Regenbogen“ oder „Vielfalt“). Es richtet sich innerhalb des Commerzbank-Konzerns an alle „schwulen, lesbischen, bisexuellen und transsexuellen Kolleginnen und Kollegen“, damit sie sich gegenseitig helfen können. Auch andere große Unternehmen bauen auf solche vertraulichen Mitarbeiternetzwerke. Stöllger, der sich seit 15 Jahren im Betriebsrat für „Minderheiten“ einsetzt, kennt allerdings auch eine Reihe HIV-positiver Kollegen, die sich nicht offenbaren wollen. „Ich rate ihnen auch nicht dazu, ich erzähle ihnen nur von meinem Leben und wie gut es mir nach meinem Outing ergangen ist.“ Nicht alle Kollegen vermag er zu überzeugen. Seit vier Jahren ist er zudem ehrenamtlich bei einem Arbeitsgericht tätig. „Mir ist auch dort kein einziger Fall bekanntgeworden, dass jemand wegen seiner HIV-Infektion gekündigt worden wäre.“

Auch Markus Eber (Name von der Redaktion geändert) hat erfahren, dass es von Vorteil sein kann, sich seinem Arbeitgeber anzuvertrauen. Trotzdem möchte er lieber anonym bleiben. Der Strategieberater von IBM, der zu keiner der sogenannten Hauptbetroffenengruppen zählt, wurde ebenfalls vor sechs Jahren positiv getestet. „Ich war wie vom Schlag getroffen“, sagt Eber. Die Infektion hat er sich durch eine verunreinigte Blutkonserve nach einem Sportunfall in der Dominikanischen Republik im Jahr 1999 zugezogen. Fast zwei Jahre lang hatte der Münchner nicht den Mut, am Arbeitsplatz offen über seine Krankheit zu reden. „Selbst die Mediziner in der Uniklinik rieten mir davon ab, meinem Arbeitgeber die Wahrheit anzuvertrauen.“ Die Arztbesuche, die zahlreichen Medikamente, die er auch während seiner Dienstreisen einnehmen musste, sowie wochenlange Klinikaufenthalte brachten ihn aber immer wieder in Erklärungsnöte.

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Während einer Präsentation brach er zusammen

Schließlich brach Eber während einer Präsentation für Kunden zusammen. „Danach fragte mich mein Personalchef, ob er irgendetwas für mich tun könne“, erzählt Eber. Kurz entschlossen offenbarte er sich ihm - und war von der Reaktion überrascht. „Herr Eber, wir werden alles dafür tun, damit Sie weiter für uns arbeiten können“, habe der Personalchef ihm gesagt. „Ich dachte zunächst, man würde mich zumindest auf irgendeine Position abschieben.“ Doch im Gegenteil: Der Vierzigjährige fühlt sich auf seiner gewohnten Arbeitsstelle und von seinem Unternehmen derart motiviert, dass er seit nunmehr dreieinhalb Jahren nicht mehr in ein Krankenhaus musste. „Vorher ging es mir andauernd schlecht. Seither bin ich ausgeglichen und fühle mich viel besser.“

Arbeitsrechtler wie der Kölner Anwalt Jacob Hösl empfehlen HIV-Positiven trotzdem, genau abzuwägen, bevor sie sich zu einem Outing entschließen. „Wenn ein Infizierter befürchten muss, seine Offenheit könnte negative Folgen für ihn haben, sollte er seine Ansteckung verschweigen.“ Jeder Arbeitnehmer habe dazu das Recht. Selbst im Vorstellungsgespräch darf ein Arbeitssuchender lügen, wenn er auf eine mögliche HIV-Infizierung angesprochen wird. „Offenbar glauben Arbeitgeber noch immer, sie hätten ein Recht darauf, nach der HIV-Infektion ihres künftigen Mitarbeiters zu fragen“, sagt Krone. Die Gesetzeslage ist aber eindeutig. Wenn überhaupt, dann ist nur eine Berufsgruppe verpflichtet, über einen positiven HIV-Test Auskunft zu geben: Piloten. Wer ein Flugzeug mit mehr als 200 Passagieren an Bord fliegt, hat unbestreitbar eine besondere Verantwortung. Und so legt das Bundesverkehrsministerium als Ergänzung zum Luftverkehrsgesetz fest: „Ein positiver HIV-Test macht untauglich.“ Der Gesetzgeber geht von einem besonderen Risiko für die Allgemeinheit aus, weil Aidskranke oftmals Medikamente einnehmen müssen, die unberechenbare Nebenwirkungen haben können - unter anderem Depressionen. Warum aber an einen Zugführer, an den Fahrer eines Reisebusses oder eines Gefahrguttransporters nicht die gleichen Anforderungen gestellt werden, ist Juristen wie Jacob Hösl ein Rätsel.

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Ein verpflichtender HIV-Test ist unzulässig

Auch medizinisches Personal muss nicht über eine mögliche Infektion Auskunft geben. Ein verpflichtender HIV-Test ist unzulässig, wie der Vorstand des Frankfurter Universitätsklinikums erfahren musste. Er hatte im April 2006 einen solchen Test all jenen seiner Mitarbeiter vorschreiben wollen, die „invasive Tätigkeiten“ ausübten - in der Chirurgie, Orthopädie, Gynäkologie und Urologie. Nun haben sich in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten zwar mehr als fünfzig Krankenschwestern und Ärzte in Deutschland mit HIV infiziert, meist durch Stiche mit einer verunreinigten Nadel. Ein Fall aber, dass ein Patient sich in einem Krankenhaus bei einem HIV-positiven Mitarbeiter angesteckt hätte, ist in Deutschland nicht bekanntgeworden. Darum sei auch ein verpflichtender HIV-Test „unverhältnismäßig“, schrieb der Bremer Rechtsprofessor Gerhard Stuby im Jahr 2006 in seiner Stellungnahme.

Wie viele HIV-infizierte Arbeitnehmer aus Angst vor Unannehmlichkeiten ihre Ansteckung lieber verschweigen, wie viele von ihnen tatsächlich negative Erfahrungen gemacht haben, womöglich gekündigt wurden, ist nicht bekannt. „Wir wissen es einfach nicht“, sagt Hösl, der schätzt, dass er im Jahr „zwischen zwanzig und dreißig schwerwiegende Fälle“ juristisch betreut. Hösl berichtet von einem Metzger, der viele Jahre lang in einem Familienbetrieb am Rande einer deutschen Großstadt arbeitete. Das Verhältnis zu seinem Chef sei damals gut, das zu den Kollegen zum Teil noch besser gewesen. Eines Tages verletzte sich der Metzger mit einem Messer schwer. Die Kollegen konnten die Blutung stillen, bevor der Verletzte in ein Krankenhaus ging. Letztlich schien alles nicht so schlimm gewesen zu sein. Der Metzger aber quälte sich trotzdem: Sollte, ja musste er nicht seinem Chef endlich eröffnen, dass er HIV-infiziert ist? Obwohl bei dem Unfall keine Ansteckungsgefahr bestanden hatte, erzählte er von seiner Infizierung. Die Kollegen fühlten sich betrogen, am nächsten Morgen schon hatte der Metzger seinen Auflösungsvertrag auf dem Tisch.

Lieber anonym bleiben

Dass Hösls Mandanten lieber anonym bleiben, ist verständlich: Gerade weil ihre HIV-Infektion bekanntwurde, sind sie in ihrem Job diskriminiert worden. Viele von ihnen haben nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern auch ihr bisheriges Leben. Dass sie aufgrund ihrer Infektion, also „diskriminierend“ gekündigt worden sind, lässt sich nach Auskunft des Anwalts allerdings nicht immer nachweisen. „Wenn sich der Arbeitgeber an die Fristen hält und sich nicht weiter dazu äußert, ist ihm kaum beizukommen.“

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Eine HIV-Infektion ist grundsätzlich kein Kündigungsgrund - selbst wenn der Mitarbeiter häufiger krank sein sollte. Aids unterscheidet sich nach Meinung der meisten Experten in dieser Hinsicht nicht von anderen chronischen Krankheiten. Auch wenn die Kollegen verlangen - wie im Fall des Metzgers -, der Infizierte müsse entlassen werden, darf ein Chef keine „Druckkündigung“ aussprechen. Im Gegenteil: Er hat sogar die Pflicht, sich schützend vor den Betroffenen zu stellen.

Dirk Stöllger und Markus Eber können sich heute kaum noch vorstellen, dass sie einmal Angst hatten, offen am Arbeitsplatz über ihre HIV-Infektion zu sprechen. Allerdings sind IBM und die Commerzbank auch keine kleinen Familienbetriebe. Große Unternehmen haben strikte interne Vorgaben, was die Gleichbehandlung und „Vielfalt“ ihrer Mitarbeiter angeht. Firmen ohne ein „Diversity Management“ müssen mittlerweile mit empfindlichen Strafen rechnen, seit es Anti-Diskriminierungs-Richtlinien gibt. Doch es geht auch ohne Zwang. Ein HIV-Infizierter berichtet von seinem Arbeitgeber, der nur noch Positive einstellen will und sagt: „Wer eine emotional so schwere Zeit durchgemacht und überstanden hat, den kann im Berufsleben nichts mehr aus der Bahn werfen, der ist belastbar.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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